Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Reinhold Schulze: Meine Zukunftswünsche 1989

Im Herbst 89 war ich bereits 77 Jahre. Ich hatte als 6-jähriger noch das Ende des Kaiserreichs und das Ende des 1. Weltkrieges erlebt und all das, was zwischen 1920 und 1989 in Deutschland aufgewirbelt und untergegangen war.

In besonders starker Erinnerung ist mir auch noch die Begeisterung, der Enthusiasmus, beim Hitlerbesuch in Weimar nach 1933 sowie bei dem Besuch Helmut Kohls kurz nach dem Mauerfall auf dem Domplatz in Erfurt. Ob aus solcher Begeisterung etwas Gutes entstehen kann, das fragte ich mich immer wieder.

Im November 1990 rief der Bundestagsabgeordnete Dr. Edebert Richter mit dem Thema „Wie stellen Sie sich das Jahr 2000 vor?" zu einem Preisausschreiben auf.

Ich beteiligte mich seiner Zeit mit dem nachstehenden Beitrag.

Meine damaligen Erwartungen haben sich leider nicht erfüllt. Ich bin enttäuscht! Weil ich glaube dass es sinnvoll ist, daran zu erinnern, welche Vorstellungen wir 1989 hatten, schreibe ich Ihnen meine damalige Meinung.

Ich würde mich freuen, wenn Sie die Meinung eines heute 96-jährigen nützen könnten!

 

Mein Beitrag zum Preisausschreiben „Wie stellen Sie sich Deutschland im Jahre 2000 vor?"

Die Frage müsste besser lauten: Wie wünsche ich mir Deutschland im Jahre 2000!

Ich gehöre nicht mehr zu den jungen Bürgern, möchte aber das Jahr 2000 noch erleben. Dazu wünsche ich mir vor allem, dass ich gesund und dem Alter entsprechend fit bleibe.

Meine Wünsche und Vorstellungen für das Jahr 2000 sind:

  1. Für die ältere Generation, die die Nazi-Zeit und zum Teil noch die Zeit der Weimarer Republik bewusst miterlebt hat: Diese Menschen, die die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre erlebt und hart gearbeitet haben, haben einen Lebensabend ohne finanzielle Sorgen und Existenzängste verdient. Im Jahre 2000 sollen genügend altersgerechte Wohnungen, Feierabend- bzw. Pflegeheime existieren, in denen sie den Lebensabend menschenwürdig verbringen können, sofern sie die letzten Jahre ihres Lebens nicht im Kreise ihrer Familie verbringen und von ihren Kindern, Enkeln oder Urenkeln betreut und gepflegt werden können.

  2. Für die heute 40-50 Jährigen, die zwar nicht oder nur zum Teil die Schrecken des Krieges, dafür aber die entbehrungsreiche Zeit des Wiederaufbaus und - was die Bürger der ehemaligen DDR betrifft - die Zeit des Niedergangs des „real existierenden Sozialismus" erlebt haben: Diese Generation träge gegenwärtig die Verantwortung für die Entwicklung bis zum Jahre 2000. Sie trägt an den Folgen der vergangenen 40 Jahre, sowie den Schwierigkeiten, die durch das überstürzte „Zusammenwuchern" der beiden Teile Deutschlands entstanden sind, am schwersten. Von den Existenzängsten, besonders die durch den Zusammenbruch vieler Betriebe entstandene Arbeitslosigkeit, sowie die noch vorhandene Zurückhaltung der Unternehmer und Kapitalbesitzer zum Investieren in den 5 neuen Ländern, ist diese Generation am meisten betroffen. Der Tiefpunkt dieser Entwicklung muss so schnell wie nur möglich überwunden werden, damit die Menschen wieder Vertrauen gewinnen und für sich und ihre Kinder, die sich zur Zeit auf den Beruf vorbereiten, bis zum Jahre 2000 eine sichere Existenz und die wirtschaftliche und soziale Gleichstellung aller Bürger Deutschlands schaffen können. Die Pläne zur Entwicklung der europäischen Einheit und insbesondere die Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes im Jahre 1992 geben mir diese Zuversicht und Gewissheit.

  3. Für die Generation der 15-25 Jährigen, die gerade die Lehre begonnen haben, oder sich im Studium befinden, wünsche ich mir, dass sie im Jahre 2000 ihr Wissen und ihre Fähigkeiten nutzbringend anwenden können. Diese Generation muss vom Jahre 2000 an die Führungsstellen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft besetzen. Schon heute muss diese Generation auf diese Aufgaben vorbereitet werden. Im Jahre 2000 darf es keine wesentlichen Unterschiede (außer den naturgegebenen) zwischen den 5 neuen Ländern und den anderen Ländern der BRD mehr geben. Das gilt für alle Gebiete, einschließlich der Entwicklungsmöglichkeiten, der Lebensverhältnisse, der Lebensqualität und der sozialen Lage. Es muss auch gelingen, auf diesem Gebiet eine Angleichung innerhalb der Länder der Europäischen Gemeinschaft beziehungsweise ganz Europas zu erreichen.

  4. Für die kleinen Kinder und die noch Ungeborenen, die im Jahre 2000 im schulpflichtigen Alter sind, wünsche ich, dass sie in das geeinte Europa hineinwachsen. Meinen Urenkeln möchte ich dann eine gesundete Umwelt zeigen können, die Folgen des Waldsterbens müssen behoben sein und die Müllbeseitigung mit ihren Problemen muss nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa geklärt sein. Die weitere Beschädigung der Natur muss gestoppt sein und die Menschen sollten erkannt haben, dass Lebensqualität nicht gleich deutend ist mit so genanntem materiellem Wohlstand. Kriege sollen der Vergangenheit angehören

    Reinhold Schulze

leerbild02