Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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***Stefanie Rehm: Chance verpasst!***

Sommerferien ohne Balaton? Undenkbar. Jedes Jahr wurde, bewilligtes Visum vorausgesetzt, der Trabi in Richtung ungarisches Meer in Bewegung gesetzt.

Urlaub am Plattensee bedeutete Familientreffen mit Onkel, Tante, Cousins und Cousinen aus dem Westen. Zwei Wochen ohne Angst Westzeitungen lesen, frei diskutieren – Westluft schnuppern. Oft drohte der Trabant auf der Heimreise unter der Last zusammenzubrechen, soviel wurde uns eingepackt. Und alle Jahre wieder die Angst vor den Grenzkontrollen der deutschen demokratischen Zöllner.

1989 war alles anders – die Zeichen, die nach Veränderung riefen, waren nicht zu übersehen.
Im Juni hatte der ungarische Außenminister Gyula Horn mit seinem österreichischen Amtskollegen den Stacheldraht an der gemeinsamen Grenze durchschnitten. Die Fotos gingen um die Welt.

Am 06. August brachen nur mein jüngster Sohn Mike, damals sechzehnjährig und ich mit dem Hungaria Express nach Ungarn auf und obwohl wir Platzkarten besaßen, gab es keine Chance auf unsere bezahlten Plätze zu gelangen. Der Zug war brechend voll. Abwechselnd auf Koffern sitzend oder stehend, erreichten wir schließlich nach knapp zehn Stunden Zugfahrt Budapest und von da ging es weiter nach Balatonalmadi.

Über den Andrang von DDR Bürgern, die in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest Zuflucht suchten und nicht mehr zurückkehren wollten, berichteten die ungarischen Medien… und wir diskutierten aufgeregt, was wird auf uns zukommen – wie wird es weiter gehen? Es war eine eigenartige Stimmung voller Hoffnung, aber auch voll Angst. Von Grenzeröffnung nach Österreich munkelten einige, aber große Bedeutung wurde dem nicht weiter beigemessen.

Am 19.08. unternahmen mein Onkel und meine Tante mit Mike und mir einen Ausflug nach Sopron, dort fände eine Friedensdemonstration statt, orakelte mein Onkel. Sopron – Heldenstadt für die Ungarn, hatte sie sich doch entschieden nach dem Vertrag von Trianon 1920 weiter ungarisch zu sein. Wir ahnten, dass an diesem Tag, an diesem geschichtsträchtigen Ort, etwas Außergewöhnliches passieren könnte. Aber was uns erwarten würde, das wussten wir nicht. Nur wegen einer Friedensdemonstration verzichtete mein Onkel nicht freiwillig auf seinen Wein. Die Autofahrt nach Sopron verlief ziemlich schweigsam, irgendwann meinte der Onkel auf halber Strecke en passant, heute soll für einige Stunden die Grenze nach Österreich geöffnet werden. Nun zählten Mike und ich doch eins und eins zusammen.

Er hatte recht und ich werde das nie vergessen, wie plötzlich die Menschen anfingen zu rennen als liefen sie um ihr Leben.
Über 600 Teilnehmer aus der DDR nutzten dieses Ereignis, das als Paneuropäisches Picknick in die Geschichte eingegangen ist, zur Flucht in den Westen. Über drei Stunden waren die Grenzen nach Österreich geöffnet...
Auch Mike und ich spazierten drei Stunden in der Freiheit herum, ehe wir dann doch wieder in die Unfreiheit zurückgingen. Der Grund unseres „Nicht Abhauens“ wie wir es nannten, waren die Daheimgebliebenen in der DDR – mein Mann, mein großer Sohn bei der Armee – die Schwiegertochter schwanger und meine Mama schwer erkrankt.
Mein Onkel hat meine Entscheidung, wieder nach Hause zu fahren, damals nicht akzeptiert. Mike noch weniger. Fast verbittert sagte er sinngemäß auf der Heimreise, (der Hungaria Express fuhr fast leer in die DDR zurück)… „Nur wir gehörten zu den paar wenigen Idioten, die zurück fahren… vielleicht bekommst du ja dafür einen Orden…“

Einen Orden habe ich nicht bekommen. Dafür aber viele Unannehmlichkeiten. Aber wer hat im August ahnen können, mit welcher rasanten Geschwindigkeit der gesamte kommunistische Ostblock in kürzester Zeit implodieren würde? Ich jedenfalls nicht.
Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich damals richtig gehandelt habe, die Chance zur Flucht nicht genutzt zu haben.

Übrigens auch heute noch – Sommerferien ohne Balaton – undenkbar! Die Liebe zu Ungarn ist geblieben. Aber an der österreichisch-ungarischen Grenze in Richtung Sopron fange ich immer zu heulen an, und wie!


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