Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Erika Kiesel: Ich hatte mich nicht damit abgefunden, mein gesamtes Leben in der DDR zu verbringen

Mein Name ist Erika Kiesel, ich wurde im November 1944 in Mühlhausen/ Thüringen geboren und wohnte dort bis zum 24. Januar 1988. Ich habe noch mehrere ältere Geschwister, welche 1955 und 1960 die ehemalige DDR verlassen hatten. Damals war das noch möglich, da in Berlin noch keine Mauer stand.

Meine Schwester ging 1957 in die USA und lebt dort auch heute noch. Ich wollte immer einen Beruf lernen und ihr dorthin folgen. Der Mauerbau am 13. August 1961 machte mir einen Strich aus meiner Lebensplanung. Damals war ich noch nicht volljährig und konnte deshalb nicht vorher fliehen. Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen, denn ich wollte keinesfalls mein Leben in der DDR verbringen. Ja, warum, werden Sie fragen?

Für mich kamen viele Fragen auf: warum dürfen wir nicht reisen wohin wir wollen? Warum gibt es bei uns die Intershop-Läden? Der Autokauf, Wartezeit auf meinen Trabant: Anmeldung im Mai 1970, Lieferung im Januar 1982. Oder die unterschiedliche Behandlung bei der beruflichen Auswahl.

Ich hatte 1959 Konfirmation, keine Jugendweihe, deswegen durfte ich kein Abitur machen. Bei der Berufsauswahl blieb nicht viel übrig, 10. Klasse-Abschluss, zweieinhalb Jahre Lehre als Industriekauffrau. Eigentlich wollte ich immer etwas mit Sprachen und Handel machen, aber ich hatte ja Verwandte im „kapitalistischem Ausland“, deswegen wurde ich vorher aussortiert.

An der Volkshochschule habe ich einen Kurs mit Prüfung als Reiseleiterin gemacht, jedoch wurde ich wegen meiner Verwandtschaft aus dem „kapitalistischen Ausland“ nicht eingesetzt, denn man konnte ja die Reiseleiter nicht sortieren nach Reisen in sozialistische oder kapitalistische Länder.

In den Jahren zwischen 1966 und 1982 war ich in Bulgarien, Ungarn und in der Tschechei, um die DDR illegal zu verlassen. Leider klappte die Flucht nicht und außerdem hatte ich Angst vor der politischen Haft. Was man damals schon so alles hörte, hat sich auch nach der Wende bestätigt. Also versuchte ich, das Beste aus meinem Leben in der DDR zu machen. Ich qualifizierte mich mit einem Fernstudium an der Finanzschule Gotha in meinen Beruf weiter und war zum Schluss von 1975 bis zu meiner Flucht am 25. Januar 1988 Abteilungsleiterin Ökonomie in der Wasserversorgung in Mühlhausen.

Ich möchte bemerken, dass ich in keiner Partei gewesen bin. Man fragte mich, da war ich gerade 29 Jahre alt, ob ich in die Partei eintreten möchte. Meine Antwort lautete, „Ich bin politisch noch nicht reif genug“. Später als Abteilungsleiterin fragte man mich erneut ob ich sagte sinngemäß, „Ich kann auch so eine gute Arbeitskraft sein, ohne Parteizugehörigkeit, und wenn Sie jemand besseres finden, dann stelle ich meine Stelle zur Verfügung“. Daraufhin habe ich nichts mehr gehört.

Ich hatte mich nicht damit abgefunden, mein gesamtes Leben in der DDR zu verbringen. Immer glaubte ich daran, die DDR noch vor meiner Rente zu verlassen. 1988 bekam ich die Genehmigung zur Besuchsweisen Ausreise in die USA, da meine Schwester Geburtstag hatte. Meine Gedanken vorher waren: Wenn du die Ausreise bekommst, dann gehst du nicht zurück in die DDR. Ich durfte natürlich niemandem davon erzählen und bereitete so gut es ging alles vor. Ich verbrannte Briefe, vernichtete Andenken und brachte Bilder und Sammeltassen zu einer sehr guten Freundin nach Eisenach. Sie hat es auch als einzige gewusst; nicht einmal meine Schwester, mit der ich in Mühlhausen in einem Haus wohnte, hatte es gewusst. Ich Mann war Lehrer und Mitglied der SED, ich habe mich mit ihm nur politisch gestritten.

