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August 1989:
Ich war das erste Mal unterwegs, die DDR auf illegalem Wege zu verlassen.
Zu der allgemeinen Unzufriedenheit den Erfahrungen die mir das Leben in der DDR gebracht haben und den Bevormundungen denen ich ausgesetzt war, kam, dass privat auch vieles nicht mehr funktionierte und vor Allem, dass man in der DDR rundherum auf Mauer und Stacheldraht stieß. Ich hatte das Stacheldrahtzerschneiden in Sopron und die Fluchtgeschichten aus Ungarn im Sommer1989 im Fernsehen gesehen und hoffte dort lebend durchzukommen. Ich fuhr von Torgau (mit Rückfahrkarte) über Doberlug-Kirchhain und Dresden nach Prag. Von hier weiter per Anhalter nach Bratislava. Ich wollte versuchen nach Ungarn zu gelangen und von da dann weiter in die Bundesrepublik. Ab Prag hatte ich eine Mitfahrgelegenheit. Mein Fahrer war sehr schweigsam, so dass ich froh war, als er mich in Brno aus seinem Auto "entließ". Von hier an hatte ich dann mehr Glück. Der Fahrer des angehaltenen Autos war sehr offen und gesprächig, auch wenn ich ihn nur sehr schlecht verstand. Er hat mich wohl sehr schnell durchschaut, was mein Reiseziel betraf, denn er zeigte mir den Grenzstacheldraht an der Mündung der Morava in die Donau bei Devin. Hier steht eine kleine Burgruine, von der aus man fast bis Wien sehen kann. Man kann auch das Grenzgebiet gut überblicken. Ich weiß nicht, ob er mir sagen wollte, hier kannst du es versuchen oder schau hier kommst du nicht durch. (ein Jahr später entdeckte ich da einen nicht einsehbaren Grenzposten, der mir im Fall eines Grenzübertrittes garantiert den Garaus gemacht hätte)
Ich bin dann mit ihm nach Bratislava gefahren. Hier hat er mich abgesetzt und ich habe ihn nicht mehr wieder gesehen. Die Situation war für mich nicht einschätzbar. Ich habe auf Überwachung geachtet aber nichts festgestellt. Ich weiß bis heute nicht, was ich davon halten sollte. In Bratislava versuchte ich in irgendeiner Weise möglichst unauffällig in Richtung ungarische Grenze zu kommen. Da ich aber nicht wusste wie, kam ich irgendwie nicht klar. In meiner Angst erwischt zu werden und weil ich körperlich kaputt war, gab ich die Aktion nach 4 Tagen auf und bin wieder nach Hause gefahren. Der Grenzübertritt Slowakei - Ungarn war zu der Zeit gefahrlos möglich, ich hätte es nur wissen müssen. Es dauerte nicht lange und ich ärgerte mich sehr über den Schritt zurückzukehren, denn weder in der DDR, noch bei mir zu Hause hatte sich etwas geändert - was ich aber auch nicht anders erwartet hatte. Ich musste mir nur etwas überlegen, wie ich mich bei der Arbeitsstelle entschuldigen kann, wo ich denn solange gewesen bin, aber dies brauchte ich dann nicht mehr, denn es kam eine Meldung im Fernsehen, die mich in Bewegung brachte:Budapest, 10. September 1989. An diesem Abend gibt der ungarische Außenminister Gyula Horn den Beschluss seiner Regierung bekannt: DDR-Bürger, die es wünschen, können ab Mitternacht mit DDR-Pässen, Personalausweisen oder Rot-Kreuz-Papieren die Volksrepublik Ungarn in ein Drittland verlassen, das bereit ist, sie aufzunehmen. Mein Entschluss stand fest. Diesmal bereitete ich mich besser vor, kaufte eine „Tarnjacke" (khakifarbener Anorak) und packte meine Reisetasche für ein paar Urlaubstage in Prag. Ich verabschiedete mich, mit dem Versprechen die Familie nachzuholen. Am Bahnhof Torgau kaufte ich ein Ticket nach Prag und zurück. Auf dem Bahnhof Doberlug-Kirchhain hatte jemand GO-WEST in das Brückengeländer geritzt, ich konnte nur nicken. In Bad Schandau bzw. am letzen DDR-Bahnhof am Grenzübergang in Schmilka, war ich froh Geld für die Rückfahrkarte ausgegeben zu haben, denn bei der Kontrolle hätte ich, ohne Rückfahrkarte, aus dem Zug gemusst. Einige andere wurden abgeführt. Zu meinem Glück war ich ungeschoren durchgekommen. Meine gespielte Ruhe wich einem Gefühl, jetzt müssen sie dich erstmal bekommen, vor Allem hatte ich ja eigentlich nur das Ziel der "Bundesdeutschen Botschaft" in Prag, eigentlich hatte ich es ja schon geschafft.
