Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Evi Schnepf: Westwaren in der Konsumkaufhalle

Die Zeit damals war für uns alle sehr aufregend. Wir verfolgten jeden Tag nach der Arbeit aufmerksam die Nachrichten auf allen Programmen die uns zur Verfügung standen. Ich arbeitete zu dieser Zeit in einer Konsumkaufhalle in Mühlhausen in Thüringen. Wir wussten und ahnten, dass das was in den Nachrichten gezeigt wurde, wahrscheinlich nicht hundertprozentig alles richtig war. Jeden Tag wurde in der Kaufballe darüber diskutiert und neues Wissen ausgetauscht. Von der eigentlichen Maueröffnung habe ich nicht viel mitbekommen. Den Abend war ich ausgerechnet früh schlafen gegangen. Am anderen Tag kam ich an die Arbeit und hörte was passiert war - ich konnte es gar nicht glauben! Das nächste Problem war, dass einige meiner Kollegen gen Westen aufgebrochen waren und wir die Kaufhalle mit deutlich weniger Leuten öffnen mußten. Dann gab es Begrüßungsgeld und als ich endlich mal arbeitsfrei hatte, machten wir uns auf den Weg. Zuerst fuhren wir nach Eisenach dort übernachteten wir bei Bekannten. Am anderen Morgen einem Sonntag reihten wir uns mit großem Herzklopfen in die große Schlange von Menschen ein, die auf einen Bus nach Herleshausen warteten. Als wir in Herleshausen ankamen‚ gab es viel zu sehen. Wir stellten uns in die lange Schlange von Menschen, die auf ihr Begrüßungsgeld warteten. Die Menschen waren sehr freundlich und es gab da auch Kaffee usw. Wir haben uns erst einmal den Ort angeschaut in dem ein ziemlicher Trubel herrschte. Ich fühlte mich unheimlich reich. Von meinem Begrüßungsgeld habe ich mir ein Paar goldene Herzchenohrringe‚ eine Pendeluhr und natürlich ein paar Weihnachtssüßigkeiten für meine Nichten und Neffen gekauft.
Als es Abend wurde, gingen wir zum Bus zurück und bekamen einen mächtigen Schreck. Es war kalt und glatt und es lag Schnee ‚ wir waren durchgefroren und jetzt sahen wir Massen von Menschen die alle wieder nach Hause wollten und es fuhr kein Bus. Etliche waren ausgefallen, wegen dem Wetter. Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Im Hinterkopf immer irgendwie die Angst, die machen die Grenzen wieder dicht, man kommt nicht mehr nach Hause. Nach etlichen Stunden in der Kälte
konnten wir dann doch noch in einen Bus besteigen und nach Eisenach zurückfahren.
Dann bekamen wir die ersten „Westwaren" in die Kaufhalle. Es waren Joghurtbecher
und die Leute waren ganz scharf darauf. Der Becher Joghurt kostete damals 1,70 DDR-Mark Das muss man sich mal überlegen und die Leute haben ihn trotzdem gekauft.
Dann kam das Wochenende, an dem in unserer Kaufhalle auf Westwaren umgestellt wurde. Samstag wurde noch normal verkauft bis 11.00 Uhr, obwohl soviel nicht mehr da war. Danach war Inventur, da wurden die DDR-Waren gezählt und billiger gepreist. Die Tage davor war schon Palettenweise Westware gekommen - Wer auch nur einen Moment erübrigen konnte, ging nach hinten und staunte was da altes drauf war - Das vergleichen der Waren gestaltete sich als schwierig denn wir kannten sie ja nicht.
Am Schwierigsten war es die Obst und Gemüselieferung zu vergleichen‚ weil da Waren dabei waren die wir nicht kannten. Aber wir haben die Sachen dann gewogen und konnten anhand des Gewichtes feststellen was es war. Da war z.B. Fenchel dabei und Satsumas und Kiwis. Danach haben wir angefangen nach einem Plan, der uns vorgegeben wurde, die Waren in die Regale einzuräumen. Immer wieder mußten wir umräumen weil der Platz nicht reichte oder weil wir etwas falsch eingeordnet hatten.
Samstagabend gegen 23.00 Uhr haben wir Schluss gemacht und Sonntag Früh um 7.00 Uhr ging es wieder los. Unter Zeitdruck haben wir alles in die Regale geräumt bis Sonntagabend 23.00 Uhr.
Am Montag Früh um 7.00 Uhr ging es wieder los und um 8.00 Uhr wurde die Kaufhalle geöffnet. Vor unserer Tür standen viele Leute und wollten sehen, was es nun zu kaufen gab. Alle waren neugierig. An diesem Tag hatten wir alle vier Kassen geöffnet und jede Kassiererin bekam eine kleine Ausstattung an D-Mark als Wechselgeld. Die Leute hätten uns Falschgeld geben können. Wir mußten zwar kassieren, aber wir kannten das Geld ja nicht und dementsprechend waren wir mächtig aufgeregt und hatten Angst etwas falsch zu machen. Dauernd mußten wir nach Wechselgeld fragen, weil wir nicht genug hatten und die Leute nur Scheine hatten. Dann ging das Kennen lernen der neuen Waren los: Die Kunden fragten uns wie Weizenin im Westen heißt usw... Es hat eine Weile gedauert bis wir alle Fragen beantworten konnten - schließlich war auch für uns alles neu, aber man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Aber geschafft waren wir nach dem Wochenende alle und freuten uns darauf, uns das nächste Wochenende auszuruhen. Heute gibt es die Konsumkaufhalle in der Gierstrasse in Mühlhausen nicht mehr und auch die Konsumgenossenschaft ist in Konkurs gegangen. Ich habe noch etliche Bilder von dem Wochenende und der aufregenden Zeit, wenn sie möchten schicke ich sie Ihnen.

Mit freundlichem Gruß, ihre treue Leserin
Evi Schnepf


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Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler