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Deutsch-deutsch-russische Problemchen 1989
In Berlin hatten die „Mauerspechte" all ihre Kraft daran gesetzt, ein „Bollwerk des Friedens" in ein Museum zu verwandeln. Der Stau von vierzig Jahren hatte sich in Impulse umgesetzt, die zu Hoffnungen Anlass gaben - oder zu Zweifeln - oder als Vorbild für andere Länder der Welt dienen könnte. Wo ist die Wahrheit? Wo gibt es Erfahrungen? In dieser politischen Situation war eine Touristengruppe hier unterwegs. Es handelte sich um Arbeiter und Angestellte eines metallverarbeitenden Betriebes aus Moskau, die im Geräte- und Pumpenbau Merbelsrod Erfahrungen sammeln wollten. Mich hatte man ausgewählt, diesen etwa dreißig Ausländischen Gästen die Schönheit unseres Thüringer Waldes nahe zu bringen und als Dolmetscher die notwendigen sprachlichen Verbindungen herzustellen. Was mögen sie nach Glasnost und Perestroika für Wünsche, Erwartungen mitgebracht haben? Vor wenigen Wochen, Ende August 1989, war ich selbst noch als Tourist in deren Heimatstadt Moskau gewesen. Die Neugier trieb mich dort zunächst auf den Arbat, in das Künstlerviertel, denn Künstler sind meist Vorboten von gesellschaftlichen Entwicklungen. Akkordeonspieler, Gitarristen und kleine Ensembles warben um einen kleinen Obolus und Maler zeichneten Portraits und stellten ihre Bilder aus. Einer dieser Künstler rief mich zu sich, als er merkte, dass ich Ausländer war und erklärte mir seine Werke. Zwei davon waren von einer bedrückenden Ausdruckskraft. Auf dem ersten war das berühmte Denkmal der Muchina „Arbeiter und Kolchosebauern" abgebildet. Der Sockel war halb verfallen, Hammer und Sichel zerbrochen und das Ganze versank langsam im Sumpf. Das andere war in meinen Augen noch deprimierender. Es zeigte eine roh gezimmerte Holzbank. Darauf saß ein bärtiger russischer Bauer mit Bastschuhen an den Füßen, in Lumpen gehüllt, daran hing aber ein großer Orden. Neben ihm auf der Bank lag ein trockener Brotkanten. Er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und starrte fast geistesabwesend auf eine vor ihm auf dem Boden stehende Flasche Wodka. Dazu erklärte mir der Künstler: „Das sind wir, das russische Volk, das Volk der Sieger!" Oh, diese Symbolik des Niedergangs! Nicht weit entfernt stand ein anderer Bürger, heftig diskutierend mit den Umstehenden. An einem Holzstab befestigt hing ein Schild mit seinen politischen Forderungen in Russischen und Englisch geschrieben. Er nannte seine Gruppe „Bund der Befreiung" und auf seinem Schild stach besonders da Wort „Demokratie" hervor. Ich glaubte zwar, dass dies Auswirkungen auf unser Land haben würde, ahnte aber nicht, dass schon sechs Wochen danach die Zeit gekommen war, dass das DDR-Mobiliar, Erich Honnecker-Bilder und SED-Parteidokumente in den Müll der Geschichte wandern würden. Auf welcher Seite mögen unsere Gäste aus Moskau wohl stehen? Und wie werden sie auf die Situation hier in Südthüringen an der Grenze zur BRD reagieren? Zunächst drehte sich bei Betriebsbesichtigungen und Diskussionen alles um Wasserpumpen, Gleitringdichtungen, Kokillen und Brammen, Effektivität und Sozialleistungen. Bei Ausflügen mit dem Bus waren die Großstädter begeistert vom Museum „Mon Plaisir" in Arnstadt, von den Kulturstätten in Weimar und auf dem Kickelhahn an Goethes Laube deklamierte Olga, die Delegationsleiterin in ihrem Schuldeutsch „Wanderers Nachtlied", das der Dichter hier einst geschrieben hatte: „Über allen Gipfeln ist Ruh', in allen Wipfeln spürst du kaum einen Hauch...". Welch ein Kontrast zur gegenwärtigen Situation in unserem Land. Da kam mir die Frage in den Kopf, ob es Sinn mache, zu versuchen, mit diesen ausländischen Gästen nach Coburg, also in die BRD zu fahren. Als ich der Gruppe diesen Vorschlag unterbreitete, schlug mir Larissa, eine flotte Mittdreißigerin, auf die Schulter und verband das mit einem kräftigen „JA, dann kann ich erste Westerfahrungen machen!" Larissa hatte nämlich ein Visum beantragt und wollte in einigen Monaten von Moskau nach Köln zu Bekannten fliegen. Also vorbereiten! Der Busfahrer war einverstanden und äußerte sogar: „Vielleicht bekommen die auch noch Begrüßungsgeld." Und der Zoll? Der verantwortliche DDR-Grenzoffizier am Übergang Eisfeld meinte zwar, dass er so etwas noch nicht gesehen habe, er uns aber durchließe. „Aber die dort drüben, die Bayern, die werden das nicht zulassen." So rollte ich langsam mit meinem Lada voller Überschwang erwartungsvoll hinüber in das unbekannte Bayern, vorbei an Schlagbäumen, Rammböcken, Schildern, der Stele mit dem DDR-Emblem und dem Steckmetallzaun bis an den kleinen Bungalow vom Bundesgrenzschutz und trug dem verantwortlichen Beamten meine Frage und Bitte vor. „Eine ganze Busladung voll Russen - und das ohne Visum? Das werden doch die drüben von der DDR nicht gestatten." „Doch, die haben's schon!" Er wllte von mir noch wissen, ob ich garantieren könne, dass abends alle mit zurück fahren. Las ich das bejahte, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, kam nach langer Überlegenspause die erlösende Antwort: „Nun gut, ich habe morgen hier den ganzen Tag die Verantwortung, ich nehm's auf meine Kappe - kommt rüber!" Ich wollte die Zusage fast nicht glauben, denn ich hatte gehört, dass in der BRD alles bis ins letzte Detail in Richtlinien vorgeschrieben und in Gesetzen festgelegt ist. Bei meiner Rückkehr eröffnete mir Olga, dass sie sich habe alles durch den Kopf gehen lassen und es sei ein zu großes Wagnis über die Grenze zu fahren. In Moskau würde dies sicher nicht unbemerkt bleiben und sie könne in größte Schwierigkeiten kommen, weil sie mit der Gruppe ohne staatliche Genehmigung ins kapitalistische Ausland gefahren sei. So brachte und der Bus am nächsten Tag nach Schmalkalden, wir besichtigten die Wilhelmsburg und in der Innenstadt lernten unsere ausländischen Gäste kennen, was Fachwerkhäuser sind, für die es in der russischen Sprache nicht einmal ein eigenes Wort gibt. So war das in der „Zeit der wunderbaren Anarchie".
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 Grenzübergang Eisfeld, die letzten Meter DDR, der Wald ist in Bayern. 1989/90
 Eine der Schranken beim Grenzübergang Eisfeld. 1989/90
 Direkt am Sperrzaun hat jemand einen Stand aufgebaut und verkazft Thüringer Rostbratwürste. 1989/90 Grenzübergang Eisfeld
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