In Prag angekommen wollte ich eigentlich in die dortige Botschaft, um nicht wieder so abenteuerlich einen Grenzübergang nach Ungarn suchen zu müssen. Nun stand ich in Prag auf dem Bahnhof und wusste noch nicht einmal, wo sich die bundesdeutsche Botschaft befand. Es kam noch das Problem dazu, keinen Tschechen fragen zu können, da man ja keinem trauen konnte und ständig Gefahr lief einer Polizei- oder Staatsicherheitsstreife aufzufallen. Guter Rat war teuer. Zum Glück entdeckte ich beim Durchstreifen der Stadt einen bundesdeutschen Reisebus und fragte bei einer passenden Gelegenheit den Fahrer nach der Adresse des Palais Lobkovicz. Bei der Antwort traute ich meinen Ohren nicht: „ Ich weiß nicht wo das ist und habe auch keine Möglichkeit das heraus zu bekommen." Ich zweifelte sehr an seinem Verstand, was noch geschmeichelt ausgedrückt ist (in jedem Straßenatlas, steht die jeweilige Adresse der dortigen deutschen Vertretung). Als ich aber auch nach dem vierten Reisebusfahrer noch keine Adresse hatte, dämmerte mir, dass die Angsthasen sich nicht getrauten mir etwas zu sagen. Ich hätte ja von der Stasi sein können, die ja die armen Westbrüder reihenweise reinlegt und verhaftet. Ich saß in der Nähe der Moldau, da wo die Busse für die Stadtrundfahrten standen, direkt an der damaligen Lufthansa-Geschäftsstelle. Es kam ein österreichischer Bus. Der Fahrer wartete auf seine Fahrgäste. Mit den Erfahrungen die ich mit den anderen Busfahrern gemacht hatte im Kopf ging ich nicht zum Bus, sondern wartete bis der Fahrer ausgestiegen war. Als ich ihn ansprach, war auch hier das Erste sich sichernd umzuschauen, aber dann lud er mich in seinen Bus ein. Er sagte mir, auch nicht zu wissen wo die deutsche Botschaft wäre, könne mir aber die Adresse des österreichischen Botschafters nennen, der mir bestimmt weiterhelfen würde. Er zeigte mir auf der Stadtkarte wo das ist und muss dann wohl mein zweifelndes Gesicht gesehen haben, also fuhr er mich einfach zum österreichischen Botschafter, lud mich da ab und wünschte mir viel Glück. Leider war der Botschafter nicht zu Hause, aber man gab mir die Adresse der österreichischen Botschaft in Prag. Mit der Wegerklärung fand ich mit einigen Schwierigkeiten dorthin und klingelte. Auf die Frage, per Lautsprecher, wer ich denn bin und was ich hier wolle, beschied man mir, vor der Tür zu warten. Nach einiger Zeit kam ein Herr aus dem Botschaftsgebäude und sagte mir, das Österreich für das deutsche Problem nicht zuständig wäre, aber er mir gerne die Adresse und Telefonnummer der deutschen Botschaft nennen würde. Also marschierte ich wieder ab, nicht ohne vorher den Tipp bekommen zu haben, hinten über das Holzteil einer Kabeltrommel zu klettern, welches am Zaun lehnte, um besser darüber hinweg zu kommen und von vorne, durch den Haupteingang niemand hinein käme. Ich war sehr dankbar für diese Auskünfte.
Als erstes rief ich in der deutschen Botschaft an, um genau zu wissen, wie der Stand der Dinge ist und wie ich am besten in die Zuflucht kommen kann. Ein Herr am Telefon teilte mir mit, dass ich in ein Hotel am Wenzelsplatz kommen solle, indem die Botschaft ein Notbüro eingerichtet hätte, wo wir uns eingehender unterhalten können (leider fällt mir nicht mehr ein, welches Hotel am Wenzelsplatz es war, es gibt so viele da). In der Lobby des Hotels warteten schon viele Leute die genau wie ich zu dem Büro wollten. Ich musste warten. Es dauerte bestimmt 1,5 h bis ich mit dem Fahrstuhl in die Etage der Botschaft fahren konnte. Es empfing mich ein Herr der Botschaft, der mir mitteilte, dass derzeit keine Change bestehe, aus der Botschaft in die Bundesrepublik zu kommen. Dies nahm mir allen Mut, aber ich hinterließ die Daten meiner Familie, um eventuell herausgekauft zu werden. Beim Verlassen des Hotels wartete ein Mann auf mich, mit dem ich mich vorher in der Lobby schon unterhalten hatte und wir berieten, wie es jetzt weitergehen solle. Auf Grund meiner Erfahrung von August und wie man es nicht machen sollte, war ich der Meinung noch mal den Versuch in Richtung Ungarn zu wagen, notfalls durch die Donau zu schwimmen, um raus zu kommen. Wir machten aus, nach Bratislava per Anhalter zu fahren, dort dann über die Donaubrücke zugehen um dann ein Loch im Zaun zu finden. Das sollte unser Weg nach Ungarn sein. Mit der Metro fuhren wir zur Autobahn- Anschlussstelle, kauften unterwegs noch etwas zu essen und versuchten dann ein Auto anzuhalten. Wir mussten in Richtung Bratislava. Es funktionierte nicht. Kein Auto hielt an. Wir teilten uns dann. Mein Kollege ging ein Stück vor. Wir wollten, wenn ein Auto anhält, den Fahrer bitte den anderen mitzunehmen. Nach langer Zeit hielt ein Skoda. Er nahm mich mit. Verstand aber nicht, dass