Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Annerose Kaiser: Meine Zeit um den 9.11.1989 – den Tag der Grenzöffnung

Es war der 5.11.1989, ein sonniger Novembersonntag. Für mich der Beginn einer dreiwöchigen Heilkur in Bad Elster. Mein Mann fuhr mich mit dem „Trabi" in eines der prominentesten Bäder der DDR. Während der Fahrt erfreute ich mich nicht, wie sonst, an den Schönheiten der Natur, die der Spätherbst noch bot. Meine Gedanken kreisten um  die Fragen: Mit wem werde ich das Zimmer teilen müssen? Wie werde ich die verordneten Behandlungen verkraften? Etwas flau war mir dabei.

Zur Mittagszeit in Bad Elster angekommen, gingen wir in das Kurhaus zum Essen. Es fiel uns auf, dass größere Reviere nicht bedient wurden. Wir erfuhren als Grund dafür, dass das personal über die CSSR und Ungarn in den Westen geflüchtet sei. Ich konnte es nicht erwarten, über meine allernächste Zukunft Bescheid zu wissen. Mein Man brachte mich zu der in den Kurunterlagen genannten medizinischen Einrichtung, wo ich Informationen über Unterkunft, Verpflegungsstelle und erste Arzttermine erfahren sollte.

Meine Unterkunft war in einem kleineren Bettenhaus zentral gelegen. Ich hielt den Schlüssel Nummer 15 in der Hand und stieg mit klopfendem Herzen bis zum Obergeschoss, schloss die Tür auf, und meine Freude war riesengroß. Es war ein kleines Mansardenzimmer, das mit in den nächsten drei Wochen allein gehörte. Fröhlich und erleichtert schloss ich mein Gepäck ein, und wir suchten noch gemeinsam nach der genannten Verpflegungsstelle. Dann fuhr mein Mann nach Hause.

Inzwischen waren auf dem Flur im dritten Obergeschoss weitere Kurteilnehmer angereist. In die Zimmer 13,14 und 16, auch Einzelzimmer, zogen Christa, die Krankenschwester, Marita, die Lehrerin und Ingeborg, die Sekretärin. Den zehn Minuten Fußweg zum Abendessen gingen wir schon gemeinsam. Der Montag und Dienstag war ausgefüllt mit Arzt - und Behandlungsterminen. Die Kureinrichtungen lagen im Ort verstreut; jeder hatte sich erst einmal zurechtzufinden. Mein Vorschlag, uns am 8.11.89 im Theaterrestaurant bei einem Glas Wein (bis 21.30 erlaubt) näher kennen zu lernen, wurde freudig angenommen. Wir wunderten uns an diesem Abend über großes Gedränge am Eingang des Restaurants. Auf einem Schild lasen wir „Heute verkehrter Ball". Das erschien uns für Absicht, und überhaupt, ungeeignet. Wir bestellten einen Tisch für den nächsten Abend.

9.11.1989! Gleich nach dem Abendessen gingen wir los. Unser Tisch, in der Nähe der kleinen Tanzfläche, gegenüber der Kapelle, beherbergte vier muntere, geschwätzige Frauen in den Fünfzigern. Jede erzählte aus ihrem Leben und wir stellten viel Gemeinsames fest. Alle vier waren wir verheiratet und berufstätig, hatten Kinder, die allerdings den Kinderschuhen längst entwachsen, ihr eigens Leben aufbauten. Stolz und Freude darüber war in den Gesichtern der Mütter zu erkennen.

Es war gegen 20.00 Uhr. Das Restaurant verdunkelte sich, die Tanzfläche wurde beleuchtet, ein Hocker darauf gestellt. Die Kapelle, bestehend aus drei Musikern und einer Sängerin, spielte leise konzertante Musik. Zu diesen Klängen begann sich die sehr hübsche Sängerin zu entkleiden. Das Mieder, der Rock wurden geöffnet, auf dem Hocker sitzend entfernte sie mit graziösen Bewegungen die Strümpfe von den sehr schönen Beinen...

Im Lokal war äußerste Ruhe. Auch unsre Tischrunde war verstummt. Es war ein schöner, ästhetischer Anblick, als auch die letzten Hüllen zu Boden fielen. Wir trauten unseren Augen kaum. Striptease in einem Konzertcafé? Um 20.00 Uhr? War das überhaupt erlaubt?

Das Licht ging an. Die Kapelle machte Pause. Themenwechsel auch an unserem Tisch. Marita hatte in einem Nachtbarprogramm in Ungarn schon Ähnliches erlebt. Man glaubte zu wissen, dass in den Bars der Interhotels zu den Messen...

