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1930 in der Weimarer Republik geboren, während der Diktatur der Nationalsozialisten (Nazis) aufgewachsen und erzogen worden. Danach ab 1945 von der kommunistischen Diktatur zu einem „staatsnahen Nichtgenossen" umerzogen worden, bis ich endlich, nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, in einem demokratisch regierten Deutschland als Rentner meinem Lebensabend genießen kann.
Wie viel Veränderungen zum Guten und zum Schlechten verträgt ein Mensch ohne dabei Schaden zu nehmen? Ich kann es nicht beantworten. Denn immer musste ich mich den gegebenen Bedingungen „Der jeweils herrschenden Klasse" anpassen und unterordnen, um in einer durch Fleiß und Tüchtigkeit geschaffenen Nische den erarbeiteten, bescheidenen Lebensstandard genießen zu können.
Damit genug Überlegungen zu Papier gebracht, zurück zu den Tatsachen.
1989/90 waren die Jahre einer gewaltigen politischen Veränderung, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann. Nicht nur die Mauer kam zu Fall, sondern auch die SED, und mit ihr ein Teil meiner Vorgesetzten. Mein oberster Vorgesetzter, der Bürgermeister, die Kaderleiterin und der Abteilungsleiter Finanzen machten den Anfang. Danach waren die Beschäftigten der Kindergärten und anderer städtischer Einrichtungen an der Reihe. Sie wurden praktisch über Nacht rücksichtslos zu Arbeitslosen degradiert.
40 Jahre lebte ich in der Deutschen Demokretischen Republik, und immer verlief mein Leben in geregelten Bahnen. Am Montag kannte ich den Arbeitsablauf der ganzen Woche im Voraus. An die vielen Engpässe bei Material und Arbeitskräften hatte ich mich längst gewöhnt, umging sie und passte mich an. Irgendwie ging's immer weiter. Außergewöhnliches ereignete sich nicht. Wenn die Rede von einer Wiedervereinigung aufkam, glaubte ich, sie wäre nur nach einem Krieg möglich. Deshalb: „Lieber rot als tot."
Ich hatte mich geirrt. Nicht vom Westen wurde das Wunder initiiert, sondern vom Osten - mit einem neuen Begriff: „Glasnost". Gorbatschows Warnung: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" wurde zunächst gar nicht ernst genommen, weder von Erich Honecker noch von anderen Persönlichkeiten der DDR-Regierung. Sehr wohl aber vom einfachen Volk, den Arbeitern und Angestellten, die darin eine Möglichkeit sahen, der Reglementierung und der Mangelwirtschaft ein Ende zu bereiten.
Plötzlich wurden im (West)Fernsehen Szenen von friedlichen Demonstrationen gezeigt, die in den größeren Städten der Republik für Aufregung sorgten. Kirchen öffneten ihre Türen auch für Nichtchristen und gaben den Demonstranten Gelegenheit, sich zu den so genannten „Friedensgebeten" zu versammeln.
In Zeulenroda versammelten sich die Menschen immer donnerstags in der Dreieinigkeitskirche. Ich ging nie hin, erstens war mein Arbeitgeber eine staatliche Behörde und zweitens war Sohn Ulrich Armeeangehöriger. Irgendwie wurde ich in politischer Hinsicht schon zu oft verkohlt.
Durch die Losung: „Wir sind das Volk" änderten sich fast über Nacht die Machverhältnisse im Land. Die Regierung musste den Zwängen nachgeben und ließ als erstes die DDR-Flüchtlinge aus der deutschen Botschaft in Prag in die BRD ausreisen. Ungarn öffnete seine Grenzen nach Österreich und zu guter Letzt, im November 1989 wurde, drei Tage nach unserem 40. Hochzeitstag, auch die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten geöffnet - ohne dass je ein Schuss gefallen war.
