Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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BM Wolfgang Tiefensee
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Inge Barg: Wendezeit in Pößneck

Seit Jahren habe ich mir vorgenommen meine persönlichen Erlebnisse während der Wendezeit einmal aufzuschreiben. Jetzt finde ich erst die Zeit und Muse dazu. Viele Unterhaltungen mit Parteifreunden aus den alten Ländern, machten mir Mut und brachten zum Ausdruck, dass die Erlebnisse aufschreibenswert sind.

Mein Mann Ferdinand war 1958 aus Bochum nach Pößneck übersiedelt, nachdem meine Übersiedlung nach Bochum dreimal abgelehnt worden war. Nach dem Mauerbau bekam er keinen Pass mehr, um seine Eltern und Geschwister in Bochum besuchen zu können. Daraufhin kamen seine Eltern jedes Jahr zu uns bis zur nächsten Wahl. Da machte mein Mann seiner tiefen Verärgerung Luft und ging nicht zur Wahl. Aber am Nachmittag des Wahlsonntags kamen Wahlschlepper und drohten ihm, dass seine Eltern keine Aufenthaltserlaubnis mehr bekommen würden, wenn er nicht zur Wahl ginge. Da ging er wortlos in das Wahllokal.
Sein Vater musste erst schwer erkranken (Silikose als Bergmann 40 Jahre unter Tage) um mit einer amtsärztlichen Bescheinigung im Jahre 1975 das erste Mal wieder nach Hause fahren zu dürfen. Aber ich durfte niemals mit, nicht zur Silberhochzeit des Bruders meines Mannes, nicht zur Goldhochzeit der Schwiegereltern, ja nicht einmal 1979 zur Trauerfeier meines geliebten Schwiegervaters. Erst 1985 nach 24 Jahren im großen Gefängnis DDR durfte ich zum 60. Geburtstag meines Schwagers (Mann meiner Schwester) nach Tettau reisen, nachdem Oskar Lafontaine kurz zuvor bei Verhandlungen mit der DDR erreicht hatte, dass auch Verwandte zweiten Grades ab dem 60. Geburtstag besucht werden durften. Aber immer nur ein Familienmitglied!
Das waren für unsere Familie die äußeren Begleiterscheinungen des real existierenden Sozialismus. Alles andere, die großen Sprüche in der Zeitung und im Fernsehen und daneben die verwaltete Armut ohne persönliche Freiheit, hingen uns wie vielen Anderen schon lange zum Halse heraus. In mir hatte sich eine Abneigung gegen das Regime installiert, die mich vollkommen mutlos gemacht hatte und keine positiven Zukunftspläne für mich und meine Familie aufkommen lies. Es gab einfach nichts mehr außerhalb der vier Wände auf das man sich freuen konnte.
Da war der Hoffungsschimmer im Herbst 1989, dass es auch andere werden konnte! Zu gern wollte ich nach Leipzig zur Demo, aber der Aufwand war zu groß. Da hörte ich am 23.10.1989 von meiner Tochter, die in der Kantine im Rathaus arbeitete, dass es große Aufregung im Rathaus gab, es sollte am Abend die erste Montagsdemonstration in Pößneck stattfinden. Es war schon Nachmittag, mein Sohn kam von der Arbeit und wir beide gingen gemeinsam hin. Viele Menschen waren schon da und sprachen in Gruppen miteinander. Wir waren in einer Gruppe, wo sich tatsächlich der 1. Sekretär des Rates des Kreises, Genosse Rathjen, stellte und den Klagen der Bürger über Dinge des Alltags zuhörte. Nachdem viele Fragen gestellt worden waren, wollte er antworten und sagte: „Genossinnen und Genossen - da ging ein Buhrufen los - dass ihm alle weiteren Worte im Mund stecken blieben und er zog wie ein begossener Pudel ab.
Der Kern der Montagsdemonstrationen war das „Neue Forum". Anschließend gruppierten sich die Massen zur ersten Demonstration durch die Stadt. Mein Sohn und ich waren ziemlich an der Spitze, wir waren wahnsinnig aufgeregt und tief aufgewühlt, dass so etwas überhaupt möglich war.