da noch jemand mitgenommen werden sollte. Der Fahrer des Skoda fuhr an dem Kollegen vorbei. Zum Glück hatten wir vorher ausgemacht, wenn wir getrennt werden, treffen wir uns an der Donaubrücke in Bratislava. Ich habe ihn auf der Autobahn zum letzten Mal gesehen. Die Autofahrt bis Brno verlief langweilig, da wir uns auch mit Händen und Füßen nicht verstanden. Ich bin eingeschlafen und erst an der Abzweigstelle nach Bratislava wieder aufgewacht. Da der Skoda-Fahrer weiter in Richtung Olomouc fahren musste, musste ich am Abzweig nach Bratislava aussteigen. Es war ca. 16.30 Uhr und wenn ich nicht im Dunkeln auf der Autobahn stehen wollte, musste es jetzt schnell gehen. Ich wollte mir schon eine Schlafgelegenheit suchen und erst am nächsten Tag versuchen weiter zu kommen. Da kam ein Lada mit ungarischem Kennzeichen (UP 13-55; UT 13-57; oder auch nur so ähnlich). Der Lada war besetzt mit drei jungen Leuten, hielt an und nahm mich mit. Die jungen Leute erzählten mir von ihrem Urlaub und das sie mich gerne nach Ungarn und dann nach Österreich bringen würden. Bei mir völlige Verblüffung. Wir kamen überein, dass sie mich erstmal mit nach Ungarn nehmen würden. Wir rechneten mit keiner Grenzkontrolle und trotzdem wollte ich erst mal über diese Grenze und dann weiter sehen. Mittlerweile war es dunkel. Auf dem Weg nach Bratislava mussten wir noch tanken - auch ich gab meinen Obolus dazu. Dass das Geld immer noch nicht ausreichte merkte ich erst, als einer der Jungs sich in den Lada schmiss und mit quietschenden Reifen losraste. Wir wurden nicht verfolgt, nicht erwischt und kamen gut in Bratislava an. An der Donaubrücke. Eigentlich der Treffpunkt für den Kollegen aus Prag und mich. Soll ich jetzt hier warten, bis er kommt oder soll ich mit den Dreien weiterfahren? Kurz entschlossen bin ich dann mit den jungen Männern weiter mitgefahren und habe immer noch ein schlechtes Gewissen - aber ich habe mich so entschieden. Auf dem Weg über die Donaubrücke, Richtung Grenzübergang hielten wir neben einem ungarischen LKW, der gerade von der Grenze kam. Wir fragten ihn nach der Situation am Übergang. Er berichtete, dass tschechische Grenzer alle Autos kontrollierten und DDR Leute verhafteten. Nun war auch diese Möglichkeit dicht. Verdammte Sch..., auch das noch. Es blieb mir nun nichts anderes übrig, als doch durch die Donau zu schwimmen, weil ich annahm, dass nun auch die Grenze zwischen der Slowakei und Ungarn zu sei. Die drei fuhren mit mir in Richtung Samorin, Dunajska Streda, Komarno. An der Straße nach Komarom, noch in Bratislava, sahen wir plötzlich eine Polizeikontrolle, bei der auffiel, dass sehr viele Kontrolleure in Zivil dabei waren. Jetzt haben sie mich, war mein erster Gedanke. Die drei jungen Leute, völlig entnervt, sagten mir ich solle mich erstmal ruhig verhalten und auf keinen Fall auch nur einen Ton von mir geben. Zu unserem Riesenglück wurde nur der Ausweis des Fahrers kontrolliert und da der ja Ungar war konnten wir weiter. Meine Erleichterung kam erst an einem Busch, wo ich mich übergeben musste. Weiter...Wir suchten eine Stelle, an der ich ungesehen aus dem Auto kommen konnte. Die drei wollten dann in Komarno - Komarom über die Grenze und mich auf der anderen Seite wieder aufnehmen. Hinter Komarom stieg ich aus, um sofort in einem Maisfeld zu verschwinden. Hier konnte ich nicht mehr gesehen werden. Nach der Karte schätzte ich noch ca. 800 m bis zur Donau vor mir zuhaben. Dann durchschwimmen und die anderen auf der ungarischen Seite wieder zu treffen. Leider habe ich die drei nicht wieder gesehen. Die „800 m" zur Donau gestalteten sich schwieriger als ich glaubte. Es war mittlerweile ca. 23.00 Uhr und ich konnte mich nur noch nach den Sternen orientieren, wobei es gegen 00.00 Uhr auch noch zu regnen anfing. Als ich nach einigen Stunden ein Glitzern, wie von Wasser entdeckte, dachte ich die Donau endlich erreicht zu haben. Beim näher kommen entpuppte sich das Wasser als ein größeres Gewächshaus. Ich kehrte um und ging auf einen nahe gelegenen Weinberg. Es war so gegen 05.30 Uhr. Wie jetzt weiter? Jetzt war guter Rat teuer. Auf jeden Fall hatte ich mich total verlaufen und da ich mich erst wieder tagsüber orientieren konnte, legte ich mich im Weinberg unter einer Plastikfolie, die ich am Rande gefunden hatte schlafen. Ich glaubte immer noch in der Nähe der Donau zu sein. Irgendwann wachte ich auf, meine Uhr war stehen geblieben. Meine Klamotten waren feucht, ich muss gestunken haben wie...Störte mich da nicht, ich musste weiter. Ich pflückte einige Weintrauben und hatte somit etwas zu Essen. Bei bewölktem Himmel konnte ich mich nur sehr schlecht orientieren, fand aber die grobe Richtung nach Süden. Irgendwann kam die