Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Theo Ellinger: Erfreuliches und weniger Erfreuliches

Zum zwanzigsten Mal jährt sich demnächst jenes Symboldatum für das Schlüsselereignis des späten 20. Jahrhunderts, das Datum des Falls der Mauer, das damit letztlich als Symbol für das Ende des Kalten Krieges steht.

Ein höchst erfreuliches Jubiläum also, insbesondere für uns Deutsche, da es das Ende der unseligen Teilung unseres Vaterlandes feiert.

Auch in diesem Jahr wird es ein bewegtes Erinnern geben, ebenso wie in den folgenden Jahren oder Jahrzehnten, bis der Abgang der letzten Zeitzeugen und nachlassendes Interesse der jungen Generation für eine Einordnung dieses Ereignisse in die Geschichte neben anderen wichtigen Ereignissen und vor allem nachlassende Euphorie sorgen wird. Da aber Erinnerung ohnehin alles vergoldet und Freudiges oder gar Heroisches bevorzugt, sollte man sich doch jetzt noch auch der weniger heroischen Begleitumstände dieser Zeit besinnen, bevor es zu spät ist.

Ich gehöre zu den vielen anderen Deutschen, die dieses Ereignis nicht vorausgesehen haben, nicht zu denen, die es vorher sowieso schon gewusst, aber eben leider erst hinterher offenbart haben.

Das letzte Vierteljahr vor dem Mauerfall war für mich und unsere Familie eine sehr bedrückende Zeit angesichts der zunehmenden Republikflucht so vieler vor allem junger Menschen und der ausbleibenden Reaktion der Regierenden.

Als ich aber bei einem dienstlichen Aufenthalt wenige Wochen vor dem Mauerfall in Höchst/Hessen in einer an einem Kiosk angehefteten Zeitung die Schlagzeile las „Tritt Honecker in der nächsten Woche zurück?", hielt ich das noch für reine Fantasterei, zumal besagte Zeitung schon vorher durch Schlagzeilen ohne übertriebene Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt aufgefallen war. Aber es geschah doch, wenn auch nicht in der unmittelbar darauffolgenden Woche, so doch wenig später.

Ich muss gestehen - man mag es mir als Schande anrechnen - wann und wo ich von dem Ereignis erfahren habe, habe ich vergessen. Hektische Betriebsamkeit mit dem Ziel, so früh wie möglich in den von unserem Wohnort nur wenige Kilometer entfernt beginnenden Westen zu kommen, stellte sich bei uns nicht ein.

Mein erster Besuch im benachbarten Hessen erfolgte etwa Mitte Dezember. Ich muss allerdings bemerken, dass es mich Anfang Dezember, allerdings ohne eigenes Zutun, schon einmal für einen Tag nach Dänemark verschlagen hatte, worüber später zu berichten sein wird.

Zeit für Gedanken darüber, wie wir schnell in den Westen gelangen könnten, blieb mir auch kaum, denn von dem Tag des Mauerfalls an gab es täglich genügend betriebliche Probleme, auch wenn man nur in einer unteren Leitungsfunktion tätig war. Ein gewisser Vorteil ergab sich für mich allerdings dadurch, dass die von mir geleitete Abteilung eine Ansammlung vorwiegend intelligenter, gut ausgebildeter Kollegen war, die von der zu dieser Zeit rapide um sich greifenden Eskalation der Unvernunft kaum erfasst wurde.

Ein Beispiel für die eben dargelegte Behauptung möchte ich nun schildern:

Am Sonnabend, dem 11. November, wollten wir, wie wir es häufig taten, zum Weg in unseren Garten die Autobahn in Richtung Osten benutzen und in Eisenach-West auffahren. Das gelang allerdings erst nach einiger Mühe und nach Auseinandersetzung mit einigen Fahrern von in einer langen Schlange auf der Landstraße in Richtung Westen stehenden PKWs, die die Zufahrt zur Autobahn in Richtung Osten zugestellt hatten, offenbar in der Hoffnung, einige Sekunden früher in den Westen zu kommen, wenn sie die zur Auffahrt erforderlichen wenigen Meter eben doch lieber aufrückten. Wer hätte in diesen Tagen wohl auch so weltfremd sein können, in Richtung Osten fahren zu wollen?

Vorausgegangen war diesem Verhalten allerdings vielfach eine nervenaufreibende stundenlange Wartezeit an einer der Eisenacher Tankstellen, weil fast alle diese Leute vorwiegend die aus weiter östlich gelegenen Gegenden kommenden - die aus dem „Tal der Ahnungslosen" etwa - die letzte Tankmöglichkeit für DDR-Mark noch nutzen wollten, was aber nicht etwa durch fehlendes Benzin, sondern durch zu geringe Betankungskapazität verzögert wurde. Dass auch in dieser Zeit der vielfach erhöhte Bedarf an diesen Tankstellen noch befriedigt werden konnte, ist für mich eine der bemerkenswertesten Erscheinungen dieser bewegenden Zeit.