Am 30.10.1989 war das erste Friedensgebet in der Stadtkirche. Die Kirche war total voll. Superintendent Hager war einer der mutigen Kirchenmänner, die sich mit uns identifizierten. Werner Mühlmann vom „Neuen Forum" erlebte ich an diesem Abend das erste Mal mit einer Rede, die uns alle aus dem Herzen gesprochen war. Die Menschen waren wahnsinnig begeistert und gingen anschließend auf den Markt zur großen Montagsdemonstration, wo schon viele tausende Bürger gewartet hatten. Anschließend wieder ein großer Friedensmarsch mit Kerzen durch die Stadt. Die Kerzen stellten wir vor die Tür des Hauses Neustädterstraße 1, Sitze des Rates des Kreises.
Die nächsten Montagsdemos waren geprägt von mutigen Menschen, die auf der Rathaustreppe ihren Unmut über das verhasste Regime zum Ausdruck brachten, wie überall im Lande.
Mitte November brachte mein Mann von der Maxhütte eine Adresse mit, wo sich Oppositionelle informieren konnten. Es war Pfarrer Jo Winter in Langenschade bei Saalfeld. Sonntagnachmittag fuhren mein Mann und ich hin und trafen einen Mann an, der Fäden zog zwischen den Oppositionsgruppen. Da wir durch meinen Mann in all den Jahren sozialdemokratisch geprägt waren und immer die Politik der SDP in der Bundesrepublik verfolgt hatten, gab es für und nur eine Alternative - die SDP. Pfarrer Winter hatte Anmeldungsformulare und so wurden wir am 29.11.1989 Mitglieder der SDP der DDR. Er gab mir auch die Unterlagen über die SDP mit.
In mir wurde der unbändige Wille wach, etwas zu verändern. Mein Mann ist eher ein ruhiger Typ und hielt sich zurück. Am nächsten Morgen setzte ich mich hin und arbeitete meine erste Rede aus, die ich am Abend auf der Rathaustreppe halten wollte. Ich hatte noch nie vor einem Gremium gesprochen, geschweige vor 5000 Menschen auf dem Marktplatz. Nachdem ich zwei Beruhigungstabletten geschluckt hatte, stieg ich auf die Rathaustreppe und hielt folgende Rede:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich heiße Inge Bard, wohne in Pößneck-Schlettwein, Trannrodaerstraße 46 und arbeite im VEB Rechnungsführung und Wirtschaftsprüfung in Pößneck.
Ich halte es für dringend notwendig Ihnen ein paar Worte zu sagen und zwar in meiner Eigenschaft als Mitglied der SDP der DDR, die am 7. Oktober 1989 in Schwante Kr. Oranienburg gegründet wurde.
Wir sind dabei in Pößneck eine Ortgruppe zu bilden und ich möchte Ihnen sagen, warum das so dringend notwendig ist: Ich sehe auf vielen Spruchbändern die Forderung nach freien, geheimen Wahlen und ich weiß, dass dies eine Grundforderung von uns allen, die wir hier versammelt sind, ist. Aber - meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger, was wollen wir denn wählen? Etwa die SED oder eine der so genannten Bündnisparteien? Nichts ist im Moment da, dem wir vertrauen könnten. Das „Neue Forum" will sich als politische Plattform sehen, in der es Menschen aus allen Parteien und Gruppierungen, also auch uns, möglich gemacht wird, sich an Diskussionen und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme zu beteiligen. Das „Neue Forum" will aber keine Partei sein! Also wollen wir von der SDP versuchen, unter Anknüpfung an die Tradition von August Bebel und Wilhelm Liebknecht - unter den für uns spezifischen Bedingungen in der DDR - insbesondere die Arbeiterklasse, aber auch alle Interessenten in anderen Schichten der Bevölkerung, zu mobilisieren und für unserer Sache zu gewinnen. Wie haben die Hoffnung, dass die SDP in der DDR zu einer Volkspartei wird. Sie soll Bürgerinnen und Bürger aller sozialen Schichten ungeachtet ihrer Weltanschauung und ihres Glaubend vereinen mit dem Ziel einer ökologischen, sozialen und demokratischen Entwicklung in der DDR.
Wir laden alle SED- Mitglieder ein, zu prüfen, ob diese Partei für die zu einem Ort demokratischer Mitarbeit für dieses Ziel werden kann.
Wir wollen die Entwicklung dieses Landes aktiv mitgestalten und in ihm für die Verwirklichung dieser Ziele arbeiten. Wir werden auch bereit sein, dafür Verantwortung zu übernehmen in dem doppelte Sinne, dass wir einstehen für das was wir tun und dass wir bereit sein müssen einmal an demokratischer Machtausübung beteiligt zu sein. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat die Führung der SDP eine Erklärung abgegeben, die ich Ihnen auf keinen Fall vorenthalten möchte.
Zitat der Erklärung der SDP von Stefan Hilsberg 1. Sprecher; Angelika Barbe 2. Sprecher, Martin Gutzeit Mitglied des Vorstands (kann in meinen Akten eingesehen werden)
Wer fragen hat zu unserer Partei oder Mitleid werden möchte, wendet sich bitte an mich.

