Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Martin Flach: Gedanken eines Plaueners im Oktober 1989.....

Was ist los im 40-jährigen Staat der Arbeiter und Bauern? Leben hier Menschen, die anstelle der immer wieder beschworenen Vorzüge des Sozialismus unnötige oder gar staatsfeindliche Veränderungen fordern?? Wo doch nach offizieller Meinung "alles zum Wohl des werktätigen Volkes geschieht"? Wo nur westliche Medien die Saat der Unzufriedenheit züchten? Wo tausende junger Menschen mit Rauschgift in westliche Botschaften in Warschau und Prag gelockt werden, um sie dort für die westliche Hetzpropaganda zu vermarkten?
Ich bin Bürger dieser Republik, bin hier zur Schule gegangen, habe hier studiert und arbeite nun schon fast 30 Jahre und kann wahrlich Schein und Sein oder - anders gesagt - plumpe Lügen sehr wohl von der erlebten Realität in der "DDR" unterscheiden!
Ist es nicht bedrückend zu sehen und zu erleben, dass junge und gut ausgebildete, mündige Bürger unseres Landes keinen Ausweg aus diesem starren System finden, als ihre Heimat, ihren Beruf und ihren Freundeskreis zu verlassen? Liegen die Gründe nicht offen da? Man braucht doch nur einige Überschriften unserer Presse zu lesen, wie z.B.:

"Wir haben Grund zum Feiern- unser Heimatland wird vierzig!"
"Dieser Staat ist mein Staat- hier will ich sein!"
"In unserem Land kann sich jeder entfalten!"
"Es wächst gleichsam das Gefühl der Verbundenheit!"
"Unsere guten Gesetze sind für alle da!"
"Gewissenlose Provokation in Plauen"

Wohlgemerkt, Originalüberschriften der sozialistischen Presse unmittelbar nach der ersten Demo am 7.10.89 in Plauen!
Ich sage ganz deutlich: Derartige Lektüre in der Presse ist einfach unerträglich!!! So mochten auch die ca.15000 Menschen aller Altersklassen gedacht haben, die am "Geburtstag" dieses Staates zur ersten freien Demonstration in Plauen "auf den Beinen waren". So geschehen in Plauen am 7.10.89 - für viele überraschend und ein Erlebnis, das sich tief in unseren Herzen festgesetzt hat. Im Nachhinein sprechen viele von der "Heldenstadt Plauen", weil ja hier  die erste Massendemo stattfand, 2 Tage vor der gewaltigen Leipziger Protestaktion. Mir erscheint es müßig, darüber zu streiten, wem nun der Name "Heldenstadt" gebührt. Wichtig ist doch nur, dass Plauen ein erstes Zentrum des gewaltlosen Widerstandes war!

Plauen im Vogtland, gelegen an der Bahnstrecke Dresden-Hof, über die die geschlossenen Züge mit unseren Landsleuten aus der Prager Botschaft rollten, Plauen im Vogtland, wo wir an der freien Bahnstrecke diesen Menschen zuwinkten, weil unser Bahnhof, wie alle anderen auf der Strecke abgeriegelt war. Wer dennoch auf die Bahnhöfe wollte oder musste, hatte Gelegenheit, die "Volks"polizei in Aktion zu erleben. Gummiknüppel und Schlagstöcke durften "Orgien am Volk" feiern - wie in Dresden und in Plauen.

