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Im Frühjahr 1988 sprach mich meine Freundin an, wollen wir nicht mal versuchen für nächstes Jahr eine Reise auf dem Traumschiff zu bekommen? Ich sah die Chancen für nicht sehr erfolgreich an. Wir waren keine Produktionsarbeiter, keine Schichtarbeiter und keine Genossen. Im Neuererwesen konnte nur meine Freundin Pluspunkte vorweisen. Lediglich gesellschaftliche Arbeit auf sozialem und kulturellem Gebiet war nachzuweisen. Warum sollten wir es nicht versuchen? Wir einigten uns darauf, uns für eine Reise im Jahr 1990 zu bewerben, da wir dann beide im Herbst 1990 40jähriges Betriebsjubiläum hätten. Vielleicht würde das auch mitzählen. Gesagt - getan. Es war sehr schwer für einen Durchschnittsbürger eine Schiffsreise zu erhalten. Sie waren sehr begehrt und wurden meistens als Auszeichnungen vergeben. Diesbezüglich auch noch einen Wunsch für Ziel oder Zeitpunkt der reise zu äußern war kaum möglich. Das Angebot war zu gering.
Anfang des Jahres 1990 hörte meine Freundin durch Zufall, dass in den nächsten Tagen in der Gewerkschaftsleitung über die Vergabe der Schiffsreisen entschieden werden sollte. Meine Freundin sagte sich: Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser. Sie fragte im Sekretariat der Gewerkschaftsleitung nach, ob unser Antrag von 1988 auch mit vorliege. Siehe da, er war es nicht. Erst nach längerem Suchen wurde er aufgefunden und noch zu den vielen anderen Anträgen gelegt. Nun konnten wir nur noch hoffen, dass alles „seinen sozialistischen Gang" ging.
Voller Freude teilte mir meine Freundin 14 Tage später mit, wir haben die Zusage für eine Ostseerundreise auf der „Arkona" im Sept. 1990 erhalten. Ich konnte das Glück gar nicht so schnell fassen und war ebenfalls begeistert. Die politische Lage war rasant in Bewegung geraten und das Ende der DDR nur noch eine Frage der zeit. Für uns hieß das, wir mussten im Frühjahr die Reise anzahlen (=300 Mark der DDR), den Rest von 1600 Mark 14 tage vor Antritt der reise in DM. Als ich dann Anfang September beim zentralen FDGB die Reise bezahlte, fragte mich die Kollegin, ob ich nicht noch jemanden wüsste, der Interesse an dieser Reise hätte. Es gäbe noch freie Plätze. Ich war sprachlos.
Am 23. September 1990 betraten wir voller Erwartung das herrliche Urlaubsschiff in Warnemünde und „stachen in Richtung Riga in See". Dieser Luxus, diese Verpflegung - so etwas hatten wir noch nicht erlebt. Wir stellten dann bald fest, das Schiff war nur zu 50% belegt! Es herrschte eine etwas zurückhaltende Stimmung an Bord und doch voller Freude. Alle wussten, das was wir jetzt auf dieser Reise erleben, wird es in dieser Art in Zukunft nicht mehr geben. Am 2.Oktober kehren wir zurück, damit enden auch 40 Jahre DDR. Ab 3.Oktober sind wir Bundesbürger. Wir sind glücklich darüber. Was aber wird die neue zeit bringen?
Riga: 1966 waren wir das erste Mal dort und hatten eine sehr lebendige Stadt erlebt mit Stadtrundfahrt auch in die Umgebung und Freundschaftstreffen mit der Bevölkerung. Jetzt fanden wir eine sehr stille, fast leblose Stadt vor, die Not und der Verfall schauten aus allen Ecken. Der Stadtrundgang wurde zu Fuß zurückgelegt weil angeblich alles so dicht beieinander liegt. In Wirklichkeit gab es zurzeit keinen Sprit für die Busse und deshalb auch kaum Autoverkehr.