Ende der Rede.

Als ich die Rathaustreppe herunterging, kamen mir schon Bernd Künast, Reinhard Pauli und andere entgegen, die sich sehr interessierten. Wir unterhielten uns einige Zeit und verständigten uns darauf, dass wir am Sonnabend den 2. Dezember 1989 eine Ortsgruppe der SDP gründen wollten. Und das geschah dann auch. Am Sonnabend, den 2.12.1989 trafen wir und in unserer Küche am großen Tisch und gründeten mit 9 Mitgliedern die SDP Ortsgruppe Pößneck.
Damit begann eine sehr arbeitsintensive Zeit. In Zusammenarbeit mit den oppositionelle Kräften, dem Neuen Forum und dem DA, gingen wir daran dem Staatsapparat zu Leibe zu rücken.
Bei der Montagsdemo am 4.12. marschierten wir wie die Montage zuvor durch die Stadt: Marktplatz, Krautgasse, Breite Straße, Neustädterstraße, Wernburger Weg. Bei der Abbiegung in die Turmstraße, marschierten die Heißsporne vom Neuen Forum plötzlich weiter Richtung Friedrich- Engels- Straße, Jahnstraße zur Stasi! Das Gebäude lag im Dunkeln, die Demonstranten schrien in Sprechchören: „Nieder mit der Stasi"; „Stasi raus" und Ähnliches. Die Menge wurde immer aufgeregter, die Lage wurde brenzlig. Wir wollten ja eine friedliche Revolution! Ich trat vor das eiserne Tor des Stasigebäudes und breitete meine Arme aus, um Steinwürfe zu vermeiden. Mit beruhigenden Worten konnte ich tätliche Angriffe verhindern und die Demonstration wurde abgeschlossen.
In der darauf folgenden schlaflosen Nacht überlegte ich mir wie eine Wiederholung zu verhindern sei. Ich nahm allen Mut zusammen und fuhr allein zur Stasi. Die Tore öffneten sich sofort vor mir und ich wurde zum Chef Zeh vorgelassen. Der eröffnete mir, dass ich reichlich spät käme, denn das Neue Forum wäre schon da gewesen und hätte alles plombiert. Er meinte, unsere Kommunikation würde aber schlecht funktionieren, wenn ich das noch nicht gewusst hätte. Ich antwortete ihm, dass unsere Kommunikation deshalb so schlecht funktioniere, weil ich seit 15 Jahren auf eine Telefonverlegung innerhalb von Schlettwein warte. Da sagte er zu mir: Wären sie 14 Tage eher gekommen, hätten Sie schon Ihr Telefon!"

