Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Christine Leopold: Flüchtlinge gen Westen

Als wir Ende September unsere Heimat in Richtung Ungarn verließen, konnten wir nicht ahnen, dass alles so schnell und friedlich ablaufen würde. Auf unseren Arbeitsstellen mussten wir mit weniger Kollegen auskommen, weil auch die in Richtung Ungarn oder Tschechoslowakei unterwegs waren. Wie es so schön hieß, “wir wollen nicht die letzten sein, die das Licht ausmachen“. Also fuhren wir mit unserem Trabi erst Richtung Bratislava, um über Ungarn rauszukommen. Aber unterwegs hörten wir mit unserer kleinen Kofferheule (Kofferradio)von der Zuspitzung vor der Prager Botschaft und es fielen auch Schüsse. Also haben wir nicht lange gefackelt, frisch aufgetankt und sind dann zurück, ab in Richtung Prager Botschaft.

Wir dachten uns dort sicherer zu fühlen, wo viele Menschen sind. Wir suchten in Prag einen Parkplatz, was eigentlich schier unmöglich war. Die Straßen waren voll von Trabis, teils zerstört, teils noch ganz. Polizei mit Schlagstöcken und scharfer Munition kontrollierte die Autos. Wir bogen um eine Ecke, um der Polizei auszuweichen und fanden einen Platz hinter der "DDR Botschaft". Dort war unser Auto ziemlich sicher abgestellt. Wir wussten ja nicht, was noch alles auf uns zukommt.

Die paar Tage und Nächte verbrachten wir auf dem Platz vor der Botschaft, da alles maßlos überfüllt war und aus den Nähten zu platzen schien. Der Platz vor der Botschaft wurde kurzerhand zum Botschaftsgelände erklärt, somit konnten wir uns einigermaßen sicher fühlen. Ein mulmiges Gefühl blieb immer. Das einfühlsame Handeln der Botschaftsangestellten bewundern wir noch heute. Es war an alles gedacht und bis an die Decken im Botschaftsgebäude gestapelt. Von Getränke, Essen und Windeln, über Toilettenpapier und Decken, eben alles was man so braucht.

So etwas hatten wir noch nie gesehen. Man musste lange anstehen um mal auf die Toiletten zu kommen. Dank der tschechischen Bürger, die rund um das Gelände wohnten, konnten wir auch da die Toiletten nutzen. Sie versorgten uns mit Getränken und etwas zu Essen. Die Solidarität und das Mitgefühl waren enorm. Das machte das Aushalten etwas entspannter. Denn die Lage war prickelnd, aber nicht aussichtslos.

Was sollte denn auch mit diesen vielen mutigen Leuten geschehen, die teilweise schon seit Monaten dort ausharrten? Als dann endlich die erlösenden Worte von Außenminister Genscher fielen, die er nicht zu Ende sprechen konnte, waren wir wie aus dem Häuschen. Ein einziger Aufschrei der über 20.000 Leute unterbrach seine Rede. Man bat uns noch einige Zeit auszuhalten, um alles perfekt für unsere Ausreise vorbereiten zu können. So kam es dann auch.

Es wurden Briefumschläge verteilt, auf dem die Adresse eines Familienmitglieds stehen sollte und da rein kamen die Schlüssel vom Auto. Das hieß nun schweren Herzens, Ade, du schöner Trabi. Unser Trabi war erst ein halbes Jahr alt. Es brach uns das Herz, aber es half nichts. Die Freiheit war nah und nur das zählte jetzt. Hatten wir doch auch unsere Wohnung zurückgelassen und alles was wir besaßen.

