|
Mein Herbst '89 begann bereits im Januar: Zivilcourage an der Schulwandzeitung
Historische Ereignisse betreffen eine Gesellschaft als Ganzes, bestehen aber aus vielen individuellen Mosaiksteinen, die spätere Generationen gar nicht für möglich halten könnten, wenn sie nicht in der Familie authentisch überliefert wären. Als bescheidenes Beispiel dafür gebe ich die Chronologie eines „Vorkommnisses" an der Radebeuler Erweiterten Oberschule „Juri Gagarin" aus dem Jahr 1989, das meine - der Desinformationspolitik der SED inzwischen längst überdrüssige - Person betrifft, in Form eines Gedächtnisprotokolls wieder.
Erster Teil:
10. Januar - Unter dem Thema „1919 - 1989: Was verbindet uns?" erscheint anlässlich des 70. Todestages von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg an der Schulwandzeitung neben Zitaten beider Politiker folgende, im Vergleich zu Pflichtübungen aus vergangenen Jahren ungewöhnliche Aufforderung: „Was sagen uns Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht heute? [...] Behaltet eure bestimmt guten Ideen nicht in eurem Kopf! Greift zu den Stiften [...]!"
12. Januar - Bezug nehmend auf das von Rosa Luxemburg aus dem Jahr 1911 stammende Zitat: „Sich selbst und anderen klaren Wein einschenken ist allezeit die beste praktische Politik für die Partei des revolutionären Proletariats" schreibt ein Lehrer in ein Feld der vorgezeichneten „Brücke": „Ich hoffe, dass uns in der DDR künftig mehr ‚klarer Wein‘ (im Sinne Rosa Luxemburgs) eingeschenkt wird als bisher. Walter Teichmann"
14. Januar - Nachdem neben der Äußerung des Lehrers Zustimmungen (leider anonym) wie „Richtig!", „Super, Herr Teichmann!" erschienen sind und sich einige Schüler namentlich (vorwiegend kritisch) auf weitere Liebknecht- bzw. Luxemburg-Zitate berufen haben, bittet der Direktor der EOS besagten Lehrer zu einer etwa einstündigen „Aussprache" mit folgendem Grundtenor: Es ist politisch und pädagogisch nicht opportun, im Lehrerkollegium noch nicht ausdiskutierte Probleme bzw. kritische Meinungen (ohne „positives Gegengewicht") vor den Schülern auszubreiten!
16. Januar - Inzwischen sind erste opportune Äußerungen von Genossen aus dem Lehrerkollegium neben weiteren namentlichen Schülermeinungen unterschiedlicher Art und anonymen Bemerkungen erschienen. Besagter Lehrer wird zur „Fortsetzung der Aussprache", diesmal anderthalbstündig und geführt durch den Leiter der Schulinspektion, aufgefordert. Grundtenor ist diesmal: „Vorkommnisse" auf dem Wandzeitungssektor, insbesondere an erweiterten Oberschulen, sind meldepflichtig. Um nicht ungewollt zum „geistigen Haupt einer Oppositionsbewegung" gestempelt zu werden, sollte der gegnerischen Aktivitäten „auf den Leim gegangene" Lehrer eine ergänzende Stellungnahme verfassen. Dann wird seine Handlung keine arbeitsrechtlichen Folgen haben, sondern lediglich eine Meldung des Kreisschulrates an die Kreisleitung der SED bewirken, deren Inhalt dem Lehrer voraussichtlich zur Kenntnis gegeben wird.
