Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Jens Heidenreich: Wendezeit in Zittau

Die NVA - wie ich sie erlebte.

Es war im Jahre 1989, man schrieb den Monat Mai. Es war noch tiefste DDR-Zeit, wie wir das im heutigen Sprachgebrauch sagen würden.
Ich hatte den Einberufungsbefehl für die „Nationale Volksarmee", ein ganz normaler Vorgang für einen fast zwanzigjährigen Burschen - wie ich es war. Den Abend vor der Einberufung hatte ich meinen Vater das erste Mal mit Tränen in den Augen gesehen - meine Mutter weinte sowieso immer bei Abschiedsszenen.
Für mich war es gar nicht so schlimm, es musste eben sein und so wurde ich als normaler Soldat, mit einer Dienstzeit von 1,5 Jahren, einberufen in die Offiziershochschule Zittau. Meine Kompanie (oder wie man das nannte) war zunächst die Artillerie, zuständig für die Fahrzeuge als Fahrer für die Offiziersschüler.
Als dann das erste Diensthalbjahr vorbei war übernahm ich von dem „EK" Mirsch die Stelle des Fahrers für den Oberst des Objektes Zittau. Von nun an war mein Dienstfahrzeug ein grüner Wartburg 353.
Zu dieser Zeit war noch das System der DDR in all seinen Zügen präsent.
Im Radio haben wir auch nichts mitbekommen, außer dass wohl schon viele die Politik des DDR-Staates nicht als zukunftsweisend empfunden haben.
So kam dann der Anfang der Wendezeit - Gott sei Dank! Wir haben als Soldaten diese Zeit bis zum Umbruch jedoch absolut nicht als Realität eines Umschwungs empfunden. Es wurde auch nie etwas von den Offizieren gesagt. Im Radio haben wir an den letzten Tagen vor der Grenzöffnung nichts mitbekommen, da man es uns wegnahm. Auch durfte niemand mehr in den Ausgang oder Urlaub. Ich weiß aber nicht mehr, wie lange dieser Zustand anhielt. Jedenfalls wurden auch die im Gelände vorhanden Münztelefone abgestellt, aber es wurde nicht gesagt warum. Ich war auch noch so naiv zu glauben, die Telefonleitung sei gestört - über Tage!
Aber trotz der Nachrichtensperre hatte ich schon zu dieser Zeit ein Miniradio in der Größe eines kleinen Taschenrechners (Aus dem Westen!). Allerdings war der Empfang sehr dürftig und es war außerdem strengstens verboten! Ich bekam jedoch irgendwie mit, dass nun viele Demonstrationen stattfanden und sich viele Leute eben gegen die DDR stellten- mehr nicht.
Eines Tages war Alarm - diesmal echter. "Alle sofort raus, zur Waffenkammer" und jeder musste sein Maschinengewehr in Empfang nehmen. Das war äußerst ungewöhnlich - und nun bekamen jeder von uns zwei Magazine dazu - scharf! Mir wurde ganz anders und ich hatte Angst! Das erste Mal überhaupt habe ich meine Gedanken damit konfrontiert, in der Armee „Kriegsdienst" zu leisten. Vorher war mir dies überhaupt nicht bewusst gewesen und ich habe die ganze Zeit in Zittau sowieso nur als Zeitverschwendung angesehen - jeder musste eben zur „Armee". Ich wollte nie im Leben etwas mit Krieg zu tun haben! Und nun mussten wir auf den Fahrzeugpark und die Urals wurden geholt, wir fuhren zu einem anderen Gebäudekomplex als zu unserem. Wir hatten keine Ahnung warum, die Offiziere erzählten uns nichts darüber, sie sagten nur, dass es eine sehr ernste Lage sei. Dies war die Zeit vor dem 9. November 1989. Dieser Zustand dauerte einige Tage an, wie mir in Erinnerung ist. An Einzelheiten kann ich mich nicht erinnern. Wir glaubten, da wir in der Nähe der polnischen Grenze waren, dass die Russischen Truppen kommen und wieder etwas Schlimmes passieren würde. Ich hatte große Angst!
Doch ich hatte mein Miniradio dabei und schaltete es ein - heimlich! Ich konnte aus den Meldungen, die zu hören waren nichts entnehmen, von der russischen Armee war auch keine Rede. Eines Morgens, es war der 10. November 1989, mussten wir unsere geladenen Maschinengewehre wieder abgeben. Wir durften wieder in unsere ursprüngliche Unterkunft - und es hieß, die Grenze zur BRD sei offen! Ich konnte es nicht glauben! Wir als DDR Bürger durften mal in den Westen!
Wir bekamen sogar nach Antrag unsere Personalausweise wieder, damit wir im Urlaub mal in den Westen durften, unser Begrüßungsgeld abholen. Das habe ich dann auch getan. Manche sind nie wieder in der Kaserne erschienen und einfach im Westen geblieben. Ich konnte das nicht verstehen, die DDR bestand noch als System und es wurde ja erzählt, dass Republikflüchtlinge nie wieder die DDR und die Verwandten besuchen durften. Dafür liebte ich meine Heimat und meine Familie viel zu sehr, als der Verlockung zu erliegen, in den Westen zu gehen. Aber wie sich später zum Glück zeigte, war auch dieser Gedankengang keine Realität mehr! Es zeichnete sich nun ab, dass es die DDR in ihrer Bestandsform so nicht weiter geben wird. Wir waren alle auf einmal viel freier! Jetzt erst begriff ich, dass wir ein neues Leben beginnen können.

An viele Sachen, die mit der NVA zu tun haben, kann ich mich nur noch wenig erinnern. Einige Dinge fallen mir aber doch ein und man erinnert sich gern daran.
Ehrlich gesagt, ich persönlich hatte nie etwas in der DDR auszustehen und war somit auch nicht unzufrieden. Nun aber - in der neuen Welt - bin ich noch viel glücklicher als je zuvor!
Nach dem Dienst bei der NVA bin ich am nächsten Tag nach Marienberg auf das Wehrkreiskommando und habe meinen Wehrdienstausweis mit Hundemarke abgegeben und gesagt, dass ich nie wieder zur NVA oder eben zur Reserve bereit bin und dafür unterschrieben - es ging auf einmal so einfach.
Jetzt war ich frei - freier als ich unbewusst je zuvor war!


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