Sonne kurz durch und ich konnte erkennen, dass die Richtung stimmte. Nur die Donau sah ich nirgendwo. Ich machte mich auf den Weg, trat aus dem Weinberg und stand urplötzlich einer älteren Frau gegenüber, die mit einem Handwagen auf einem Feldweg unterwegs war. Wir waren beide total überrascht. Ich fand als erster die Sprache wieder. Ich versuchte mit Händen und Füßen zu erklären warum ich hier war und Auskunft darüber zu erhalten in welche Richtung ich laufen müsse. Ich hoffte, dass sie Mitleid mit mir haben würde und mich nicht verpfeifen würde. In meiner Aufregung sind mir ein paar Brocken russisch untergekommen. Die Frau schüttelte mit dem Kopf und machte mir klar ich wäre ein „Russki" und dem wollte sie nicht helfen. Sie deutete auf meinen khakifarbenen Parka und machte mir klar: keine Antwort an Russki`s. In meiner Angst, dass sie bei der Polizei irgend etwas sagen würde, zog ich meinen Personalausweis mit dem großen DDR Emblem und nun begriff sie. Jetzt half sie mir. Sie zeigte mir die Richtung (ich war jetzt richtig). Aber es waren noch 25 km. Ich hatte mich total verlaufen. Ich war immer weiter von der Donau weggekommen und musste nun den ganzen Weg zurück. Das konnte noch viel Zeit in Anspruch nehmen. So lange würden die Ungarn mit ihrem Lada bestimmt nicht warten. Sch... Also machte ich mich auf den Weg. Aber tagsüber zu laufen war schlecht, man konnte mich sehr schnell sehen, also versteckte ich mich in einem Strohhaufen und schlief erstmal.
Am Abend fing es wieder an zu regnen, aber ich hatte ja meinen „Russenparka" der mich relativ trocken hielt. Ich konnte die Richtung recht gut halten, obwohl es wieder quer über Wiesen, Bäche und Felder ging, denn ich hatte jetzt als Anhaltspunkt einen Berg, der ja schon auf ungarischer Seite liegen würde. Dann stand ich vor einem Dorf. Zum Glück war es dunkel und kein Hund bellte, als ich quer durch das Dorf ging, einen Abhang hinunterrutschte und vor der Donau stand. Die Donau war an dieser Stelle nicht so breit. Ich rechnete damit, dass in der Donau eine Insel lag, von denen es ja einige gibt. Ich zog mich aus, machte aus meinen Sachen einen Beutel und schwamm los. Ich bemerkte zu meiner Verwunderung keinerlei Strömung und stellte auf der „Insel" fest, dahinter liegt noch ein Ort. Wieder falsch. Ich ging also wieder weiter, stieß auf ein Gewässer, welches ich als großen Bach erkannte. Dieser Bach lief wohl parallel zur Donau. Nach ca. 6 km stellte ich fest, falsche Richtung. Der Bach wurde immer enger - also Donau auf der anderen Seite. Ich war total kaputt, fand einen Heuhaufen, verkroch mich darin und schlief völlig entnervt ein. Nach 2-3 Stunden schreckte ich hoch, denn es waren Stimmen zu hören. Menschen kamen immer näher. Zwei Bauern machten sich an dem Heuhaufen zu schaffen, um für ihre Tiere Heu zu holen. Ich hoffte inständig, dass sie mich nicht sahen. Ich konnte von meinem Platz auch nicht ausmachen, was genau passierte. Nach „ewiger" Zeit fuhren sie in Richtung eines auf dem Feld gelegenen Kuhstalles und so konnte ich sehen, dass es einfache Leute waren, die ich hätte fragen können, ob ich hier richtig bin. Trotzdem wartete ich bis der eine ging und wagte mich dann aus meinem Versteck und schlich langsam näher. Der völlig überraschte Mann, gab mir bereitwillig Auskunft und was ich ihm hoch anrechnete, er bot mir eine Zigarette an, wobei er mich aufmerksam betrachtete. Nach der Musterung und einiger Hände- und Füße Verständigung, schenkte er mir seine ganze Schachtel und wünschte mir viel Glück beim Weiterkommen. Ich lief jetzt die noch verbleibenden 2 Kilometer in Richtung Donau, und wurde auf einer Brücke plötzlich von einem Angler angesprochen. Mir blieb fast das Herz stehen. Er saß so am Ufer, dass ich ihn vorher nicht gesehen hatte. Er fragte mich wohin ich denn wolle und ich sagte, in der Meinung jetzt hat man mich erwischt: „nach Ungarn". Verblüffung jetzt auf der anderen Seite. Er hatte mich für einen Slowaken gehalten und sagte mir genau wo ich lang laufen solle und wo nicht. Ich sollte nicht in Richtung des Dorfes laufen, sondern gedeckt von Büschen in Richtung der Straße nach Komarom. Ich lief diesen Weg und kam versteckt an einer Tschechischen Kaserne vorbei, ohne gesehen zu werden. Danke. An der Straße Komarom - Sturovo standen auf der gegenüberliegenden Seite Grenzschilder „Pozor - Graniza" oder so ähnlich, die Straße war jedoch stark befahren und ich konnte nicht hinüber. Ich blieb an einer Bushaltestelle stehen und konnte auf dem Fahrplan erkennen, dass samstags hier keine Busse fuhren. Ich hatte also einen Grund (Bushaltestelle) da zu stehen und trotzdem würde mich kein Bus überraschen. Ich hatte noch die Kaserne im Rücken, musste also schnell