Zwei Tage später war ich dann dabei, als die Stasi aufgelöst wurde. Zwischendurch, am 6.12.1989, sollte in der Maxhütte zum Streik gegen die SED-Leitung und die Kampfgruppen in den Betrieben aufgerufen werden. Wir wussten, dass die Kampfgruppen noch bewaffnet waren und fürchteten Blutvergießen. Mit Parteifreund Eberhard Weise unternahmen wir für Pößneck Folgendes: Er forderte seine Betriebsleitung, den VEB Möbelwerk Pößneck auf, die SED- Betriebsparteileitung und die Kampfgruppen sofort aufzulösen und das Ergebnis der Belegschaft bekannt zu geben.
Anschließend gingen wir in die größten Betriebe des Territoriums, dem VED Rotasym und forderten in einer intensiven Aussprache mit dem Betriebsdirektor Junghans das Gleiche für dessen Betrieb. Er teilte uns mit, dass die SED-Leitung schon 20.11 aufgelöst wurde, aber die Kampfgruppe bestand noch. Die Räume der Kampfgruppe wurden von der Polizei am gleichen Tag um 24 Uhr versiegelt und die Waffen mitgenommen. Weiterhin informierten wir Bürgermeister Reißig von unserer Aktion und er versprach uns über die Gewerkschaft die anderen Betriebe dahingehend zu informieren (Protokoll in meinen Akten).
Wie überall im Lande konstituierte sich auch in Pößneck auf Kreisebene der „Runde Tisch". Am 13.12.1989 fand die erste Sitzung im Sitzungssaal der Kreisverwaltung statt. Für die neuen Organisationen wurde zusätzlich die Nutzung der SED- Kreisleitung als Parteienhaus beschlossen. Schon einen Tag später war in der SED- Kreisleitung eine Objektbegehung wegen der Büroräume und wir konnten uns für unsere Ortsgruppe 3 Räume mieten. So kamen wir zu unserem ersten Büro. Unsere Parteiarbeit begann und wir erarbeiteten uns ein Arbeitsprogramm.
Die Montagsdemonstrationen gingen weiter. Viel Unruhe und Ungewissheit war unter den Menschen. Wir, von der SDP- Ortgruppe mussten uns der Öffentlichkeit stellen. Deshalb sprach ich am 18.12.1989 folgende Worte:

Liebe Bürgerinnen und Bürger, mein Name ist I.B., ich arbeite im VEB ReWi und bin im Vorstand der SDP Pößneck. Da heute die Weihnachtswoche anfängt, möchte ich Ihnen einige Gedanken in dieser Richtung nahe bringen. Weihnachten ist das Fest des Friedens und der Freude und wir wollen in Ruhe und Besonnenheit einmal darüber nachdenken, was es uns in diesem Jahr in der Zeit des großen Aufbruchs bringen kann. Das wir das Fest in Frieden verbringen können, haben wir uns selbst zu verdanken und, was besonders erwähnenswert ist, den Kirchengemeinden mit ihren vielen mutigen Pfarrern, die sich als erste unseren Organisationen und Initiativen zur Verfügung stellten und ihnen Unterschlupf und Hilfe boten. Mit der großen Aktion der Friedengebete im ganzen Lande hat die ev. Kirche einen wesentlichen Anteil daran, dass unsere große gewaltlose Revolution bisher so ruhig und friedlich verlaufen ist. Wir danken den Kirchen für die großen Taten der christlichen Nächstenliebe. Weihnachten ist auch das Fest der Freude, wie ich schon sagte. Eine tiefe innere Freude erfasst mich in diesen Tagen, wenn ich zurückdenke, was wir alles schon erreicht haben. Eine tiefe innere Freude erfasst mich in diesen Tagen, wenn ich zurückdenke, was wir alles schon erreicht haben um endlich in unserem Land ein Stück Rechtsstaatlichkeit zu erreichen und mit den alten Strukturen zu brechen. Unsere Parteigruppe ist 16 Tage alt. Wie haben aber schon einige Punkte unseres Arbeitsprogramms realisiert.
Punkt 3 sagt: Wir setzen uns ein für die Auflösung der Betriebsparteiorganisationen der SED und der Kampfgruppen. Das haben wir getan. Wir waren schon am 6.12 in Pößnecker Betrieben und haben die Auflösung veranlasst. Genau das haben wir auch im Kreisamt für Nationale Sicherheit getan und die Räumung des Gebäudes mit überwacht. Wir haben das zu einem frühes möglichen Zeitpunkt erreicht. Republikweit ist das noch nicht überall abgeschlossen. Wie sie in der Sonnabendausgabe der Volkswacht lesen konnten, sitzen wir mit am „Runden Tisch", den wir beim Rat des Kreises angekurbelt haben.
Wir können einen weiteren Punkt unseres Arbeitsprogramms im kommunalpolitischen Bereich realisieren, indem wir im zubildenden unabhängigen Untersuchungsausschuss zur Aufdeckung von Korruption und Amtsmissbrauch im Kreis mitarbeiten. Wenn ihnen solche Fälle bekannt sind, tragt sie an uns heran zur Weiterleitung an den Ausschuss.
Die vergangene Woche hat uns weitere Erfolge gebracht. Wir haben es nicht mehr nötig auf der Straße bei unseren Demonstrationen und vor dem Gebäude in der Jahnstraße zu rufen „Stasi raus!". Wir haben es geschafft, die Stasi in der Jahnstraße löst sich bis zum 15. Januar 1990 auf. Nun steht auch schon der Wahltermin für freie, geheime Wahlen für den 6. Mai 1990 zur Diskussion. Punkts 1 unseres Arbeitsprogramms in dem wir Aussagen machen: Wir arbeiten an der Vorbereitung einer etablierten und neuen Partei in friedlicher Konkurrenz, wird Realität. Jetzt muss die Devise sein in Ruhe und Besonnenheit alle noch ausstehenden Fragen und Forderungen in geeigneter Form vorzubringen. Tragt dieselben an uns heran, wir sind bereit bei der Lösung mitzuarbeiten. Ich wünsche ihnen ein friedvolles, glückliches Weihnachtsfest.