Es gab aber noch wesentlich schwerwiegendere Erscheinungen der Unvernunft. So hat niemand junge Leute daran gehindert, wie im Fernsehen zu sehen, das Brandenburger Tor zu besteigen, und, wie ebenfalls zu sehen, in den Tod stürzen.

Die Invasion der Ostedeutschen in den grenznahen Gebieten der Bundesrepublik  war natürlich von großer Euphorie auf beiden Seiten begleitet. Herzliche Umarmungen in ehrlicher Freude zwischen wildfremden Menschen erfolgten ebenso wie reiche Beschenkungen der Ostdeutschen durch die Westdeutschen.

Alle in langen Jahren vorgefassten Meinungen der Ostdeutschen von den Westdeutschen bestätigten sich zunächst - freigiebig, großzügig und selbstlos zeigten sie sich. Es entstanden Freundschaften, manchmal auch zwischen nicht recht Zusammenpassenden, die dann teilweise auch die Zeit nicht überdauerten.

Beschämend für mich war die Tatsache, dass mache Ostdeutsche ihre eigene Identität und die eigene Lebensleistung leugneten und manchen Westdeutschen vor die Füße warfen, darunter auch solchen, die es nicht unbedingt verdient hatten und denen die Bewunderung der Besucher nur daher zuteil wurde, weil sie sich modischer kleiden, unbeschränkt reisen und Bananen kaufen konnten, vielfach ohne eigenes Verdienst. Vierzig Jahre unterschiedlicher Entwicklung hatten ja mit Sicherheit nicht auf der einen Seite nur gute, auf der anderen nur schlechte charakterliche und moralische Eigenschaften erzeugt.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die in seinem Essay „Über die Grenze" von dem westdeutschen Intellektuellen Roger Willemsen getroffne Aussage „war der Osten ökonomisch zurückgeblieben, war es der Westen oft moralisch".

Durch das unterwürfige Verhalten mancher Ostdeutscher, so ist zu befürchten, ist bei manchen Westdeutschen nachhaltig ein fragwürdiges Bild von ihren Landsleuten aus dem Osten entstanden. Dass der widernatürliche Hunger vieler nach Bananen kein typisch ostdeutsches Problem war oder ist und eine der ersten Forderungen der Adenauer-Regierung an die EWG die nach besonders günstigen Einfuhrbedingungen für Bananen war, hatten sie ja längst vergessen.

Als sehr unangenehme Begleiterscheinung der Wende betrachte ich den „Ausverkauf" der DDR im Großen wie im Kleinen, der unmittelbar danach einsetzte. Beispiele aus dem Bereich des Kleinen kann ich aus eigenem Erleben beitragen:

Ich bin in besagter Zeit auf Vorschlag einer Gewerkschafts-Kommission Ende November zu einer prophylaktischen Kur nach Nienhagen an der Ostsee gefahren. Dass ich das in so bewegter Zeit getan habe, erstaunt mich noch im Nachhinein. Aber der Aufenthalt dort war noch gut organisiert, und ich habe ihn wie die anderen Kollegen aus unserem Betrieb sehr genossen.

Eines Tages organisierte unser ansonsten sehr strenger Heimleiter einen Ausflug nach Gedser auf der dänischen Insel Falster, denn wir waren ja nun „frei".

Wir fuhren also, natürlich in seiner Begleitung und der seiner Frau, mit der Fähre von Warnemünde zum Reichsbahntarif - 10 Mark Ost für Hin- und Rückfahrt - eines Morgens los und kamen nach ca. zwei Stunden dort an. Schon bei unserer Ankunft stand ein Bus bereit, der zu einer Inselrundfahrt einlud, was wir alle in Anspruch nahmen. Die erste Anlaufstation war ein Parkplatz vor einem Supermarkt der Spar-Kette. Die meisten betraten das Haus und kamen nach einiger Zeit mit Äpfeln in einem Plastebeutel mit der Aufschrift „Spar" zurück, einem Geschenk des Hauses. Alle freuten sich, nur einer machte ein etwas betretenes Gesicht. Auf unsere Frage, was denn los sei, erklärte er, dass er sich zwei Ansichtskarten mit Marken gekauft und man ihm, nachdem er erklärt hatte, mit Ostmark bezahlen zu wollen, 34 davon abgeknöpft habe. Die Dänen hatten also, den hemmungslosen Kaufdrang vieler DDR-Bürger nutzend, den Umrechnungskurs DDR-Mark zu Westmark auf 15 : 1 festgelegt, so dass aus wenig mehr als zwei Mark 34 Ostmark wurden. Wie absurd das war, zeigt, dass zu gleicher Zeit in der noch bestehenden DDR die alten Preise galten, sich die Dänen also nach sieben solchen Geschäften für den Gegenwert von vierzehn Ansichtskarten mit Marken bei einem Ausflug nach Rostock mit der gleichen billigen Fähre ein hochwertiges Zeiss-Fernglas kaufen konnten, das wie das gleiche von mir im Jahre 1956 gekaufte mit Ledertasche immer noch 256,- Mark kostete. Das oder Ähnliches haben sie sicher fleißig genutzt.