17. Januar - Besagter Lehrer überreicht dem EOS - Direktor seine „Notwendige Ergänzung zu einer ehrlichen Meinungsäußerung" mit folgenden Kernsätzen: „Der kritische Unterton beruht auf leider negativen persönlichen Erfahrungen hinsichtlich der Informationspolitik der Partei- und Staatsführung gegenüber der Bevölkerung der DDR, insbesondere im Zusammenhang mit der ‚Sputnik‘-Problematik, die inzwischen meinen Disziplinarvorgesetzten bekannt sind. Dass das auch mir sehr wertvolle Vermächtnis von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in der Deutschen Demokratischen Republik in guten Händen liegt, denkt man nur an die ausführliche Berichterstattung über Erfolge in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, bei der Stärkung unseres Staates und der Sicherung des Friedens in einschlägigen Medien, ist für mich eine Selbstverständlichkeit." Auf Nachfrage gibt der Direktor nach einiger Zeit zu, er habe die „Notwendige Ergänzung" des Kollegen Teichmann nicht an der Wandzeitung ausgehängt, um nicht mit dem Reizwort „Sputnik" Öl ins Feuer zu gießen.
25. Januar - In einer Sondertagung des Pädagogischen Rates wird neben anderen „aktuellen Fragen" das geschilderte Vorkommnis breit behandelt und zum Anlass für Ergebenheitsbekundungen und Schlussfolgerungen genommen, obwohl der betroffene Lehrer wegen Krankheit fehlt.
28. März - Nach erheblicher Verzögerung wird der betroffene Lehrer durch die Kreisabteilung Volksbildung in die Lage versetzt, Einblick in die schriftliche „Meldung" (Verteiler: Bezirksschulrat, Vorsitzender des Rates des Kreises, SED-Kreisleitung, Kreisschulrat, Kreisschulinspektion, FDJ-Kreisleitung) zu nehmen. In dem Schriftstück ist zwar das Vorkommnis sachlich richtig dargestellt, aber die Einschätzung als „politisch-pädagogisch unverantwortliches Handeln" des Lehrers und die daraus abgeleitete Aufgabe, dieser müsse durch den Direktor zu „mehr Verständnis für die Politik der SED" befähigt werden, erscheinen deutlich überzogen.
Zweiter Teil:
Sommer 1989 - Das alte Schuljahr geht zu Ende, ohne dass der gemaßregelte Lehrer etwas von der politisch-ideologischen Erziehung durch seinen Chef zu spüren bekam. Nach den großen Ferien beginnt das neue Schuljahr erstmalig ohne kämpferische Vorgaben durch die Schulinspektion, die auch die Antwort auf Fragen der Pädagogen zu der inzwischen ausgebrochenen Fluchtwelle von DDR-Bürgern schuldig bleibt.
Herbst 1989 - Die Ereignisse in unserem Land überschlagen sich - die friedliche Revolution ist in vollem Gange!
Dritter Teil:
8. November - Nachdem bereits eine Woche zuvor ein Kollege in einer freiwilligen Diskussionsrunde der Pädagogen der EOS die baldige politische Rehabilitierung des gemaßregelten Lehrers gefordert hat, unterbreitet heute eine Schülerin aus Klasse 12/1 während eines freiwilligen Schülerforums dem Direktor einen inhaltlich gleichen Vorschlag. Solche spontane Formen der Meinungsäußerung sind nach der „Wende" der SED vom 18. Oktober in Anbetracht eines zunächst sprach-, anschließend weitgehend konzeptionslosen Ministeriums für Volksbildung möglich.
14. November - In einer Gesprächsrunde (Kreisschulrat, Leiter der Schulinspektion, Direktor und Gewerkschaftsvertreter sind jetzt sehr freundlich zu Lehrer Teichmann) geht es um das Verhältnis zwischen Parteidisziplin der SED und Staatsräson von Bildungsfunktionären einerseits sowie Gewissensentscheidung und Zivilcourage in der Honecker-Ära andererseits am Beispiel der nach den Wandzeitungs-Vorkommnissen an der Berliner EOS „Carl von Ossietzky" vom Volksbildungsministerium befohlenen „Meldeordnung". Interessant: Die „Volkspolizei" - wohl treffender: die Staatssicherheit - als vorgeschriebenen siebenten Adressaten habe man „übergangen"! Die Verfahrensweise für die bevorstehende Rehabilitierung wird gemeinsam festgelegt.