Rede Ende

Die Montagsdemos gingen auch im neuen Jahr weiter. Da wir verstärkt an die Öffentlichkeit gehen wollten, sprach ich am 8.01.1990 erneut zu den Bürgern:

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

hier spricht die SDP, die sozialdemokratische Partei in der DDR. Mein Name ist I.B. und ich bin der 1. Sprecher der Ortsgruppe.
Die letzten Tage des alten Jahres, besonders das Weihnachtsfest waren überschattet von den schrecklichen Ereignissen in Rumänien, auf die mein Vorredner auch schon eingegangen ist. Dem rumänischen Volk war es nicht vergönnt, die große Revolution über das kommunistisch- stalinistische System so unblutig zu gestalten, wie wir es erlebt haben. 60 000 Tote klagen an! Bestialisch niedergemetzelt von der geheimen Staatspolizei in Rumänien. Wie viel Kummer und Leid hat dieses furchtbare Ceausescu- Regime über das schon vorher wirtschaftlich ausgeblutete Land gebracht. Unser tiefes Mitgefühl gilt unseren rumänischen Nachbarn.
Das Neue Jahr ist schon einige Tage alt, das Jahr, in das wir so große Hoffungen setzen in unsere politische und wirtschaftliche Entwicklung. In vier Monaten stehen die Volkskammerwahlen ins Haus. Dazu werden die neuen oppositionellen Kräfte, einschließlich unserer Partei, ein Wahlbündnis schließen, das uns einen Sieg über die SED- Herrschaft bringen wird. Dazu brauchen wir ihre Mithilfe. Wenn sie sich informieren wollen, kommen sie zu unserer Bürgerversammlung am Dienstag den 9.01.1990 um 19 Uhr im Speisesaal der Möbelwerke Pößneck in der Lohnstraße. Sie sind herzlich willkommen. Viele verkrustete Strukturen in unserem Land bestehen weiter. Die SED- PDS ist weiterhin in Besitz eines großen Volksvermögens. Ich stelle hiermit die Anfrage: Mit welchem Recht ist diese Partei der Eigentümer des Karl Marx- Werkes? Dieser Betrieb wurde 1945 als ehemaliger Vogel- Verlag in Volkseigentum überführt und ist seit vielen Jahren Parteieigentum. Wir fordern daher Überführung des SED- Besitzes in Volkseigentum! Weiterhin fordern wir ganz entscheiden eine verstärkte Förderung und Neuzulassung in der gemeinsamen Wirtschaft. Wir verweisen auf das Kommunique der Beratung des „Runden Tisches" des Kreises Pößneck am 3.01.1990, wo wir in vier Punkten eine effektive Wirtschaftsentwicklung im kommunalen Bereich fordern!