Plauen im Vogtland, wo dann am regnerischen Republikgeburtstag die Hoffnung keimte, als erst Hunderte, dann Tausende gemeinsam unter strenger "Beobachtung" vom tief fliegenden und immer über unseren Köpfen kreisenden Hubschraubern der "Volks"polizei und versteckten (und doch entdeckten) Videokameras der Staatssicherheit vom Nachmittag bis in die späten Abendstunden gewaltlos für Veränderungen in diesem unserem Land demonstrierten.
Waren wir wirklich, wie unser Fernsehen es verbreitete, eine "Zusammenrottung"? Ich war selbst bis zum Ende dabei - ich weiß, wovon ich schreibe, wenn ich sage: "Nein, nein, nein"!
So einfach geht das nun nicht mehr, die Phrasen unserer Medien,,- ob Rundfunk, Fernsehen oder Presse- aus dem üblen Topf stalinistischer Selbstbeweihräucherung und Unwahrheit ziehen doch längst nicht mehr! Auch da ist nämlich ein Grund zu suchen, dass viele ehemalige DDR- Bürger "die Nase einfach voll haben". Wir lesen nur "Erfolge, Erfolge, Erfolge" und müssen doch täglich die Realität am eigenen Leibe sehen. Eine Realität z.B., dass  die letzte (und einzige!) bis dato relativ frei passierbare Grenze zur CSSR "dicht" ist.
Selbstverständlich besteht unser Leben in der DDR auch nicht nur aus Reisen, hier wird gut und angestrengt gearbeitet, wir hungern nicht und wir leiden keine unmittelbare Not. Aber von geistiger Freiheit, wo man sagen darf, was man will und denkt, wo man mitarbeiten darf an dringenden Reformen, davon sind wir noch weit entfernt. Ja, noch schlimmer, der Vorwurf der "Staatsfeindlichkeit" (siehe die Behandlung des "Neuen Forums") ist dann das "Argument".
Was forderten wir Plauener Bürger am 7.10.89? War es nur das, was uns die bösen Westpropagandisten einreden? NEIN! Es war der unüberhörbare Ruf nach Veränderung in unserem Land, so wie viele es von Perestroika und Glasnost Gorbis zu sehen glaubten.
Es war schon bedrückend zu sehen und zu erleben, dass unsere friedliche Demonstration mit der Demonstration bewaffneter Staatsmacht konfrontiert war, die nur auf einen Anlass wartete, mit aller Brutalität zuzuschlagen. Es war schon bedrückend zu sehen, dass unser von uns gewählter Oberbürgermeister sich hinter einer Kette von "Volks"polizisten und mit Maschinenpistolen bewaffneten Kampfgruppeneinheiten im Rathaus verschanzte und über seiner "Geburtstagsfeier der DDR mit geladenen bewährten Genossen" nicht den Mut fand, herauszukommen, während seine Stadt "auf den Beinen war" und ihn zu sprechen wünschte.
Es war schon gut zu sehen, dass unser Herr Superintendent Küttler der ev.-luth. Kirche vor diese Polizeikette trat, uns Mut machte und aus gegebenen Anlass zur Mäßigung mahnte ("Keine Gewalt!") Ich frage: Wie feige sind denn unsere "Volks"-vertreter, dass sie das offene Wort des Dialogs scheuen, dass sie sich hinter Wasserwerfern, Stasi- und "Volks"polizeieinheiten verstecken? Wie feige sind sie denn, dass sie es zuließen, dass lange nach Beendigung der Demo "fröhliche Menschenjagd" stattfinden konnte und friedliche Bürger gewaltsam und menschenunwürdig in die Plauener Untersuchungshaftanstalt "zugeführt" und festgehalten wurden?
Aber neben diesen Fragen, die uns als Plauener Bürger bewegen, bewegt uns die Hoffnung, es wird nicht umsonst sein, friedlich in unserem Land, in unserer Republik Veränderungen herbeizuführen, wie Meinungsfreiheit, freie Wahlen, Reisefreiheit, Pluralismus, kurzum einen menschlichen Sozialismus aufzubauen!

Plauen, d. 08.Oktober 1989

Martin Flach


Nachwort  19 Jahre später:

Nicht alles, was wir damals dachten, hofften und wünschten ist so in Erfüllung gegangen. Vieles ist anders gekommen, aber eines ist und bleibt wahr:
Unsere friedliche Wende war richtig und überfällig! Sie ist und bleibt ein Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte!!!

Martin Flach im Oktober 2008


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