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Aus den Ereignissen im Laufe des Jahres 1989, die durch den Wahlbetrug, der volksverhetzenden Propaganda der SED, einer bislang beispiellosen Ausreisewelle und dem sich abzeichnenden wirtschaftlichen Zusammenbruch der - wie wir zu sagen pflegten - "Ostzone" Deutschlands gekennzeichnet waren, schien sich eine "revolutionäre Situation" anzubahnen. Ohne das wir eine "offizielle" Oppositionsgruppe waren, entwickelte sich ein erweiterter Kollegenkreis im Werkzeugbau des ehemaligen VEB Elgawa, in dem ich damals arbeitete, zu einer der Keimzellen der friedlichen Revolution in Plauen. Von einem Arbeitskollegen, den ich zuerst in meine Pläne eingeweiht hatte, borgte ich mir eine kleine Reiseschreibmaschine und schrieb darauf den Aufruf der "Initiative zur demokratischen Umgestaltung", die zu diesem Zeitpunkt natürlich noch gar nicht existierte. Wir wollten einfach etwas gegen dieses Regime unternehmen und das "Kind" mußte ja irgendeinen Namen haben. An Vervielfältigungsgeräte wie Kopierer o.ä. war in der DDR nicht zu denken und so mußte ich den Text unter Benutzung von Durchschlagpapier unzählige Male abtippen um insgesamt ca. 180 Flugblätter anzufertigen. Unsere Forderungen, die wir mit einer Demonstration am 7. Oktober - just zum 40. Jahrestag der DDR - auf dem Plauener Theaterplatz Nachdruck verleihen wollten, lauteten: Versammlungs-und Demonstrationsrecht, Streikrecht, Meinungs-und Pressefreiheit, Zulassung des "Neuen Forums" und anderer Oppositionsgruppen, freie, demokratische Wahlen und Reisefreiheit. Nun mußte der Aufruf "nur" noch unters Volk gebracht werden. Mit drei weiteren Arbeitskollegen - getrennt voneinander und in unterschiedlichen Stadtbezirken - verteilte ich in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1989 die Flugblätter. Wir warteten bis 23.30 Uhr und fingen dann an, die Flugblätter mit Reißzwecken an Kirchen- und Hauseingangstüren zu heften sowie in Telefonzellen, Bus- und Straßenbahnhaltestellen auszulegen. Alles mußte sehr schnell gehen und so hatte ich uns ein Zeitlimit gesetzt. Denn mir war bewußt: Wäre die Sache aufgeflogen, hätte dies eine Anklage wegen "Hochverrats" zur Folge gehabt. Später erfuhren wir aus den Stasi-Akten, daß schon 20 Minuten nach Beginn unserer Aktion ein anonymer Anruf Volkspolizei und MfS auf den Plan rief. Mit Fährtenhunden versuchte man meine Spuren aufzunehmen - was auch auf Grund der nassen Witterung letzlich erfolglos blieb.
In Windeseile hatte sich der Aufruf am nächsten Tag in der Stadt herumgesprochen. Die noch verbleibenden Tage bis zum 7. Oktober waren nicht weniger dramatisch. Am 3. Oktober schloss die SED die Grenzen zur CSSR. Am 4. Oktober gab es Gerüchte, dass die Kampfgruppen gegen die Bevölkerung eingesetzt würden und am Abend des 5. Oktobers gab es in der Plauener Markuskirche eine Friedensandacht. Vor der Kirche verteilten wir weitere Aufrufe. Dann kam der 7. Oktober. Gespannt begaben wir uns gegen 14 Uhr in die Innenstadt. Als die Demo beginnen sollte waren Theaterplatz und Plauener "Tunnel" schwarz vor Menschen. Und die kamen nicht nicht, um den »Republikgeburtstag« zu feiern. Dann fingen die ersten an, Parolen zu rufen. „Gorbi, Gorbi", "Neues Forum" und später auch den berühmten Ausspruch "Wir sind das Volk"!