Unsere Veranstaltung am 9.01.1990 in den Möbelwerken wurde zum vollen Erfolg. Hans- Jürgen Kießling stellte unsere Partei und ihre Ziele in einer großen Rede dar. Wir verlasen u.a. unser Arbeitsprogramm und anschließend wurde bekannt gegeben, was davon schon realisiert war. Unser Gast aus Franken, der Geschäftsführer der SPD Unterbezirk Franken in Bamberg, Oskar Krause, hielt eine beeindruckende Rede. Bürger aus Neustadt kamen auf uns zu, was zur Folge hatte, dass wir schon am 16.01.1990 in der Draweba in Neustadt einen Ortsverein gründeten! Die politische Lage hatte sich so zugespitzt, dass die SED sich neu formiert hatte, nannte sich nun PDS. Sie versuchten ihre Pfründe zu halten. Wir hörten, dass die Stasi in Reichenbach sich umwandeln wollte in einen Verfassungsschutz. Auch in Pößneck war Unruhe um das Stasi- Gebäude. Unsere Forderungen vom „Runden Tisch" wurden in dieser Beziehung nicht verwirklicht. Wir diskutierten auf unserer Veranstaltung einen Aufruf zum einstündigen „WARNSTREIK" am 15.01.1990.
Der wurde dann auch unter reger Beteiligung aller Bevölkerungsschichten durchgeführt und für denselben Abend hatten wir für die Montagsdemo folgende Rede ausgearbeitet:

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

mit Genugtuung konnten wir feststellen, dass die Mehrheit der Arbeiterinnen und Arbeiter, Angestellten und Angehörige der Intelligenz unserem Aufruf zum einstündigen Warnstreik gefolgt sind. Wir möchten von dieser Stelle aus allen am Streik beteiligten demokratischen Kräften, den am Streik beteiligten Gewerkschaften und anderen Oppositionsparteien für ihre geleistete Unterstützung bei der Organisation und Durchführung des Warnstreiks danken. Es hat sich gezeigt, dass sich unser Kreis aktiv in die Reihen der anderen Kreise und Bezirke, welche ebenfalls Warnstreiks durchgeführt haben, einreihen konnte und somit der Druck auf die Regierung Modrow zur Umsetzung demokratischer Forderungen verstärkt werden konnte. Aufgrund dieses Druckes war die Regierung Modrow gezwungen, einen Teil unserer Fordrungen, wie der restlosen Auflösung des Amtes für nationale Sicherheit durchzusetzen und auf die Neugründung eines Verfassungsschutzes (mit den ehemaligen Stasiangehörigen) zu verzichten. Auch die geplante Rückgabe von einem Teil der Parteibetriebe in die Hand des Volkes ist nur aufgrund der gerechtfertigten Forderungen und den massiven Druckes der Oppositionsparteien in Einheit mit dem arbeitenden Volk zustande gekommen. Bis vor kurzem war dies ein absolutes Tabuthema für die SED-PDS, denn ihr Plan bestand darin, mit dem materiellen und finanziellen Mitteln dieser Betriebe einen aktiven Wahlkampf gegen die Opposition und damit gegen den Mehrheitswillen des Volkes zu führen. Von dem ersten Komplex, welche wir zur Grundlage unseres Aufrufes zum Warnstreik am heutigen Tage machten, sind noch nicht alle durch die Regierung Modrow und durch die Räte des Bezirkes und der Kreise realisiert worden. Wir, die SPD, werden nicht ruhen, bis auch die letzte dieser Forderungen erfüllt ist und hoffen dabei weiter auf eure aktive Unterstützung. Eine weitere für unsere Bevölkerung wichtige Forderung an die Regierung sehen wir, die SPD, in der sofortigen Veränderung der Rentengesetze sowie der Steuergesetze für das private Handwerk. Unsere Vorstellungen sind: Abschaffung aller Sonderenten und sofortiger finanzieller Zuwendungen für ehemalige Angehörige des Partei- und Staatsapparates, einschließlich sämtlicher bewaffneter Einrichtungen und Organe. Damit ist eine Erhöhung aller Renten um monatlich ca. 150- 200 M möglich. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass der ehemalige Ratsvorsitzende Schyschka monatlich 1900 M Rente und ein ehemaliger Pförtner 860 M Grundrente erhältlich, nicht zu reden von den Traumrenten, welche ehemalige Angestellte der Bezirks- und Staatsebene erhalten. Das diskriminierende Steuergesetz für unsere privaten Handwerksbetriebe ist ein wahrer Hohn und lässt den einzelnen Handwerkern kaum Spielräume zur Gestaltung eines effektiven Arbeitsprozesses, ganz zu schweigen von dringend notwendigen Investitionen und Erweiterungen ihrer Betriebe. Zum Vergleich, ein Parteibetrieb zahlt so gut wie keine Steuern und Abführungen an den Staatshaushalt und ein privater Gewerbe- oder Handwerksbetrieb muss als Höchstsumme zwischen 80- 90% abführen. Ich frage mich, wie kann bei einem so hohen Steuersatz die Rede von „Unterstützung und Förderung des privaten Handwerks" durch den Staatsapparat sein?

