Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Christa Prast: „Mein Herbst"

Zur Einleitung: Mein Mann beging 2005 seinen 70. Geburtstag und bekam von mir ein Buch mit Erinnerungen aus seinem Leben, zusammengetragen von Kindern, Verwandten, Freunden, Studien-, Arbeits- und Geschäftskollegen. Mein Beitrag war eine Erinnerung an den Herbst 1989, die ich nach Tagebuchaufzeichnungen noch einmal bearbeitete:

„Wenn damals unsere Eltern zu Freunden und Verwandten in den Westen reisten, dann beneideten wir sie. Wir rechneten uns aus, dass für uns diese Zeit des Reisens nicht vor dem Jahr 2000 beginnen würde. Dann kam jener denkwürdige Tag 9.11.1989.

Was für Monate liegen hinter uns.

Im Sommer begann die Ausreisewelle, Ungarn öffnete seine Grenzen. Tausende Menschen gingen über Ungarn in den Westen, baten in Warschau um politisches Asyl. Junge und alte Menschen nahmen die Ungewissheit auf sich, um endlich frei zu sein. Wir hatten immer ein wenig Angst, dass unser Sohn Andreas auch spontan reagieren würde.

Am 7.10.1989 ging die Stasi gegen die Menschen vor, Ausreisende wurden zu „Assis" erklärt. Wir verstanden die Welt kaum noch. Waren denn Kristina und Frank und ihre Kinder assozial weil sie die Ausreise wollten?

Es gab Demonstrationen in den großen Städten, auch in Ilmenau, wo wir damals wohnten. Hier war ich auch mit dabei, erst ein wenig zaghaft, ängstlich. Dann frei, jedem ins Gesicht schauend und glücklich, denn alles lief friedlich ab.

9.11.1989:

Unser Enkelkind Nancy feierte in Erfurt ihren 4. Geburtstag. Mit meinem Sohn Andreas fuhr ich nach Erfurt. In der Familie diskutierten wir über das Tagesgeschehen, sahen trotz Kindergeburtstag fern und fühlten eine gewisse Spannung. Später am Abend fuhren wir zurück nach Ilmenau, Andreas stellte sofort den Fernseher an. Dann schrie er: „Die Grenzen zur BRD sind auf!" Wir sahen uns an, glaubten, er mache Witze. Aber es stimmte.

Ich glaube, so fassungslos waren wir schon lange nicht mehr. Spontan holte mein Mann, seine Allerheiligsten - eine Flasche Metaxa aus dem Westen - und wir stießen miteinander an. Aufgewühlt und fassungslos. Jeder sollte ein Visum bekommen.
Wer arbeitete eigentlich am 10.11.1989 noch?
Was stehen konnte, das stand an diesem Morgen in einer unendlichen Schlange vor dem Polizeigebäude in Ilmenau an. Das Schlangestehen, als DDR-Bürger gewohnt, machte Spaß, jeder stand zwischen Hoffnung und Zweifel. In den Westen!
Die ersten Antragsteller, die den Stempel bekamen, wurden mit Fragen gelöchert und verbreiteten Hoffnung. Viele Menschen standen auch nur so aus Neugier, erst einmal sehen ob es wahr ist.
Nach drei Stunden in der Schlange hatten Andreas und ich den lang ersehnten Stempel zur Ausreise. Und mein Mann?
Wolfgang war noch in Erfurt in seinem Betrieb obwohl kaum einer mehr dort arbeitete.
Ich rief ihn also an und wir machen einen Plan, wie er an den Stempel kommen konnte. Wir teilten unsere Aufgaben auf: Wolfgang fuhr an diesem Tag mit dem Zug nur bis Plaue, dort holte ich ihn mit dem Auto ab. Das brachte eine Zeitersparnis von 45 Minuten, so lange fuhr nämlich der Zug von Plaue bis Ilmenau.
Andreas sollte sich in der Zwischenzeit in der langen Schlange bei der Polizei anstellen. Weil es mittlerweise kühler wurde, war er mit Thermosflasche und Verpflegung ausgerüstet. Wolfgang wurde in der Nähe von mir abgesetzt, suchte Andreas und reihte sich in die Schlange ein. Nach weiteren drei Stunden, Tee und Brote nach vorn und hinten verteilend, hatte Wolfgang sein Visum. Ach, wir waren so glücklich.
Auch die Tankstelle hatte länger geöffnet, wieder eine Schlange, aber so konnten wir unseren Wartburg noch betanken. Gegen zwei Uhr waren wir am Familientisch vereint, vollkommen aufgewühlt. Dann versuchten wir unentwegt unseren Cousin in Eschwege zu erreichen, denn es war klar, unser erster Westbesuch sollte zu Klaus und Resi gehen.
Endlich gegen 23.30 Uhr war Klaus der Glückliche, der eine telefonische Verbindung zu uns bekam. Es war das kürzeste Gespräch, das wir je führten: „Kommt!Kommt nicht so spät! Seit zum Frühstück da!" Bei einer Entfernung Ilmenau - Eschwege von knapp 60 km wohl kein Problem - dachten wir.
Mein Mann konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Viele Gedanken gingen durch den Kopf. Mir ging es genau so. Es war für uns etwas unfassbares geschehen und wir merkten, es muss etwas Besonderes sein.
Also standen wir auf, Andreas war sofort hellwach und gegen 5 Uhr früh begann unsere Fahrt ins Abenteuer „Westen".
Dachten wir noch in Arnstadt, dass wir die einzigen Frühaufsteher wären, änderte sich das, je näher wir der Autobahn Richtung Eisenach kamen. Ein Band roter Lichter ohne Ende leuchtete schon von Weitem.

Die DDR war auf Tour.

Auf der Autobahn hatten wir unendlich viel Zeit, mal rollen, mal stoppen, im ständigen Wechsel.

Grenzübergangspunkt Wartha:
War ich ängstlich! Im Hinterkopf hatte ich die vielen Berichte, wie die Grenzer sich dort aufführten. Aber wir schauten nur in freundliche Gesichter. Die Grenzer winkten den Autos „Weiter!", keiner interessierte sich für ein Visum. Die ganze Anspannung fiel von mir ab, am liebsten hätte ich geheult. Mein Mann war auch sehr bewegt bemühte sich aber um Fassung. Auf der zweiten Autobahnspur entdeckte Andreas seinen Lehrausbilder. Wo der wohl hinwollte? Zurufe: „Montag pünktlich sein!"

Herleshausen:
Menschen winken, verteilen Straßenkarten, wir stoßen mit Wildfremden mit Sekt an, alles wie im Rausch.
Uns wird bewusst, wie man uns verdummt hat, ängstlich gemacht...
Unserer Tränen schämten wir uns aller nicht, als wir nach einer langen Fahrt bei Klaus und Resi klingelten. Wir lagen uns in den Armen. Es wurden die bewegendsten Stunden an diesem Wochenende. Einmalig, unvergesslich, hautnah Geschichte und wir mittendrin."
Heute, nach fast 20 Jahren, sind diese Momente nach wie vor bewegend und unvergesslich. Wir sind angekommen und haben viele unserer Träume verwirklichen können. Lernen wir Menschen aus anderen Gegenden Deutschlands oder anderen Ländern kennen, so ist es diese Geschichte, die wir gerne weitergeben.

 


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