über die Straße. Es gelang mir nach ca. 30 min, als kein Auto zu sehen war, in das Gebüsch auf der gegenüberliegenden Seite zu springen. Es hatte mich keiner gesehen. Langsam kroch ich in Richtung Donau. Bald sah ich einen Wachturm der jedoch, zu meiner Erleichterung nicht besetzt war. Ich bewegte mich vorsichtig Richtung Donauufer und stellte fest, dort badeten und angelten Leute. Da ich nicht mehr zurück konnte ließ ich mich in ein Schützenloch fallen. Wer das mal gegraben hat und warum - wer weiß. Ich war auf jeden Fall hervorragend versteckt. Zu meinem Glück kam dann noch die Sonne hinter den Wolken hervor und wärmte mich richtig schön durch. Durch die Müdigkeit und die Wärme schlief ich ein und als ich erwachte, war niemand mehr am Ufer. Auch im Wachturm konnte ich keinen sehen. Da meine Uhr ja stehen geblieben war konnte ich die Uhrzeit nur schätzen -es war wahrscheinlich so gegen 17.00 Uhr. Ich klemmte meine Uhr zwischen die Wurzeln eines Baumes in einen Hohlraum. Ich denke sie ist immer noch da. Auf der anderen Seite der Donau waren Arbeiter dabei mit einem Schwimmbagger Kies vom Donaugrund zu holen. Hoffentlich helfen die mir weiter. Nun erkundete ich eine Stelle, an der ich durch die Donau schwimmen konnte, ging ins Wasser und ganz schnell wieder zurück. Kleine Grenzboote und Frachtkähne, dreifach nebeneinander und dreifach hintereinander, befuhren den Fluss. Da hindurch zu kommen, würde schwer werden. Immer wieder geguckt - kommt ein Schiff? Jetzt kommt keines.
Angst. Angst. Angst. Beim siebten oder achten Anlauf bin ich los. Mein Bündel in der Hand schwamm ich, mit den Gedanken - jetzt oder nie -, los. Plötzlich sah ich fast neben mir ein Frachtschiff und ich würde es nicht schaffen, bei dieser Strömung auszuweichen. Aber gleich bemerkte ich, dass der Frachter sich nicht weiter näherte. Der Schiffer hatte den Motor abgestellt und trieb mit der gleichen Geschwindigkeit wie ich hinter mir. Er wartete, bis ich aus der Fahrrinne geschwommen war, trieb an mir vorbei. Er schaute noch, ob er mir helfen kann. Als ich ihn aber grüßte, um ihm zu danken, ließ er seinen Motor an und fuhr weiter. Schiffsdiesel werden dort mit einem kleinen Benzinmotor angelassen. In dem Moment, als der Benzinmotor angelassen wurde, bekam ich totale Panik. Schock. Der Benzinmotor hatte den gleichen Klang wie die Motoren der Grenzboote und ich drehte mich um und sah neben dem Frachter ein solches auftauchen. In meiner Panik schwamm ich so schnell ich konnte, sah mich noch mal um und stellte fest, dass das vermeintliche Grenzboot nur eine Boje in dem Selben Grün der Grenzboote war. Nun hörte ich auch das Anlassen des Schiffsdiesels. Ich konnte mich dennoch nicht beruhigen, zumal ich vor Schreck mein Bündel losgelassen hatte. Erst nachdem ich mir immer wieder sagte: Schwimm langsam, sonst kommst du nie durch, ging es langsam wieder. Da war ich schon fast an der ungarischen Seite und kam dem Schwimmbagger der Kiesarbeiter immer näher. Ich wollte nicht mehr soweit treiben, also versuchte ich die Leute auf mich aufmerksam zu machen und winkte wie ein Wilder. Ich war aber durch die Sache mit dem Schiff schon ziemlich weit abgetrieben und hatte die Hoffnung gesehen zu werden schon fast aufgegeben, als ich sah, dass sich das Beiboot vom Schiff löste. Ich hatte Angst sie schaffen es nicht hinter mir her, also schwamm ich weiter. Auf diese Seite war die Strömung besonders stark, weil der Fluss hier einen Bogen macht. Ca. 15 m vor dem Ufer versuchte ich zu stehen, fand aber keinen Grund. Ich musste noch weiter ans Ufer ran, weil das Beiboot noch nicht näher gekommen war. Beim zweiten Versuch fanden meine Beine Grund, ich kroch ans Ufer und blieb liegen. Die Beine versagten mir den Dienst. Ich war duuuurch. Es dauerte nicht lange, da kamen ein paar Leute, die mir auf das Baggerboot halfen. Mehr geschleppt als gelaufen, ich konnte meine Beine noch nicht richtig bewegen. Ich war total kaputt, nicht nur wegen der Anstrengung, sondern eher, weil jetzt die Anspannung abfiel und ich endlich durch war. Ergebnis war ein Sturz ins Schiffsinnere, bei dem ich mir auch noch die Hosen kaputt riss. Ich stand also da - total fertig, zerrissen und zerschlissen, musste mir eine Tirade anhören, dass ich ja in das Ansaugrohr des Baggers, hätte kommen können, wurde dann aber aufs herzlichste begrüßt. Ein Selbstgebrannter brachte mich wieder auf die Beine und während einer Hühnersuppe wurde ich über die Gegebenheiten informiert. Mit Händen und Füßen, aber wir verstanden uns auf das Beste. Man sagte mir, dass die ungarische Polizei bei ihnen gewesen war. Sie sollten alle, die durch die Donau kamen, bei der Polizei abliefern. Das tat man aber nicht. Im Gegenteil man