Nachdem dann auch von der Amerikanischen Botschaft die Genehmigung kam, bin ich am 25. Januar 1988 von Ostberlin nach Belgrad geflogen und von dort aus nach New York. Bemerken muss ich noch, dass ich alle Papiere wie Zeugnisse, den Sozialversicherungsausweis, das Familienstammbuch, den Nachweis aus dem Grundbuchauszug von meinem Haus und den Studienabschluss mitgenommen habe. Da habe ich mich schon etwas getraut, denn bei einer Kontrolle in Berlin wäre sofort Fluchtverdacht vermutet worden und die Reise wäre in Richtung Gefängnis gegangen.

Das habe ich alles mit mir allein ausgemacht, vier Wochen lang; es war eine schwere Entscheidung. Meine Wohnung in Mühlhausen wurde versiegelt. Alles wurde verkauft vom Rat des Kreises und das Haus kam in staatliche Verwaltung, d.h. man wollte es sogar verstaatlichen (Gesetzesverstoß).

In den USA angekommen, brach für eine Welt zusammen. Von der DDR in die USA, dieser Unterschied war in allem zu groß (Einkaufen, Autos…). In den USA ist man sozial nicht abgesichert, meine 26 Arbeitsjahre wären nicht anerkannt worden. Deshalb bin ich dann am 13. April 1988 in Westberlin bei einer guten Bekannten untergekommen. Im Berliner Auffanglager Marienfelde, wurde ich, dank all meiner mitgenommenen Unterlagen, innerhalb von drei Tagen Bundesbürger. Von dort aus ging es weiter nach Baden Württemberg, arbeiten in einem großen Unternehmen.

In Berlin hatte ich eine Thüringerin kennen gelernt (Flüchtling) und diese auch nach Reutlingen in das Unternehmen geholt. Wir feierten ein bisschen ihren Geburtstag in meiner Wohnung als es auf einmal im Fernsehen hieß, die Mauer sei gefallen. Wir konnten es einfach nicht glauben, es war wie im Film, mir kamen die Tränen, es war unvorstellbar. Ich, die so nah an der Grenze gewohnt hatte, immer in die große weite Welt wollte, mir nichts sehnsüchtiger gewünscht hatte, dass es endlich keine Grenze mehr in Deutschland gibt, erlebte den Mauerfall zwei Jahre nach meiner Flucht im Fernsehen. Es wurden alle Sendungen verfolgt, immer und immer wieder musste ich weinen vor Freude. Die Bilder, wie die Trabanten in Wanfried, Eschwege waren, die Menschen begrüßt und verpflegt wurden und Geschenke erhielten, das war für mich wie ein Traum.

Für mich war klar, nun kannst du auch wieder zu Besuch in deine Heimat. Am 24. November hatte ich Geburtstag als es klingelte und meine Schwester, mein Schwager, Neffe und meine beste Freundin vor der Tür standen. Sie brachten alles mit und wir feierten meinen 45. Geburtstag. Wir lagen uns in den Armen, die Augen voller Tränen und sie erzählten mir alles über die Demonstrationen und Kundgebungen in Mühlhausen. Alles war sehr aufregend und schön für mich.

Ostern 1990 bin ich zum ersten Mal nach meiner Flucht nach Mühlhausen gefahren. Als ich in Eschwege den Wegweiser „2Mühlhausen“ gelesen hatte, brach ich erneut in Tränen aus. Wie lange hatte ich darauf gewartet, jetzt ist alles klar, als wäre nie etwas gewesen. Die Wachtürme und den Grenzzaun haben wir noch gesehen. Schon traurig, wie wir damals bewacht wurden. Ich bin dann mit meinen Verwandten an weitere Grenzen gefahren wie Groß- und Kleinburschla. Diese Dörfer wurden durch einen Zaun getrennt, man konnte sich zuwinken. Der Zaun wurde durchgeschnitten und Betonplatten verlegt, auch hier brach ich wieder in Tränen aus, denn was diese Leute ertragen mussten durch diese Grenze, kann keiner nachfühlen.

Jetzt im November werde ich 65 Jahre alt und ziehe in mein Haus nach Mühlhausen zurück, Heimat ist Heimat.


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