Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Simone Martin: In der Hoffnung auf ein Wiedersehen

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Meine Ausbildung als Facharbeiter hatte ich 1988 erfolgreich abgeschlossen und war nun berechtigt, die Berufsbezeichnung Buchhändler zu führen. Einen Arbeitsvertrag bekam ich von der damaligen Universitätsbuchhandlung „Thomas Mann“, die sich zu meiner Zeit als größte Buchhandlung der Stadt direkt unter dem Universitätshochhaus, heute bekannt als „Intershop Tower“, am ehemaligen „Platz der Kosmonauten“ befand.

Durch den täglichen Kundenkontakt, lernte ich meine beste Freundin Christine B. kennen. Sie interessierte sich für bestimmte Literatur und so kamen wir ins Gespräch, welches wir am späten Nachmittag bei einer Tasse Kaffee, zu der sie mich eingeladen hatte, vertieften. Ab diesem Tag verband uns eine sehr tiefe und innige Freundschaft. Als ich erfuhr, dass sie Hebamme von Beruf ist, hatte sie meine ganze Bewunderung. Die Vorstellung, dass sie vielen kleinen Menschenkindern auf die Welt verhilft, fand ich einfach unsagbar toll. Wir hatten ähnliche Interessen und Vorstellungen von unserem Leben, wir wollten beide etwas aus unserem Leben machen.

Christine konnte schon damals hervorragend malen, heute lebt sie u. a. von dem Verkauf ihrer Bilder in Amerika. Von ihrer Absicht in den Westen zu gehen, bzw. einen Ausreiseantrag zu stellen wusste ich recht bald. Ich wusste auch, dass in mir ein ähnlicher Wunschgedanke schlummerte. Von nun an gerieten wir beide in das Visier der Stasi. Man ging soweit, dass man Kontakt zu mir aufnahm, mich in der Buchhandlung aufsuchte oder nach Dienstschluss abfing, um Näheres über meine Christine zu erfahren. Man wollte mich sogar für die Dienste der Stasi werben, alles natürlich ohne Erfolg. Ich bin mir immer treu geblieben! Im Wendejahr 1989, die Montagsdemos waren im vollen Gange, teilte mir Christine eines Tages mit, dass uns nicht mehr viel Zeit füreinander bliebe. Ihre Tage in der DDR waren gezählt und wir nutzten sie so intensiv wie nur möglich.

Unser Plan stand fest –  Christine würde uns beiden den Weg auf der anderen Seite Deutschlands ebnen und ich würde ihr folgen. Sie holte mich kurze Zeit später ein letztes Mal von der Arbeit ab, es war zu meiner Mittagspause. Als sie mir dann zum Abschied einen Ring schenkte, wusste ich, dass wir uns zum vorerst letzten Mal sehen würden. Wir weinten beide bitterlich und für mich brach eine Welt zusammen. Meine geliebte Freundin verließ das Land!

Wann würden wir uns je wieder sehen? Meine Trauer über den menschlichen Verlust war immens, ich hatte Kontakt zu ihrer Familie, besonders zu ihrer Oma und zu Freunden aus ihrem Umfeld, doch das war nur ein kleiner Trost! Zu dieser Zeit verlor ich fünf gute Freunde auf Grund der Ausreiseanträge, Christine aber stand mir von allen am nächsten. All das Geschehene verarbeitete ich in meinen Gedichten, eines hatte ich für Christine geschrieben.

Unsere Briefe wurden kontrolliert, geöffnet, einige erhielten wir gar nicht, man wollte sicherlich diesen Kontakt unterbinden. Zu groß schien die Gefahr, ich würde meinen Freunden folgen, würde einen Ausreiseantrag stellen und es ihnen gleich tun. Dennoch erfuhr ich, wie es ihr ging. Recht schnell hatte sie Fuß gefasst, eine Wohnung gemietet und arbeitete wieder in ihrem Beruf als Hebamme. Ich hatte inzwischen einen Mann kennen gelernt und war dabei, meinen Plan Christine zu folgen über Bord zu werfen. Auch er hatte zu dieser Zeit einige Freunde am Bahnhof verabschiedet, auch er kam an seine emotionalen Grenzen, denn es war stets ein Abschied für immer. Wann würde man diese Menschen je wieder sehen? So erging es tausenden DDR Bürgern!

Als dann im November 1989 das Unglaubliche geschah, konnten wir alle diesen Umstand kaum begreifen. Noch im selben Monat trafen wir uns mit einem unserer Freunde, der vorher gegangen war, auf der anderen, uns unbekannten Seite Deutschlands.



Anbei das Gedicht, welches ich meiner Freundin widmete, es entstand am 08.05.1989:

Hoffnung

Hoffentlich werden wir nie hungern müssen,
hoffentlich nie dursten,
dass wir den Frieden nicht ewig auf Erden missen,
dass der Regen die kranke Natur erfrischt
und die Sonne uns`re kalten Körper wärmt,
der Fischer nicht nur die leblosen Fische fischt
und der Mensch von vergangenen Zeiten schwärmt.
Hoffen, dass Natur und Mensch erhalten bleiben
Und herrschendes Elend vergeht,
hungernde Menschen die Qual vertreiben,
dahin mein Hoffnungswille strebt.
Hoffen, dass nicht unschuldige Kinder getötet werden
und weinende Mütter die leidenden sind,
hoffen, dass wir alle natürlich sterben
und nicht Opfer eines Infernos im heulenden Wind.

UND: HOFFNUNG; DASS ICH DICH WIEDERSEHE!


Simone Martin, 08.05.89
(für Christine)

 


 

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Simone Martin, 1988.