überlegte wie ich nach Budapest kommen könne, weil die Botschaft wohl noch offen war. Ich hatte Angst, die ungarischen Behörden würden die Grenze bald wieder schließen und wollte schnell weiter. Sie sagten mir aber, dass es sicherer wäre, nach Budapest, zur Botschaft zu fahren. Als erstes bekam ich eine Arbeitshose und Sandalen, ein Hemd hatte ich noch. Erstmal sah ich aus wie ein Ungar. Da es jetzt dunkel war, war für die Leute Feierabend und sie nahmen mich mit auf ihr Wohnboot, wo ich mich waschen konnte und etwas zu Essen bekam. Ich hatte noch tschechisches und DDR-Geld. Das tschechische tauschten mir die Ungarn. Das DDR Geld schenkte ich ihnen, denn ich konnte es nicht mehr brauchen. Von dem getauschten Geld wollte ich noch eine Flasche Schnaps kaufen um sie den Kollegen zu schenken. Einer ging mit mir nach Dunaalmas in die Kneipe, um mir zu zeigen wo das ist. Etwa 100 m vom Wohnboot war die Kneipe, mit einem kleinen Parkplatz davor und als wir um die Ecke kamen, fuhr von diesem Parkplatz der Lada, mit den drei Jungen Ungarn, gerade weg. Auch hinterher rennen half nicht mehr, sie waren 2 Sekunden zu schnell gewesen. Ich war schon ziemlich traurig, denn scheinbar hatten sie den dritten Tag nach mir gesucht und wir sind doch aneinander vorbei gegangen. Schade. Am nächsten Morgen überreichte mir die Schiffsbesatzung gesammeltes Geld, damit ich mit der Bahn nach Budapest fahren könne. Mit dem Beiboot, gut versteckt unter einer Regenplane fuhren zwei mit mir nach Almasfüzitö zum Bahnhof. Ich sollte schweigen. Sie holten mir eine Fahrkarte und setzten mich in den Zug. Es war eine herzliche Verabschiedung und sie schärften mir ein, nur mit einem Taxi zur Botschaft zu fahren.
Im Zug wurden kurz vor Budapest die Fahrkarten kontrolliert. Ich, in Arbeitshose und Sandalen, in einem schmuddligen Hemd und das zum Sonntag. Mir wurden schon recht komische Blicke zugeworfen. Aber es ging alles gut und wir kamen in Budapest an. Ich bin sofort zum Taxistand gerannt. Es waren zum Glück einige da und ich konnte schnell vom Bahnhof weg. Es dauerte eine geraume Zeit, bis der Taxifahrer begriff, wohin ich wollte, denn ich kannte das ungarische Wort für Botschaft nicht. Erst mit Embassy bin ich weiter gekommen. Dort angekommen, zahlte ich und das Taxi fuhr weg. Ich war vor der Botschaft. Ich klingelte und klingelte - es war keiner da! Verzweifelt schaute ich noch mal auf das Schild - doch das ist die Botschaft. Absolut beängstigend war die absolute Ruhe. Die Vögel zwitscherten friedlich, aber keiner war da. Die Grenze ist wieder zu und ich war zu spät. Nach etwa einer halben Stunde entdeckte ich, in einem kleinen Fenster der Garage, einen Zettel worauf in etwa stand: DDR-Bürger die Probleme haben sollen sich in der Kirche in Zugliget, Szarvas Gabor Ut melden. Meine Gesichtsfarbe änderte sich langsam wieder von bläulich nach rosig. Wie sollte ich jetzt dahin kommen? Mit laufen war es auch nicht weit her, denn ich hatte unter beiden Füßen große Blasen. Es blieb mir nichts weiter übrig, als ein neues Taxi zu suchen und zur Szarvas Gabor Ut zu fahren. Dazu sagte ich mir die ganze Zeit „Szarvas Gabor Ut" vor und ging in die Richtung in der ich das Zentrum von Budapest vermutete. Ein paar Straßen weiter hörte ich plötzlich deutsche Worte und war verblüfft: mitten auf der Straße standen zwei Autos mit offenen Türen und zwei Frauen unterhielten sich wortstark auf Deutsch. Ich sprach eine der Frauen an, und fragte ob sie mich zur Szarvas Gabor Ut fahren oder mir sagen könne wo ein Taxistand sei. Es stellte sich heraus, dass sie eine Wienerin war, die in Budapest wohnte. Sie konnte mich nicht in die Szarvas Gabor Ut fahren brachte mich aber gerne zum Taxistand am Bahnhof. Am Sonntag wurden nur wenige Taxistände angefahren, dieser war einer davon. Am Bahnhof angekommen, sah ich eine riesige Schlange am Taxistand und stellte mich hinten an. Ich fühlte mich sehr unwohl in meinen Klamotten und der Angst die Polizei könnte mich kontrollieren. Neben mir stiegen Leute aus einem Dacia und ich sah wie der Fahrer Geld bekam. Aha, Schwarztaxifahrer. Das kannte ich aus Berlin und hatte schon gehört, dass es dies auch in Budapest gebe. Der Fahrer stieg aus und ging in Richtung Bahnhofstür. Kurz entschlossen sprach ich ihn an. Ich fragte ihn ob er mich zur Szarvas Gabor Ut fahren könne und zeigte ihm, dass ich auch Geld habe. Nach einem Rundumblick seinerseits zog er mich schnell zum Wagen und wir fuhren los. Kurz danach kamen wir in Zugliged an der Kirche an, ich bezahlte und stieg aus. Mein Fahrer war in nullkommanix verschwunden. Da stand ich nun vor dem Tor des Kirchengeländes, links das Zelt der Malteser, rechts ein DDR-Wohnwagen und im Hintergrund Zelte.