Die Demo vom 7. Oktober, die erste große »Samstagsdemo« von Plauen, endet beinahe blutig. Kampfgruppen, Volkspolizei und NVA stehen bereit, um die Demonstration niederzuschlagen. 61 Demonstranten werden festgenommen. Dennoch schreckt die Staatsmacht am Ende davor zurück, mit aller Härte vorzugehen. Über das West-Fernsehen verbreitet sich die Nachricht schnell in der ganzen DDR und ermutigt Menschen in vielen anderen DDR-Städten, auf die Straße zu gehen. Plauen und Leipzig, wo zwei Tage später eine noch größere Demonstration stattfindet, werden deshalb später als »Heldenstädte« gefeiert.
Dokument: Flugblatt
Mitteilung und Aufruf der „Initiative zur demokratischen Umgestaltung“
Bürger der Stadt Plauen!
Seit Monaten führt das SED-Regime eine bisher beispiellose Hetz- und Verleumdungskampagne gegen alle demokratisch gesinnten Kräfte in Europa! Besonders die BRD und Ungarn müssen als Zielscheibe, für die sich immer mehr zuspitzende wirtschaftliche und politische Lage in unserem Land herhalten. Da wird dem einstigen „Bruderstaat“ Ungarn, im Rahmen der Flüchtlingsausreise vorgeworfen, sich von der BRD dazu „verleiten“ lassen zu haben – ja man beschuldigt die Regierung der UVR sogar des Menschenhandels!! Dies stellt nicht mehr nur eine Beleidigung des ungarischen Volkes dar, sondern ist bereits ein Angriff auf die Souveränität des Staates. Doch am schlimmsten sind die Fußtritte des SED-Regimes gegen das eigene Volk! In Funk, Fernsehen und Presse der DDR werden wir offen für unmündig erklärt. Die SED betreibt eine zügellose Volksverhetzung. Ein weltweiter Skandal, war die Erklärung der Volkskammer der DDR zu den Vorgängen in China, die gleichzeitig als Drohung für das eigene Volk gedacht war! Vor den Augen der Weltöffentlichkeit wurden dort tausende friedlich demonstrierende Studenten und Bürger Pekings entsetzlich niedergemetzelt! Unvorstellbar, doch die DDR stellt diese Tatsachen einfach auf den Kopf: Nicht die wehrlosen Studenten, sondern eine bis an die Zähne bewaffnete Armee ist das Opfer! Wie absurd! Erinnern wir uns nur an den Überfall Chinas auf Vietnam in den siebziger Jahren, als aus der kommunistischen Führung der VR China plötzlich über Nacht „Imperialisten“ wurden! Doch heute hat dieses SED-Regime ein solches Versteckspiel gar nicht mehr nötig, sie stellt sich mit solchen verbrecherischen Regierungen einfach auf eine Stufe und bekennt sich offen zu ihnen! Ein weiterer Punkt: Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen im Mai dieses Jahres. Es ist nur schlimm, wenn die SED-Funktionäre schon jetzt die Kommastellen bei den Gegenstimmen nicht mehr an die richtige Stelle setzen können, wo sie sich die „Wahl“ doch schon einfach genug gemacht haben. Wenn wir diese Entwicklung in ihrer Gesamtheit betrachten (über die zahllosen Umsiedler, Flüchtlinge und Emigranten soll hier gar nicht erst gesprochen werden), so müssen wir feststellen, dass wir Deutsche in der DDR aus der Geschichte des Verderben bringenden 3. Reiches – nichts aber auch gar nichts gelernt haben! 40 Jahre nach der Gründung der DDR zeigen sich hierzu erschreckende Parallelen. Auch wenn es nicht in der Absicht dieses Staates steht, und es ihm auch nie möglich sein wird, einen Krieg vom Zaume zu brechen, so sind es doch diejenigen, die am lautesten nach Frieden schreien und am wenigsten dafür tun! Denn Abrüstung fängt doch nicht bei der Verschrottung von einigen längst veralteten und ausgedienten Panzern an, sondern beginnt bei der Erziehung der nachwachsenden Generation zum Frieden. Doch bei uns wurden und werden bereits im Vorschulalter gezielt Feindbilder aufgebaut. Dies setzt sich in Schule und Berufsausbildung, mit erzwungenen militärischen und politischen „Arbeitsgemeinschaften“ fort, bis hin zur vormilitärischen Ausbildung, ohne die, der Abschluss einer Lehre nicht