Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Martin Flach: Erlebnisse und Gedanken eines Plauener Bürgers im November 1989 nach dem Mauerfall und der Grenzöffnung

"Lass uns Dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland!"
Längst vergessener Text der Nationalhymne der DDR, zur 7.!! machtvollen und friedlichen Massendemonstration tausender Plauener Bürger- hier war dieser Gedanke überall präsent, auf Plakaten und Spruchbändern formuliert. So schnell wurde aus dem ursprünglichen "Wir sind das Volk" ein "Wir sind ein Volk"! Wo kamen denn auf einmal die zahllosen schwarzrotgoldenen Fahnen her?
Wir haben mit immer mehr Massendemos in Ostdeutschland  seit dem Auftakt zum "40. Geburtstag der DDR" schon unheimlich viel erreicht und noch viel mehr muss erreicht werden! Wer hätte es noch vor Wochen für möglich gehalten, dass die innerdeutsche Grenze, der "antifaschistische Schutzwall" einfach weg ist??? So finden wir uns auf einmal in einer total veränderten Umwelt wieder! Aber neue Fragen erfordern neue Antworten, die wir oft nicht gleich richtig geben können. Ich meine: Nicht blindwütige Rache für 40 Jahre Polizeistaat mit Mauer, Stacheldraht, Schießbefehl, Lügen, Selbstbeweihräucherung und verfehlter Wirtschaftspolitik darf unser Ziel sein. Nein, echte konstruktive Aufbruchstimmung zu einer wirklichen Wende ohne "Wendehälse". Denn zu viele, die gestern noch den Phrasen eines Herrn Honnecker und seiner Clique Beifall spendeten, wollen heute "Väter der Wende" sein!
Ein Stimmungsbild der 7.Plauener Demo zeigt dies recht eindrucksvoll. Wir sind nicht mehr bereit, das über das ganze Land nach wie vor gezogene "Spinnennetz" der SED zu akzeptieren und mit unglaublichen Privilegien zu versehen. Nach und nach kommen ja Wahrheiten ans Licht, wie, begonnen beim hauptamtlichen Parteisekretär im Betrieb, fortgesetzt über Kreis- und Bezirkssekretäre bis zum sog. Politbüro der SED feste nach dem Motto gehandelt wurde: Was Dein ist , ist erst recht Mein - aber was Mein ist, geht dich nix an! Die Spitze des Eisberges wird sichtbar (10%?) Was sind dann die übrigen 90%?
"SED - nimm Deinen Hut und geh!" - Ein Transparent der Plauener Demo im November 89! Deutlicher geht's kaum!
Wir haben tausende Unterschriften gesammelt, die dem Volksbegehren zur schonungslosen Aufdeckung des Wahlbetrugs der SED zur letzten Kommunalwahl Nachdruck verleihen sollen. (Bild 3 u 4). Mit diesem Wahlbetrug kam ja auch unser Plauener Stadtparlament um den Oberbürgermeister Dr. Martin ans Ruder. Da ja alle Wahlunterlagen "rechtmäßig sind und zwischenzeitlich vernichtet sind" bleibt der Rat im Amt! Zumal sich unser Stadtparlament in einer geschlossenen Sitzung bis auf eine Ausnahme selbst das Vertrauen ausgesprochen hat! Ich meine: Ein Hohn auf die Demokratie! Für alle Demonstrationsteilnehmer wurden aber ganz präzise Beweise der Wahlfälschung deutlich gemacht. Hier hat eine Gruppe des "Neuen Forums" ganze Arbeit geleistet!
Ebenso schleppend kommen die Ermittlungen zu den in Plauen und anderswo stattgefundenen schweren Übergriffen der "Volks"polizei und des Staatssicherheitsdienstes gegen friedliche Demonstranten vom 7.10.89 voran. Nach einigen, nicht näher bezeichneten angeblichen "Disziplinarverfahren" scheinen die Verantwortlichen der Meinung zu sein, "alles Erforderliche getan zu haben". Wenn diese Verantwortlichen noch Augen und Ohren haben- die Demo im November 89 müsste ihnen nur zu deutlich gezeigt haben- wir haben nichts vergessen! Ich meine: Es gibt noch viel zu tun- packen wir's an!
Seit dem 7.10.89 sind Ereignisse eingetreten, die die Bürger in Ost und West- oder besser gesagt, in unserem gemeinsamen Vaterland- fast atemlos staunen lassen. Wie habe ich das erlebt? Am 9.11.89 waren meine Frau und ich zu einem Privatbesuch bei guten Freunden in Moskau, als abends Bilder von tausenden fröhlichen Menschen, die auf der Berliner Mauer tanzten, in den russischen Abendnachrichten gezeigt wurden. Wir alle waren sprachlos- das hatte keiner so erwartet! Der Heimflug in einer IL 62 der Interflug von Moskau nach Berlin - Schönefeld am nächsten Tag war auch etwas ungewöhnlich. Die nette Stewardess fragte: "wo wollt Ihr landen- In Schönefeld oder gleich in Tegel?" Vielstimmige Antwort: "In Tegel!!!!"
