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Jürgen Frank: Wie ich den Fall der Mauer erlebte |
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In der Zeit vom 30.10. bis 15.11.1989 befand ich mich in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Im Vermessungsamt der Stadt war ich mit Reparaturen von Geräten zur Erzeugung von Karten beschäftigt.
Ich arbeitete als Kundendienstingenieur in einem großen Jenaer Unternehmen. Ich wusste was in der Heimat los war und hatte extra ein kleines Kurzwellenradio mitgenommen. Jeden Abend hörte ich voller Spannung die Radiosendungen. Im Hotelzimmer hatte ich auch ein Fernsehgerät. Das bulgarische Fernsehen zeigte keinerlei Bilder zu den Ereignissen, dafür aber das sowjetische Fernsehen umso mehr. Die sowjetischen Kommentare waren, soweit ich sie verstehen konnte, eher wohlwollend als übel. Dies beruhigte mich dann doch einigermaßen. Irgendwie sagte mir mein Gefühl, wenn die Russen nicht eingreifen, geht das vielleicht doch alles friedlich aus.
So saß ich nun am 9. November abends in meinem Hotelzimmer, ein Ohr am Kurzwellenradio und das andere und die Augen auf den Fernseher gerichtet.Ich weiß es nicht mehr genau, aber das sowjetische Fernsehen berichtete fast ohne Unterbrechung. Ich hörte von der heute so berühmten Pressekonferenz. Dann verfolgte ich die ganze Nacht die Berichte der verschiedensten Radiostationen. Die sehr vage Erkenntnis der möglichen Tragweite der Ereignisse dieser Nacht, ließ mir die Tränen in die Augen steigen.
Ein reichliches Jahr vorher war mein Vater gestorben. Er hat bis zu seinem letzten Atemzug an die deutsche Einheit geglaubt. Er konnte es nicht mehr erleben. Ich schlief diese Nacht nicht mehr. Am nächsten Morgen im Vermessungsamt empfing mich der Direktor persönlich mit den Worten: „Ich beglückwünsche sie zum größten Tag aller Deutschen". Dann schwärmte er noch lange über die Deutschen, die sich nach seiner Meinung nun bald zusammenschließen und zu einer Wirtschaftsmacht ohnegleichen wachsen werden.
An diesem Tag wurde auch nicht mehr viel gearbeitet. Es gab immer wieder etwas zu trinken und alle Mitarbeiter wollten den Deutschen einmal sehen und ihm die Hand schütteln. Bis zu meiner Heimreise kam ich keinen Abend weg von Radio und Fernsehapparat. Ich sah wie sich Bundespräsident von Weizsäcker an einer schon vorhandenen Mauerlücke mit Ostberliner Grenzsoldaten ganz locker unterhielt. Es war einfach nicht zu fassen. Im Hotel lachte und tuschelte man, wenn man mich kommen sah.
Der nächste Eindruck kam auf mich zu, als ich in Schönefeld nach der Landung aus dem Flughafengebäude trat. Da stand einer der Ikarusbusse des Berliner Stadtverkehrs mit Fahrtrichtungsanzeige Westberlin. Die Fahrgäste standen Schlange und am Eingang des Busses stand ein NVA Leutnant der lediglich die Personalausweise kontrollierte. Es schien mir auf den ersten Blick als ob zwischen dem 9. und dem 15. November, dem Tag meiner Heimreise, schon so etwas wie Normalität eingekehrt wäre.
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Jürgen Frank in Sofia

mit Kofferradio

in Asien
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