Liebe Bürgerinnen und Bürger, wie ihr seht, gibt es in unserem Land noch viel, ja sehr viel neu zu ordnen und zu demokratisieren, dazu brauchen wir ein gemeinsames Handeln mit allen oppositionellen Parteien und Bürgerinitiativen sowie der breiten Unterstützung des gesamten Volkes. Noch ein paar Sätze zum bevorstehenden Wahlkampf. Die SED-PDS sprach in letzter Zeit sehr viel von Chancengleichheit im bevorstehenden Wahlkampf. Wie ihr alle wisst, führte die SPD am 9.01.1990 um 19 Uhr eine öffentliche Bürgerversammlung im Speisesaal des Möbelwerkes durch, wo der Aufruf zum heutigen Warnstreik diskutiert wurde. In der darauf folgenden Leitungssitzung der staatlichen Leitung des Möbelwerkes wurde die Festlegung zur Nichtbefolgung dieses Aufrufes getroffen und gleichzeitig die weitere Nutzung des Speisesaals für zukünftige parteiliche Veranstaltungen verboten. Wir fordern von hier die sofortige Rücknahme dieses Verbotes, um allen Bürgern, welche Interesse am politischen Leben unserer heutigen Zeit haben, die Möglichkeit zur Zusammenkunft zu geben. Wir rufen auch jetzt schon dazu auf, dass sich alle, ja alle Bürger an der Wahl am 6. Mai beteiligen, denn eines ist doch klar: Jeder Nichtwähler ist ein Wähler der SED-PDS und nur eine hohe Wahlbeteiligung sichert den Wahlsieg der oppositionellen demokratischen Kräfte und die Niederlage der SED-PDS.

Danke.

Wir nahmen weiterhin abwechselnd regelmäßig am „Runden Tisch" teil. Dort waren wir auch eingeladen worden an den Kreistagen und an den Stadtverordnetensitzungen teilzunehmen. Das nahmen wir wahr und versuchten unter Federführung von Werner Mühlmann vom „Neuen Forum" demokratische Spielregeln aufzustellen und unsere Forderungen anzubringen. Am 31.01.1990 gründeten wir in Oppurg eine Ortsverein und Anfang Februar in Ranis. Die nächsten Wochen bis zum März brachten viel Arbeit für die Wahlvorbereitung zur Volkskammerwahl. Das Wahlergebnis war dann für uns niederschmetternd, die Bürger wollten sofort Wohlstand sprich die DM und wählten als stärkste Partei die CDU. Ein besseres Ergebnis erzielten wir dann zur Kommunalwahl. In die 1. freigewählte Stadtverordnetenversammlung das Stadt Pößneck konnten wir mit sechs Mitgliedern einziehen.
Im Rückblick auf diese bewegte Zeit bin ich heute noch froh und auch ein wenig stolz auf das, was wir aus dem Nichts aufgebaut haben. Nur unsere Köpfe waren da mit dem unbändigen Willen zur Veränderung, die wir letztentlich auch erreicht haben.


Inge Bang Poessneck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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