Leningrad: Am Abend vorher hatten wir ein großes Galadinner an Bord. Durch das Gesehene in Riga hatte ich mir fest vorgenommen, unbedingt zum Schluss des Dinners einige essbare Dinge mitzunehmen, was nach Rücksprache mit dem Steward auch gelang. Im Hafen von Leningrad war um unser Schiff große Geschäftigkeit, Schilderhäuschen mit militärischer Bewachung waren extra aufgestellt worden, die Pässe wurden ausgiebig kontrolliert. Nach Erledigung aller Formalitäten starteten wir zur Stadtrundfahrt mit Bussen. Erster halt war an der Newa in der Nähe der Eremitage an einer Brücke. Vier Studenten standen bereit uns zu begrüßen und ein Ständchen zu spielen. Schnell gab ich ihnen meinen Beutel mit Brötchen und Brezeln. Im Handumdrehen hatten sie die Backwaren verschlungen. Es war mir sofort klar - sie hatten lange nichts gegessen. Und dann spielten sie für uns
- das Deutschlandlied -
(Damals nur die westdeutsche Nationalhymne) Da waren wir alle verdutzt, noch waren wir ja DDR-Bürger.
Helsinki: Diese Stadt war neu ins Programm aufgenommen worden und der Höhepunkt unserer Reise. Keiner würde mehr von Bord springen um das „kapitalistische Ausland" zu erreichen. Wir durften alle offiziell an Land. Vorher gab es noch einige Verwirrung an Bord. Keiner nahm von unserem Schiff Notiz. Nach ca. 1,5 Stunden ließ der Kapitän verkünden, jeder kann an Land gehen, wenn er will. Es gibt keinerlei Kontrolle! Bei der Stadtrundfahrt am Nachmittag sahen wir eine schöne, saubere, geschäftige und wohlhabende Stadt. Würde unser Ostdeutschland später auch mal so aussehen? Unsere Reise näherte sich dem Ende und wohlbehalten voller neuer Eindrücke liefen wir am 2.Oktober 1990 im heimatlichen Hafen Warnemünde ein.
Auf der langen Bahnfahrt nach Hause gingen die Gedanken ihren eigenen Weg. Wie würde es weitergehen, wenn am Montag wieder Alltag war? Gerüchte waren im Umlauf, dass unser Betrieb von 30 000 Beschäftigten auf 3 000 oder gar auf 1 000 abgebaut werden sollte. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Sicher war das gewaltig übertrieben. Wer sollte das finanzieren, wenn Zehntausende nicht mehr arbeiten würden? Nein, das konnte nicht die Zukunft sein für die wir demonstriert hatten. Mein Chef hatte mich schon mal angesprochen (aus Weisung von oben), dass es jetzt die Möglichkeit gäbe, ab dem 55. Lebensjahr in den Vorruhestand zu treten mit 62 - 65% des jetzigen Gehaltes. Ich lehnte das strikt ab, von dem Geld könnte ich nicht leben. Jetzt wollte ich noch ein paar Jahre arbeiten ohne politischen zwang, ohne die vielen nutzlosen Arbeiten die das sozialistische System mit sich gebracht hatte.
Voller Erwartung erschien ich am 4.Oktober 1990 an meinem Arbeitsplatz. Ich hatte eine freudige Begrüßung erwartet. Aber unser Assistent schaute ziemlich schlecht gelaunt aus. Hatte er Ärger mit seiner Frau gehabt? Auch mein Chef wirkte nervös. Er lief hin und her, holte tief Luft um mich dann in sein Büro zu bitten. Er eröffnete mir, dass der 1.Oktober 1990 mein letzter Arbeitstag war und ich jetzt im Vorruhestand wäre. Er hätte es nicht verhindern können. Unsere Zusammenarbeit umfasste einen Zeitraum von über 20 Jahren. Es war eine Woche vor meinem 40jährigen Betriebsjubiläum. Auch meine Freundin verlor zur gleichen Zeit ihren Arbeitsplatz.
- Aus der Traum -
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