Ich war daaa. Endlich. Am Eingang fragte ich einige Leute in komischen Uniformen, ob hier noch ein Platz für mich wäre. Die Leute vom Malteser Hilfs-Dienst Augsburg antworteten mir: „Wenn Sie auch ein D und ein R verlieren wollen". Ich war da, ich hatte es geschafft. Nachdem einige grundlegende Dinge wie Verhaltensweisen, gab ich einen Teil meines Geldes am Tor ab, um eventuell Flüchtlinge aus Taxen auszulösen oder anderes zu bezahlen. Ich wurde darauf hingewiesen das ich auf meinen Personalausweis aufpassen müsse, da die Stasi diese stehlen lässt. Außerdem wurde mir mitgeteilt, dass morgen wieder Busse in die Bundesrepublik fahren würden. Dann konnte ich mich endlich auf eine Bank setzen und meinen Füßen Ruhe gönnen. Ich hatte einen Platz auf der zweiten Bank nach dem Tor ergattern können und hatte somit das Tor gut im Auge. Ich wollte nichts verpassen oder schnell reagieren können, für den Fall, dass das doch alles nicht wahr ist. Ich kam mit anderen sehr schnell ins Gespräch, über die allgemeine Lage, ist die Grenze nun zu oder nicht, wie kann man Angehörige jetzt noch schnell holen, über die Hilfe der Malteser, über die Prager Botschaft, über, über, über...Es gab etwas zu essen, ohne das es frisch vom Strauch war und Durchfall verursachte. Ich hatte hier die Möglichkeit zu einem Arzt zu gehen, um mir meine Füße behandeln zu lassen. Es war eine junge Ärztin, die meine Füße mit Tropfen behandelte und was mich heute noch wundert, es war die einzige Behandlung, die ich brauchte, weil die Tropfen so gut waren, dass ich schon am nächsten Tag wieder recht gut laufen konnte. Es fehlte auch nicht an ein paar aufmunternden Worten, was die Flucht und ob es richtig war „abzuhauen", betrifft, jedenfalls konnte ich mich beruhigt zu meiner Bank schleichen. Ich war satt, hatte meine Füße behandeln lassen, konnte fürs erste zufrieden sein - aber ich konnte einfach nicht schlafen, obwohl mir von den letzten Tagen reichliche Schlafstunden fehlten. Es kamen mit der Zeit viele im Lager in Zugliget an, alleine, wie eine junge Frau mit zwei blauen Koffern, direkt vom Flughafen, Familien oder Gruppen - vor allem junge Leute. Den Platz an der Bank hielt jetzt eine Gruppe von ca. 10-12 Leuten, die hier zusammengefunden hat. Einige Mädels erzählten, dass sie erst noch „hinhalten" mussten, bevor ihnen ein paar Tschechen einen Autoschlauch voll Luft pumpten, um über die Donau zu kommen. Andere erzählten von Grenzern auf tschechischer Seite, die sich an Wertsachen bereichert hatten, bevor sie durchgelassen wurden, es hat ja keiner gesehen. Autos, welche in Grenznähe abgestellt wurden, waren eine Viertelstunde nach Verlassen verschwunden, obwohl keine Schlüssel teckten. Mit dem letzten Geld wurde ab und zu eine Flasche Sekt gekauft, wobei mich noch heute wundert, dass der kleine Laden an der Ecke der Szarvas Gabor Ut, sonntags überhaupt offen hatte. Wir tranken jedenfalls geschichtsträchtigen, ungarischen, für uns Jahrhundertsekt, auch wenn wir das damals noch nicht so gesehen haben. Es wurde viel diskutiert, als über Radio bekannt wurde: Die DDR-Führung hat die Grenze zur Tschechei zugemacht. Wir mutmaßten, das wir die Letzten sind, die es schaffen würden, überhaupt raus zukommen und ich war mit mir sehr zufrieden, doch nach Ungarn gegangen zu sein und nicht wieder einen Rückzieher gemacht zuhaben. Einziges Unwohlsein was blieb, die Familie doch nicht nachholen zu können. Im Nachhinein war das auch gut so, denn sechs Wochen später war die Mauer weg und ich habe sie dann legal nachgeholt. Große Bestürzung und Trauer löste der Bericht dreier Freunde aus, die vom Ertrinkungstod ihres Kumpels berichteten. Er hatte es nicht geschafft, durch die Donau zu kommen, weil ihn seine Jacke in den Tod zog. Langes Schweigen des Entsetzens. Es war mir nicht möglich, auch nur eine Sekunde