Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Viola Nickel: "Ich war niemand, der auf die Straße ging..."

Wenn mich jemand fragt, was ich im herbst 89 getan habe, dann würde ich ganz spontan antworten: „Da habe ich mein Kind gekriegt!" Erst auf den 2. Blick würde mir die ganze Tragweite der geschichtlichen Bedeutung, insbesondere vom 9.November, bewusst werden.

Ich war niemand, der auf die Straße ging, niemand, der aktiv das Geschehen mit lenkte, aber doch hat sich auch mein Leben in dieser Zeit zu verändern begonnen.

Juni 1988:

Wir sind auf der Abschlussfahrt von der Berufsschule in den harz. Unser Klassenleiter, ein älterer Herr, ist natürlich auch dabei. Ich glaube, er hatte 4 Kinder und eines oder ein Schwiegerkind war in Berlin „regierungsnah" beschäftigt. Wir sprachen auch über die Wahl im Mai 89. Für uns war es das erste Mal, dass wir an die Urne durften. Herr Tost sagte, dass bald danach wieder gewählt werden würde. Dass dann eine „jüngere" Regierungsmannschaft dran kommt. War ein „Umsturz" von oben also schon geplant? Hat er da etwas ausgeplaudert? Meine Mutti war als Mitarbeiterin der Stadtverwaltung bei der Wahl 89 mit beschäftigt, auch hier hieß es vom „Wahlvorstand" - wir wählen bald wieder.
Am 7.Mai 89 wurde gewählt. An diesem Tag hat auch eine Viola Nickel entbunden. Eine Namensvetterin also, obwohl ich da noch gar nicht Nickel hieß. Stand in der Zeitung, ein Wahlbaby also.
Als Kind malte ich mir immer meinen 1. Wahlgang aus. Ganz früh, mit FDJ-Bluse sollte es sein. Die Blümchen sollten mir, der Erstwählerin, gehören.
Im Oktober 89 war ich im Schwangerschaftsurlaub. Morgens schlief ich mich aus, dann räumte ich die Wohnung auf, kochte, Mutti kam für 30 Minuten mittags heim. Nach dem Abwasch ging ich jeden tag in den Garten, jäten und so. Mit ging es trotz 9. Monat super. Das Wetter war auch immer herrlich. Eines Tages sagte meine Nachbarin: "Der Honecker ist zurückgetreten, der Krenz ist dran." Ich dachte an unsere Abschlussfahrt und hoffte, dass alles gut gehen wird. Wir endlich nicht mehr „führungslos" sind. Der Erich war ja immerzu krank gewesen.
Es war Anfang November. Ich hatte oft Angst vor der Zukunft, wollte nichts hören von  „so kann es nicht weitergehen".
Klar, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sah ich auch, aber trotzdem, was sollte kommen?

Ehemalige Nachbarn kamen zum verabschieden. Sie brachten nur noch paar Kleidungsstücke und schöne weiße  Plastikwäscheknöpfe ganz neu kann ich mich erinnern. Sie wollten ausreisen, zur Tochter, die schon seit Jahren im „Westen" wohnte. Bisher konnten sie sich nur in der CSSR sehen. Später erfuhr, ich, dass der Mann noch hier mit Herzproblemen ins Krankenhaus kam, die Mauer fiel inzwischen. Sie ließen sich nun Zeit mit der Ausreise.
Am 9.November fiel also die mauer. Ich schaute mit meinem Mann im Wohnzimmer fern, ein anderes Programm. Mutti sah die Maueröffnung im Fernsehen. Sie sagte es mir. Ich war eigentlich recht ruhig und teilnahmslos. Ich sagte nur, „da werden jetzt wohl alle rüberrammeln und die 100 Mark holen." Das war mein erster und ich glaube auch einziger Kommentar dazu. Ich konnte jetzt sowieso erstmal nur mein Kind kriegen. Ein paar Tage später kam mein Mann von seinen Eltern. Er sagte: „Meine Mutter hat gesagt, da könnten wir ja jetzt drüben mal fragen, ob wir die 100 Mark kriegen.
Am tag als der Winter kam, kam auch mein Kind am 22.11.89. Die Zeit im Krankenhaus war recht schön, wir verstanden uns alle gut im Zimmer. Die Kinder kamen nur zum Stillen. Wir spielten Karten zum Zeitvertreib und lasen „Westzeitungen".
So richtig interessierten wir uns nicht was drüben gerade vor sich geht.

Ab 1993 habe ich mit meiner Tochter zuerst (West-) Deutschland bereist, dann Teile von Europa und nun Ägypten und Marokko. Ohne Wende wäre das nicht möglich gewesen. Wir haben ohne Materialprobleme gebaut, meine Tochter hat gerade Abitur gemacht. Mit blieb die EOS verwehrt, weil ich nicht wie „verordnet" Lehrer für Mathe und Physik werden wollte. Heute kann man erstmal aufs Gymnasium und sich dann mal umschauen. Ich habe nie schlechte Erfahrungen mit „Wessis" gemacht, für meine Tochter ist das vereinte Deutschland Normalität. Wenn nur nicht die ständige Angst vor Arbeitslosigkeit wäre...


leerbild04