möglich ist. Oder: Wie können die so genannte NVA und die Grenztruppen der DDR für sich in Anspruch nehmen, eine „Armee des Friedens“ zu sein, wenn Menschenverachtung, Kadavergehorsam und faschistischer Ungeist den Charakter bestimmen! Kampfgruppen und Bereitschaftspolizei üben bereits im großen Stile, unter Anleitung des Staatssicherheitsdienstes, die Niederschlagung von Streiks und Demonstrationen – und damit den Krieg gegen das eigene Volk! Das gesamte SED-Regime stellt nichts weiter als eine verdeckte Militärdiktatur dar, die sich nun immer mehr enthüllt und ihr wahres Gesicht zeigt! Von der Weltöffentlichkeit angeprangert, reagiert das Regime nun mit unkontrollierten Rundumschlägen – versucht eine neue Phase des „Kalten Krieges“ zu entfachen. Es sind die ewig gestrigen, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen – und dabei ist ihnen jedes Mittel recht! 40 Jahre lang wurde den Menschen in unserem Staat jegliches Mitspracherecht verweigert, sie wurden politisch und ideologisch verdummt, eingelullt, unmündig gemacht und eingeschüchtert. Überall spürt man die Ohnmacht des Volkes, deren Folgen meist Resignation und Verweigerung sind und für viele ist die Ausreise die einzige Alternative. Doch es gibt noch eine zweite Alternative, in der jeder einzelne von uns seinen Beitrag leisten kann – ja muss, und die heißt: Schluss mit Resignation und stummem Protest! Wir müssen endlich handeln, aktiven und energischen Widerstand leisten! Veränderungen können nur ERZWUNGEN werden. Was wir brauchen ist eine starke Opposition! Oder wollen wir unsere Identität als Deutsche vollkommen verlieren, indem wir weiter abwarten, was geschieht und auf Hilfe von außen hoffen? Was wollen wir noch alles über uns ergehen lassen – haben wir wirklich so viel zu verlieren? Doch eins steht fest: wenn wir nicht sofort aufwachen und uns von unserer Gleichgültigkeit befreien, dann verlieren wir auch noch unser Gesicht und unsere Würde. Es geht doch nicht nur um uns, es geht auch um ein geeintes und friedliches Europa, das mit dem Fortbestand solcher Diktaturen, wie in der DDR, der CSSR oder Rumänien überhaupt nicht denkbar wäre! Und schließlich ist auch die Einheit Deutschlands, als ganz natürlicher, nie wegzuleugnender Wunsch aller Deutschen, nur in einem geeinten und gleichberechtigten europäischen haus möglich. Dasselbe trifft dabei auch für den Kampf gegen die katastrophale Umweltsituation zu. Dieser angeblich „sozialistische“ Staat DDR, entbehrt jeder Logik und Philosophie des gesunden Menschenverstandes. Es ist das am perfektesten organisierte und funktionierende Ausbeutungssystem in der Geschichte der Menschheit.
Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, findet deshalb eine groß angelegte Protestdemonstration auf dem Plauener THEATERPLATZ statt. Beginn: 15.00 Uhr
UNSERE FORDERUNGEN LAUTEN: - Versammlungs- und Demonstrationsrecht - Streikrecht - Meinungs- und Pressefreiheit - Zulassung der Oppositionsgruppe „Junges Forum“ - Freie demokr. Wahlen - Reisefreiheit für alle
BÜRGER DER STADT PLAUEN! Gestaltet Plakate mit diesen, oder anderen von euch erhobenen Forderungen! Schließt euch zusammen! Die Zeit ist reif! Der Erfolg dieser Demonstration hängt zunächst nur von uns selbst ab! Niemand muss Angst haben, denn was wir am 7. Oktober fordern, sind unsere grundlegendsten demokr. Rechte. Die staatlichen Organe können und werden es nicht wagen, eine friedliche Demonstration mit mehreren tausend Menschen auseinander zu schlagen! BÜRGER! Überwindet eure Lethargie und Gleichgültigkeit! Es geht um unsere Zukunft! JETZT ODER NIE!!!
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Zeitzeuge Jörg Schneider (Mitte) und seine Mitstreiter Dieter Orgs (links) und Gunnar Tessarczyk (rechts) mit dem Flugblatt.
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