zu schlafen, die Anspannung war immer noch riesengroß, denn jederzeit hätte die ungarisch-österreichische Grenze wieder geschlossen werden können. Gegen 05.00 Uhr legte ich mich in ein Bett im 2. großen Malteserzelt in der ersten Reihe. Keine Chance auch nur ein Auge zuzumachen. Also saß ich gegen 06.30 Uhr wieder auf der Bank. Die Anspannung stieg wieder. Es sollten Busse kommen, die uns nach Passau bringen würden. Auch zum Frühstück gespannte Stimmung. In meiner Erinnerung waren es zwölf Busse die uns in Richtung Hegyesshalon - Nyugat zum Grenzübergang nach Österreich brachten. Einfahrt in die Grenzübergangsstelle, Passkontrolle. Herzstillstand. Es waren drei Personen in den Bussen, die keinen DDR- Personalausweis hatten sondern einen bundesdeutschen Reisepass, den die Botschaft für Leute ausgestellt hatte, die ihre Dokumente verloren hatte. Die Grenzer erklärten, dass ein Befehl des Stadtkommandanten von Budapest vorläge, welcher in diesen Dokumenten einen Stempel des Roten Kreuzes verlange, den die drei aber nicht hatten. So blieben alle Busse stehen. Es begann eine nervende Zeit im Grenzübergang. Im Bus sitzen, Angst, dass man uns die Ausreise doch noch verwehren könnte, Ungewissheit, keine Entscheidung was nun wird, dies quälte uns richtig. Nach 12 Stunden Angst, wurden die drei nach Budapest zurückgebracht und der Rest durfte eeeeennnnddddddlllllliiiiiccccchhhhhh raus. Die Begeisterung fand kein Ende. Wir waren durch, wir hatten es geschafft, wir heulten, wir klatschten, wir waren völlig aus dem Häuschen, wir... An den Zelten des Roten Kreuzes in Nickelsdorf hatte man mit Sorge auf uns gewartet, denn so lange waren vorher noch keine Busse im Grenzübergang festgehalten worden. Wir bekamen etwas zu essen und ich bekam einen sauberen Pullover und eine Hose, welche zwar unmöglich an mir aussahen, aber das war jetzt auch egal, ich hatte was Vernünftiges anzuziehen. Es ging dann schnell weiter, denn die Busse mussten am nächsten Tag wieder in Budapest sein und wir hatten ja noch den Weg bis Passau vor uns. Schade, dass es so lange gedauert hat, bis wir durch Österreich fahren konnten, denn jetzt in der Nacht war nichts zu sehen und auch Wien konnte man nur erahnen. Irgendwann sind wir dann in der Nähe von Passau, auf dem ersten bundesdeutschen Autobahnparkplatz vom Bundesgrenzschutz empfangen und auf Militärbusse verteilt worden. Es war reichlich Presse vor Ort, es wurden Interviews gemacht und auch ich konnte es nicht lassen ein paar Worte zu sagen. Ich sagte der Reporterin des ZDF dann, ich möchte nicht, dass dies gesendet wird, da ich Repressalien meiner Familie in der DDR befürchtete und weil ich mir im Nachhinein überlegt habe, was ich eigentlich für einen Scheiß von mir gegeben habe. Das Interview wurde dann raus geschnitten. In der Deggendorfer Kaserne wurden wir erstmal in Betten verteilt und ich konnte das erste Mal seit langer Zeit richtig schlafen. Am Vormittag durchliefen wir das Aufnahmeprozedere und ich habe mich für das Übergangslager Augsburg angemeldet. Nach einem Telefonat mit Verwandten in München, habe ich das Übergangslager nicht mehr gebraucht. Danke auch ihnen. Noch heute fahre ich an jedem 16. September an einen Fluss (die Donau ist zu weit weg, weshalb meistens als Ersatz der Rhein herhalten muss), um eine Flasche Sekt zu trinken. Ich trinke hier auch auf das Wohl derer, die mir geholfen haben und die für uns alle da waren.
Heute ist es wieder soweit. Ich trinke auf das Wohl derer, die uneigennützig und ohne Repressalien zu scheuen, geholfen haben, auch wenn wir uns sprachlich wenig sagen konnten.
Gelsenkirchen, 16.09.2005 |
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Hinter diesem Tor in Budapest - Zugliget, Sarvaz Gabor ut. - verlor ich ein D und ein R.
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