Wir standen voll unter dem Eindruck des soeben Erlebten. Gegen 21.00 Uhr erschien die Kapelle wieder. Plötzlich trat der Kapellmeister ans Mikrophon und verkündete, dass die Grenzen nach Westdeutschland soeben geöffnet seien. Weil diese sensationelle Nachricht überhaupt keine Reaktionen hervorrief wiederholte er seinen Satz und fügte ganz trocken hinzu:

„Meine Damen und Herren! Wären Sie jetzt nicht in Bad Elster sondern in Berlin, könnten sie heute noch auf dem Kurfürstendamm spazieren gehen."

Diesmal trauten wir unseren Ohren nicht und schauten uns an. Sollte der eine Witz sein? Aber dann ein schlechter! Wenn es aber wahr wäre, was für eine Meldung! Wir sprangen, wie alle im Restaurant, von unseren Sitzen auf. Marita und Inge wollten gleich loslaufen. Lautes Stimmengewirr. Die Kellner rannten von Tisch zu Tisch um zu kassieren.

„Wer hat ein Radio mit?"

Wir liefen in unsere Herberge und waren aufgeregt wie noch nie. Zweifel, Ängste wurden geäußert, an die Familie gedacht. Würde alles friedlich bleiben? Passanten, denen wir begegneten, wunderten sich sicher über unser Benehmen. Um 22.oo Uhr saßen wir vier voller Spannung in meinem Zimmer auf dem Bett und dem einzigen Stuhl und hörten Radio.

Es stimmte, die Grenzen waren offen. War das eine Freude! Es gab nur Hoffnungen, keine Ängste mehr. Gleich morgen wollten wir mit unseren Männern telefonieren. Fragen über Fragen stellten wir uns nach der überraschenden politischen Entwicklung. Pläne für Verwandtschaftsbesuche, vielleicht noch zum bevorstehenden Weihnachtsfest, wurden geschmiedet. Erst weit nach 24.oo Uhr trennten wir uns. Was für ein Abend!

Die neue Lage veränderte auch unsere gefassten Beschlüsse für gemeinsame Unternehmungen während des Kuraufenthaltes. Das wurde schon am nächsten Abend deutlich. Der Fernsehraum des Bettenhauses erwies sich als zu klein für alle Hausbewohner. Man saß und stand dicht gedrängt und lauschte den Informationen und Kommentaren. Am Telefonhäuschen in der Straße standen Menschenschlangen.

Ich erkannte, dass ich meine Informationsquellen anders organisieren musste und Christa, die Krankenschwester, schloss sich mir an. Während Marita und Ingeborg täglich um 17.00 Uhr schon ihre festen Plätze im Fernsehraum hatten, gingen wir zum Abendessen. Wir studierten das Kulturprogramm und fanden dabei interessante Vortrags -, Theater - und Konzertveranstaltungen. Ich hörte bereits morgens um 6.oo Uhr Nachrichten im Radio und berichtet Christa alles Wissenswerte auf dem Weg zum Frühstück. Abends lenkten uns die Klänge der Orgel, der Panflöte oder die schönen Melodien von Johann Strauß vom politischen Zeitgeschehen ab. Wir besuchten Theateraufführungen, auch ein D-3-Vortrag über Norwegen faszinierte uns.

Die Hoffnung, dass es nun sogar möglich werden könnte, die herrlichen Fjordlandschaften auf einer Reise zu erleben, machte frei und weitete das persönliche Empfinden. Wir schwärmten! In den Kureinrichtungen gab es beim Behandlungspersonal und auch mit uns Patienten nur ein Thema: offene Grenzen! Man erzählte uns begeistert von Begegnungen mit Menschen aus dem anderen teil Deutschlands, die so ganz anders zu sein schienen. Man schwärmte vom Besuch des Supermarktes und was man da für den begrüßungshunderte alles zu kaufen bekam. Das Schönste und Wichtigste war aber der friedliche Verlauf der Vereinigung.

Drei Wochen können schnell vergehen wenn man sich wohl fühlt, und gut unterhalten wird. Wir hatten den sonnigen herbst und, über Nacht, die weiße Pracht des Winters auf unseren täglichen Spaziergängen erleben können. Der tag der heimreise wurde dennoch ersehnt. Jeder freute sich auf die Familie, die Gespräche mit den Kollegen über die Neuerungen und die erste Reise „nach drüben", einfach so. Wir vier trennten uns in Freundschaft. Trotzdem kam es nur zum Austausch von Fotos und Neujahrsgrüßen. Am 9.Novemer 1989 war alles anders geworden, auch der Umgang mit Reisebekanntschaften. Ein historisches Datum!


frau kaiser am meer

Annarose Kaiser am Meer

 

kaiser in der gruppe

Die Gruppe in Bad Elster

 

 

frau kaiser mit mann

Annerose Kaiser und Ehemann

 

 

 

frau kaiser heute

Frau Kaiser heute