Auf diese und ähnliche Weise hat der Ausverkauf der DDR stattgefunden, nicht nur staatlich gelenkt von der Treuhand, sondern auch privat.

Ich entsinne mich, dass ich beim Betreten eines Eisenacher Uhrmachergeschäftes in der Wendezeit einmal Zeuge einer Verkaufsverhandlung zwischen dem Uhrmacher und einem Hessen über eine im Schaufenster demonstrativ zur Schau gestellte antike Standuhr wurde. Leider konnte ich der Verhandlung nicht bis zum Ende beiwohnen, denn ich wurde zwischendurch bedient, damit die beiden wieder allein sein konnten. Die Standuhr war jedenfalls daraufhin aus dem Schaufenster verschwunden und hatte anderen „Schnäppchen" ohne Preissauszeichnung Platz gemacht.

Der Ausverkauf im Großen setzte, organisiert von der Treuhand, etwas später ein und führte dazu, dass der von Bundeskanzler Kohl in Milliardenhöhe prognostizierte Gewinn aus der Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft vielfach nicht dem Staatshaushalt zufloss, sondern auf anderen Konten verbucht, und die Aktion zu einem riesigen Zuschussgeschäft für den Staat wurde.

Auch hierfür ein Beispiel aus meiner unmittelbaren Umgebung:

Eine Bekannte, die in ihrem in früher Nachwendezeit von einem hessischen Unternehmer übernommenen Betrieb weiter arbeitete, fragte eines Tages den Sohn dieses Herren, wie es denn anginge, dass er, von dem man wissen, dass er noch studiere, tagtäglich in der Firma anwesend sei. Seine Antwort habe gelautet „aber Frau X, in diesen Goldgräberzeiten muss man doch vor Ort sein!" Ein Eingeständnis, da sicherlich seiner Jugend geschuldet war.

Begünstigt, nein ermöglicht wurde dies alles durch die viel zu früh und ohne Konzept erfolgte Wiedervereinigung Deutschlands, die eine langsame Angleichung der Verhältnisse in der DDR, vor allem der industriellen Produktion, an die der BRD verhinderte, aber notwendig wurde, um den Wahlsieg der CDU im Jahre 1990 trotz schlechter Prognosen noch einmal zu sichern.

Moralisch unterstützt wurde diese Entscheidung durch die von vielen Ostdeutschen erhobene, nur vom Gefühl, nicht von der Vernunft bestimmte Forderung „Einheit jetzt", die im Falle der Angehörigen meines Betriebes ebenso gut „Arbeitslosigkeit jetzt" hätte lauten können, denn dass unser Betrieb, so früh der Marktwirtschaft ausgesetzt, nicht überleben würde, wussten wir.

Als Positivum politischer Art aus der Nachwendezeit bewerte ich die Aktivität beider noch amtierender Regierungen der DDR - der Regierung Modrow und der Regierung de Maizière bis zum Tag der Wiedervereinigung.

In zu bestaunender Arbeitsintensität wurden viele wichtige und gerechte Gesetze und Regelungen erlassen, und dies, was noch wichtiger ist, im Sinne und unter Mitwirkung breiter Schichten vieler Gruppen und Parteien.

Leider allerdings f nur für ein knappes Jahr konnte man den Eindruck gewinnen, es herrsche tatsächlich Demokratie im Wortsinn - Volksherrschaft - ein Gefühl, das mit der Einvernahme in die bundesdeutsche „Realdemokratie" zunehmend verloren ging. Manchmal frage ich mich, ob die „Einheit-Jetzt-Aktivisten" des Frühjahrs 1990 sich jetzt endlich einmal Gedanken darüber machen, ob sie damals den richtigen Leuten und dem richtigen System die Steigbügel gehalten haben.

Trösten kann sie nur die Tatsache, dass diese Entwicklung auch ohne ihr Zutun eingetreten wäre, weil sie viel schwerwiegenderen Interessen folgte.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die nach der Wende folgende Gestaltung der Einheit Deutschlands neben allen unbestreitbaren, sichtbaren Erfolgen doch manche Enttäuschung und manche vorhersehbare negative Folgen mit sich gebracht hat, die bis heute und noch für lange Zeit nachwirken.

Uns bleibt am Tag der Wiederkehr der Wiedervereinigung vor allem, uns ihrer zu freuen, auch wenn ich wie viele andere auch der Bewertung der Vorgänge durch Altbundeskanzler Schmidt zustimmen muss, der in seinem Buch mit dem Titel „Handeln für Deutschland" im Jahr 1993 sagt: „Nein - so haben wir uns die Vereinigung unseres Volkes nicht vorgestellt. Nicht am 9. November 1989, nicht am 3. Oktober 1990. Und ich will mir die Vereinigung so auch heute nicht vorstellen."

Theo Ellinger


leerbild04