Als dann Anfang Oktober die ersten Flüchtlinge die Botschaft verlassen sollten, war alles perfekt organisiert worden. Zuerst sollten sich die Mütter mit den Kindern, die in dem Botschaftsgebäude Unterschlupf fanden, auf den Weg machen um die dazugehörigen Männer draußen zu treffen. Die konnten dann zuerst ausreisen. Dann kamen die anderen Bürger dran, das dauerte natürlich eine ganze Weile. Wir mussten uns zwei und zwei, innerhalb eines provisorischen Zaunes gehen und unsere Personalausweise hochhalten., damit sich kein anderer einschmuggelte. Denn unsere Ausweise waren blau.

Busse standen bereit, die uns dann durch Prag zum Bahnhof brachten. Wir sind um 20 Uhr endlich dran gewesen. Ganz Prag glich einer Geisterstadt, es war alles menschenleer. Selbst auf dem Bahnhof war kein Schalter geöffnet, nur spärlich beleuchtet, alles ziemlich unheimlich. In jedem Zug war ein Botschaftsangestellter mit an Bord um uns zu schützen, denn wir waren ja sozusagen staatenlos. Irgendwann setzte sich auch der Zug in Bewegung und es ging endlich los. Der Weg sollte uns zunächst wieder von Prag nach Dresden führen, wo wir am Elbufer stundenlang standen.

Die Kampfgruppen, Polizei und Stasi hatten ein Aufgebot an Personal bereitgestellt, was uns glauben ließ, die ganze DDR war eine Polizei. Alle 5 Meter am Zug entlang stand ein Polizist mit Hund, unglaublich aber wahr. Sie passten auf, dass sich ja keiner auf den Zug begibt und bewachten alles aufs Schärfste. Kurz bevor sich dann der Zug wieder in Bewegung setzte, war die Stasi an Bord gegangen. Mit zwei Beamten gingen sie durch den Zug und sammelten unsere Personalausweise ein, somit waren wir endgültig unsere Staatsbürgerschaft los.

So richtig wohl gefühlt haben sich die Beamten nicht, denn sie zitterten am ganzen Leib und wir natürlich auch. Hätte ja auch leicht einer die Nerven verlieren können. Mit unseren Ausweisen hatte es die Stasi dann leicht, die Adressen ausfindig zu machen und unsere Wohnung zu versiegeln. Es wurden unsere Familienmitglieder dann auch von der Stasi besucht, um rauszufinden, warum wir geflüchtet sind. Aber es wusste keiner, denn wir wollten niemand gefährden.

Nach der langen Nacht im Zug fuhren wir endlich gegen 17 Uhr in Alsfeld ein. Hier angekommen wurden wir beim Bundesgrenzschutz untergebracht und betreut. Auch die grünen Damen waren immer zur Stelle und halfen, wo sie nur konnten. Wir haben zusammen mit 40 Leuten im Saal in Feldbetten geschlafen. Das war kein Problem, denn wir hatten ja außer der Handtasche nichts dabei. In Windeseile wurden auf dem Gelände etliche Telefonzellen aufgebaut, damit wir die Lieben daheim anrufen konnten, dass uns nichts passiert war. Gott sei Dank.

Alles war aufs Perfekteste vorbereitet, um die Flüchtlinge zu empfangen und zu versorgen. Die nächsten Tage vergingen mit Anmelden neue Papiere, eben die Bürokratie, aber das musste sein, denn wir wollten ja Bundesbürger werden. Wir kamen dann kurz noch nach Buchenau/ Eiterfeld in die Hermann- Lietz Schule, wo wir noch ein paar Tage aushalten sollten.

Mitte Oktober hat uns eine Gastronomenfamilie aus Alsfeld aufgenommen und von dort aus haben wir uns eine neue Existenz aufgebaut. Wir sind hier sesshaft geworden und sind rund um zufrieden, auch viele neue Freundschaften sind entstanden. Dass die Wende so schnell vonstatten ging, konnte keiner ahnen. Deswegen sind wir stolz, beigetragen zu haben, dass es zur Wende kam und alles so friedlich verlaufen ist. Es sind bewegende Zeiten, die wir immer im Gedächtnis haben und nie vergessen werden.


christine_leopold

An der Küste