Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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BM Wolfgang Tiefensee
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Rainer Schmidt: Meine Arbeit in der CDU

Wie habe ich in einer vermeintlichen Diktatur gelebt?

Als Christ fühlte ich mich ‚dahingestellt’, als Bürger sah ich es alternativlos.
Wie habe ich das Ende der DDR erlebt?
Schwierige Frage, da sie im Abstand von 20 Jahren kaum in Sachlichkeit beantwortet werden kann. Dieser Zeitabschnitt war einfach emotional zu stark geladen. Daraus ergeben sich damals wie heute die vielen Verklärungen und Befindlichkeiten, wie z. B. der Anspruch auf ein Wendedenkmal bzw. den ursprünglichen Ausbruch der friedlichen Revolution. Ich habe hierzu meine Zweifel, ob die gesellschaftsübergreifende Reife dafür vorhanden ist!
Existierende Symbole gibt es in materieller Form genug, die ideelle Substanz muss dabei jeder in sich selbst entwickeln.

Im Jahre 1980 begann ich meine Tätigkeit aus eigenem Wunsch für eine politische Arbeit in der CDU. Als evangelischer Christ kam für mich nur diese Partei in Frage, obwohl mir die Abhängigkeitsrolle von der SED bekannt war. Mit den praktischen Jahren stellte ich jedoch fest, dass der Spielraum ‚vor Ort’ im Stadt- und Landkreis Plauen, obwohl Grenzkreis zur BRD, für ein eigenständiges Agieren relativ groß war.
Alles ging jedoch nur bis zu jenem Punkt, wo angeblich die ‚führende Rolle der SED’ in Gefahr geriet! Zu diesem Zeitpunkt konnte man auch nicht auf Verbündete hoffen, denn jeder richtete sein Leben ohne große Reibungspunkte so gut als möglich ein. Unter dem Dach der Evangelischen Kirche gab es zahlreiche progressive Gruppierungen, allerdings mit distanzierter Haltung zur ‚staatstragenden’ Ost-CDU. Leider konnte oder sollte hier kein Bindeglied geschaffen werden!

Mit dem 15. CDU-Parteitag 1987 in Dresden, dem betitulierten „Parteitag des Aufbruchs“ kam adäquat zu Gorbatschow sehr große Hoffnung in den Unionsreihen auf. Dabei wurde auch ‚von oben’ in der CDU viel gewagt! Vielleicht schon zuviel! Von besonderer Anziehungskraft und genutzter Offenheit waren in dieser Zeit die Tagungen „Bürgerpflicht und Christenpflicht“ mit dem stellvertretenden Parteivorsitzenden Wolfgang Heyl geprägt.
Die Kirche ging u. a. zu inhaltlichen Fragen des Bildungswesens direkt an die Adresse von Volksbildungsministerin Margot Honecker. Sicher ging diese Linie zum damaligen Zeitpunkt von einer ‚Blockpartei’ zu weit!
Sie hatte allerdings im großen Gefüge DDR keine direkte Resonanz gefunden. Wie auch? Die Stagnation ging weiter!

Neue Hoffnung erweckte der „Brief aus Weimar“ von progressiven CDU-Mitgliedern (u. a. von Christine Lieberknecht, heute Landtagspräsidentin in Thüringen), welcher halb illegal von Kreisverband zu Kreisverband ging.
Die Mitgliederversammlungen waren voll, die Diskussionen heiß! Den Inhalt heute gelesen, so würde man ihn als eine nostalgische Entwicklung der DDR auf demokratischer Grundlage verstehen.

Langsam kippte aber mit der Grenzeröffnung in Ungarn und den Botschaftsbesetzungen das „Ideologie-Schiff-DDR“!
Die Durchfahrt der Züge aus Prag nach Hof in Oberfranken brachte schließlich den Funken an die Lunte!
Menschenmassen gingen nach einem schriftlichen Aufruf zum Protest auf die Straße, es waren weit über 10000 im Plauener Stadtzentrum. Dieser 7. Oktober 1989 stand aufgrund der Konfrontation mit den DDR-Sicherheitskräften auf des ‚Messers Schneide’! Zum Glück für alle ging es friedlich aus.