15. November - Während der Gewerkschaftsversammlung an der Radebeuler EOS verkündet der Leiter der Schulinspektion im Auftrag des Kreisschulrates:
- Aus heutiger Sicht hat Kollege Teichmann im Januar 1989 politisch und pädagogisch korrekt gehandelt; nachträglich wird ihm Hochachtung bezeugt.
- Wir bedauern die damaligen Maßnahmen und deren Nachwirkungen.
- Alle Adressaten der damaligen „Meldung" werden von deren Gegenstandslosigkeit informiert und gebeten, das Schriftstück zwecks Vernichtung zurückzusenden.
- Der Direktor informiert in geeigneter Weise das Schulkollektiv über die neue Situation.
- Der Kreisschulrat beantragt beim Ministerium die Außerkraftsetzung der Meldeordnung und des Paragraphen 2 der Arbeitsordnung.
16. November - Aushang im Informations-Schaukasten der Erweiterten Oberschule „Juri Gagarin", Radebeul, unterzeichnet vom Schuldirektor:
„Im Rahmen von Gesprächen und Auseinandersetzungen zum Inhalt einer Schulwandzeitung im Januar / Februar 1989 wurde Kollegen Teichmann unkorrektes politisch-pädagogisches Handeln vorgeworfen. Aus heutiger Sicht wird ihm untadeliges Verhalten bestätigt. Der Kreisschulrat bedauert die damalige Wertung als ,besonderes Vorkommnis‘. Die entsprechende Meldung wurde für ungültig erklärt und wird zurückgefordert und vernichtet werden." Es zeigt sich also, dass es jetzt auch im Kreis Dresden-Land nicht nur eine Vogelart, sondern auch Menschen gibt, auf welche die Bezeichnung „Wendehals" zutrifft!
Fazit: Von Kindheit an war uns gepredigt worden, der Marxismus sei „allmächtig, weil er wahr ist", die kapitalistische Ordnung sei im Absterben begriffen, die Welt entwickle sich gesetzmäßig zum Sozialismus / Kommunismus hin, die „Partei der Arbeiterklasse" habe immer recht. Nicht zum Märtyrer geboren, schickte ich mich wie viele andere in unserem Land in das scheinbar Unvermeidliche, ging gewissenhaft meiner Arbeit als Mathematik- und Physiklehrer an der Radebeuler EOS nach, engagierte mich gesellschaftlich als Liberaldemokrat, ließ politische Kampagnen des SED-Regimes über mich ergehen, schimpfte auf schlimme Zustände nur im Kreise von Gleichgesinnten. Ungewollt habe ich so dazu beigetragen, dass sich der Unrechtsstaat DDR 40 Jahre lang halten konnte. Mit Gorbatschow kam 1985 Bewegung in die Gesellschaft der Sowjetunion und der europäischen Ostblockstaaten. Auch Menschen in der DDR ließen sich von den Machthabern nicht mehr alles bieten. Jetzt bereute ich, dass ich viel zu lange offiziell geschwiegen oder „geschönt" gesprochen hatte, statt mehr kleine Spielräume - sie waren vorhanden, wenn man genau hinsah - gegen die kommunistische Diktatur zu nutzen. Spät, aber nicht zu spät begann ich politische Zivilcourage zu entwickeln, für die das geschilderte Wandzeitungsbeispiel steht. Vielleicht trug ich so in ganz kleinem Umfang zur Vorbereitung der friedlichen Revolution 1989/90 bei. Von „Wende", wie sie Krenz eingeleitet haben wollte, spreche ich nicht gern; denn es gab zu viele „Wendehälse" der beschriebenen Sorte.
|
|

Walter Teichmann

Walter Teichmann in Gesellschaft

Walter Teichmann heute auf seinem Balkon
|