Schon beim Anflug auf Schönefeld konnten wir auf der Autobahn nach Berlin die unendlichen Fahrzeugschlangen von Trabbis und Wartbugs sehen. Unser Reisegepäck haben wir dann ganz schnell in Schöneberg deponiert und dann haben wir uns gleich zu Fuß nach Westberlin aufgemacht. Man konnte ja von Schönefeld aus die Mauer in nicht allzu weiter Entfernung sehen und der Übergang Rudower Chaussee war bald erreicht. War das ein Gedränge! Aber bis ins Stadtzentrum war's halt zu weit und der Zug nach Plauen wartete nicht. So blieb es bei einer ersten kurzen Stippvisite im "Westen". Nachmittags im  Zug dann viele, die schon ihr Begrüßungsgeld ausgegeben hatten. Viele waren nicht mehr ganz nüchtern und zeigten, was sie erworben hatten:
1. Bananen und Schokolade
2. Zeitungen und Illustrierte
3. Kofferradios mit allem Schnickschnack
4. Pornoheftchen
5. Südfrüchte
Die Stimmung war ausgelassen.
Plauen im Vogtland liegt ja unweit der Grenze nach Bayern und so war es nur allzu logisch, dass am nächsten arbeitsfreien Sonnabend der Trabbi angeschirrt wurde und die nahe, aber bis dahin unerreichbare Stadt Hof in Oberfranken zusammen mit zahllosen anderen angesteuert wurde. Die Fahrt war "stop and go". Noch beeindruckt von der Höflichkeit, der Herzlichkeit und der Freigiebigkeit der Hofer, deren Straßen verstopft waren und "gut" nach Abgasen der Ost-Zweitakter rochen, bleibt mir nur das Wort des aufrichtigen Dankes. Das nicht nur für die noble Aufbesserung unserer beschämenden DDR- Reisespesen von 15.- DM/ Person.
Wir kommen wieder! Dies gilt für uns sowohl für die nächsten Besuche im "Westen", als auch für die nächsten Demonstrationen in Plauen allwöchentlich am Sonnabend nachmittag- denn es ist noch lange nicht alles erforderliche getan.
Es ist immer wieder beeindruckend, dass anlässlich der Demos in Plauen nicht nur um unsere ureigensten Ziele gestritten wurde, sondern gesundes Gerechtigkeitsgefühl zum Ausdruck kam.
So wurde u.a. gefordert, dass der pass- und visafreie Besucherverkehr ebenso für unsere Landsleute in der alten Bundesrepublik zu gelten hat. Der für diese geltende Zwangsumtausch ist sofort als ein beschämender Sachverhalt einzustellen. Dies gilt auch, damit wir nicht als Bettler kommen und eigentlich schamrot werden müssten, wenn wir das erste und zweite "Begrüßungsgeld" in Empfang nehmen!
Natürlich lagen in diesen Tagen auch Licht und Schatten dicht beieinander. Mancher meiner lieben Landsleute hat schon in der Warteschlange an den Geldausgabestellen seinen wahren Charakter gezeigt und stolz verkündet, wie man hier "bescheißen" könne! Andererseits kamen auch "Geschäftemacher" aus den alten Bundesländern sehr schnell, um wahre Rostlauben als hochwertige "Westautos" den "Ossis" anzudrehen und Südfrüchte zu Phantasiepreisen (1:10 und mehr!) loszuschlagen.
Die Ereignisse in unserer Nachbarrepublik CSSR blieben bei den Novemberdemos in Plauen auch nicht unerwähnt. Die Spruchbänder "Wir entschuldigen uns beim Volk der CSSR für die befohlene und von uns mitgetragene Niederschlagung des Prager Frühlings 1968" und "Wir verurteilen die blutige Niederschlagung des tschechoslowakischen Freiheitswillens in Prag am 16.11.1989" zeigen eindringlich, dass Solidarität über Ländergrenzen nicht vergessen ist!
Wir Bürger der DDR haben seit dem Herbst 1989 zunehmend gelernt, aufrecht zu gehen und wir ducken uns nicht mehr, damit unsere Nationalhymne wieder einen Sinn bekommt, denn:
"Wenn wir brüderlich uns einen, schlagen wir des Volkes Feind und die Sonne, schön wie nie über Deutschland scheint!"     
Martin Flach im November 1989


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