Noch heute erinnere ich mich genau an die ersten Tage nach der Grenzöffnung. Immer wenn ich morgens kurz nach 6 Uhr in meine Werkstatt in der Schuhgasse ging, beobachtete ich Schlangen von Fahrzeugen, die sich durch die Karl-Marx-Straße (Schopperstraße) wälzten. Alle fuhren Richtung Schleiz zum Übergang Juchhöh (Hirschberg). Am Nachmittag, als ich Feierabend hatte, lief der Verkehrsstrom in entgegengesetzter Richtung. Jeder, der ein Fahrzeug hatte, brach gen Westen auf, um sich da umzusehen, das Begrüßungsgeld abzuholen, um es sofort wieder auszugeben - für Kofferradios und ähnliche Dinge, auf die DDR-Bürger immer verzichten mussten.
An einem Sonntag, es war der 19. November 1989, die Sonne schien, aber das Thermometer zeigte einige Grad unter Null an. Nach dem Mittagessen machte Jenny den Vorschlag, dass wir uns bei diesem schönen Wetter einmal die Fahrzeugschlangen auf der Autobahn ansehen könnten. Dass wir uns da mit einreihen könnten, daran dachte ich überhaupt nicht.
Wir fuhren mit dem Wartburg nach Schleiz und sahen schon von weitem die Autobahn. Sie war leer! Lag es am Totensonntag? Statt von einer Brücke aus den Verkehr zu beobachten, lenkte ich den Wagen zur Auffahrt der A9, Richtung Hof. Jenny gestand mir, die Personalausweise, Reisepässe und ein Paar „Westmark" vorsorglich eingesteckt zu haben. Ich könnte also getrost bis zur Grenze weiterfahren.
Am Kontrollpunkt wurden unsere Ausweise von den DDR-Grenzbeamten kontrolliert und wir durften durch die Schikanen hindurch über die Saalebrücke in Richtung Westen weiterfahren. An der West-Kontrollstelle wurden wie ebenfalls angehalten. Die Ausweispapiere, die ich zum Fenster hinaus hielt, wollte keiner sehen. Stattdessen überreichte man mir eine Straßenkarte „Gesamtdeutschland" als Gastgeschenk. Auf der Weiterfahrt las ich an den Anschlussstellen Namen von Orten, die ich noch nie gehört hatte, obwohl sie nur 30 Kilometer von daheim entfernt liegen.
„Hof". Jenny meinte: „Hier fahren wir ab." Noch vor der Stadt wurde ich von der Polizei auf eine große Wiese geleitet, auf der schon Hunderte DDR-Fahrzeuge Parkten. Von irgendwoher erfuhren wir, dass ein Pendelbus ins Zentrum fahren würde. Wir fuhren mit.
Der Busfahrer zeigte uns, wo die Sparkasse ist, in der wir das Begrüßungsgeld erhalten würden. Die Sparkasse war fast leer (Totensonntag) und wir nahmen ohne Warteschlange das Geld - 100,- DM pro Person - in Empfang. Damit waren wir plötzlich „reiche Leute". In einem Fischgeschäft kaufte Jenny einen Lachshering. Wir verzichteten jedoch auf Bananen, weil sie uns zu teuer waren. Danach schlenderten wir durch die Fußgängerzone, die uns wie das Schlaraffenland vorkam. Viele Menschen, auch Zeulenrodaer, waren unterwegs und blieben vor den Schaufenstern stehen. Eine Blaskapelle aus Wernesgrün spielte lustige Weisen. Es herrschte Volksfeststimmung am Totensonntag. So erlebten wir die Wiedervereinigung hautnah.
Inzwischen sind fast 20 Jahre vergangen. Anfänglich fuhren wir immer wieder einmal nach Hof oder in ein Kaufhaus in Geroldsgrün. Manches mal auch nur um Land und Leute kennen zu lernen. Aber so nach und nach ist unser Interesse ins „Fränkische" zu fahren erlahmt. Inzwischen kennen wir die Gegend um den Ochsenkopf fast so gut, wie das Vogtland. Es gibt nichts Neues mehr zu entdecken. Die anfängliche Begeisterung hat sich gelegt, nachdem wir das „Schlechte" in der DDR vergessen haben, hat sich eine gewisse Ernüchterung eingestellt, denn: „Wo Licht ist, ist auch Schatten." Wir sind zu der Erkenntnis gekommen, dass auch ein demokratisch regiertes Land nicht ohne Fehler ist. Aber es gibt zurzeit noch nichts Besseres.
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