Trotzdem möchte ich eine persönlich erlebte Episode aus den ereignisreichen Oktobertagen 1989 anfügen: Anlässlich des 40. Jahrestages der DDR sollten auch in Plauen Feierlichkeiten mit Volksfestcharakter unter Teilnahme von Delegationen aus den Partnerstädten stattfinden.
Ich war mit meinem Kollegen der Bauernpartei (DBD) für die Delegation aus dem österreichischen Steyt zuständig. Es lag eine ziemliche Anspannung in der Luft, zumal am 04.10.1989 die Züge aus Prag durch Plauen nach Hof fuhren.
Überraschend war jedoch die Feststellung des Vizebürgermeisters aus Steyt. Er sagte sinngemäß: „… Macht euch mal keine Sorgen, gewisse Unruhen gibt es immer, wir haben mit der BRD manchmal auch unsere Schwierigkeiten…“
Wie schnell zwanglos ‚Gesagtes’ in ein ‚Nichts’ aufgehen kann!

Die Delegationen aus den Partnerstädten erlebten dann am 7.10.1989 einen historischen Augenblick in der Vogtlandmetropole, welchen sie sicher als Einmaligkeit nie vergessen werden!
Leider verebbten dann im Nachgang der demokratischen Entwicklung die ehemals guten Beziehungen zu Lens (Frankreich) und Sassri (Italien).

Mein Kurzfazit lautet:
In persönlicher Demut für die einmalige gesellschaftliche Veränderung dankbar sein und danach leben! Jedoch alle vier Himmelsrichtungen ergeben in Deutschland ein Ganzes!

Im April 1990 ersuchte ich um Abberufung aus meiner Funktion als Kreissekretär/ Kreisgeschäftsführer des CDU-Kreisverbandes Plauen.
Das war gut so – der Boden war für neue Personen mit der Verdopplung der Mitgliederzahl seit 1980 gut vorbereitet! Seit dieser Zeit bin ich meiner CDU im Vorstandsehrenamt stets verbunden.


Rainer Schmidt auf Balkon

Während der dritten großen Samstagsdemonstration am 21.10.1989 auf der Plauener Bahnhofstr. Ich befinde mich mit dem Mikrofon auf dem Balkon des damaligen CDU-Kreissekretariates. Im Vordergrund weht die DDR-CDU-Fahne und die schnell montierte Lautsprecheranlage der ehemaligen Signal- und Fernmeldemeisterei der Deutschen Reichsbahn ist zu sehen.

Demonstration in Plauen

Samstag für Samstag bis in den März 1990 hinein zogen die Menschen mit ihren Forderungen durch Plauen vor das Rathaus.

Rainer Schmidt Rede

Vor dem Rathaus ergriffen dann verschiedene Redner das Wort. Ein freier Ausdrucksgeist konnte sich entfalten. Bei der zahlenmäßig größten Demonstration im November 1989 sprach ich vor über 30.000 Menschen. Als einziger offizieller Vertreter der Blockparteien entschuldigte ich mich für das Wirken der DDR-CDU. Die anderen Funktionsträger von CDPD, NDPD und DBD suchten schon nach neuen Startlöchern!

Rainer Schmidt Kreissekretär

Dieses Foto reicht weit in die DDR-Zeit zurück. Es zeigt mich als Kreissekretär bei der ersten großen Pfingstwanderung der Plauener CDU ins vogtländische Umland nach Fasendorf im Jahre 1981. Recht gewagt war damals der rückseitig angebrachte Bühnenspruch: „Die CDU – eine zukunftsorientierte Partei“.
Den Höhepunkt fanden die äußerst beliebten, vereinsartig gestalteten, Wanderfeste zu Pfingsten 1989 in der Plauener Gartensparte „Sonnenstein“. Über 400 Teilnehmer fanden sich zwanglos bei Diskussion, Spiel, Musik und Tanz sowie einem musikalischen Marsch durchs Wohngebiet ein. Man spürte in vielen Dingen damals: „Es liegt etwas in der Luft“!