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Aufgewachsen mit drei Geschwistern und Eltern, die noch an die große "Sache" glaubten, hieß es für mich im Mai ´89 Beginn des Grundwehrdienstes in der Bereitschaftspolizei Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Schon hier werden einige denken, Mensch, ein halbes Jahr später gibt es keine DDR mehr. Wer konnte das schon wissen? Nach einer harten Grundausbildung, die von heißen Tagen und einer Marienenkäferplage geprägt war, hatte ich Fahrprüfung mit Personenbeförderungsschein. Mit dem mir zugewiesenen Dienstwagen, einem W50 Pritsche, und einem ausgefüllten Dienstplan hieß es so zum Beispiel einmal pro Woche Wäschetausch im Frauengefängnis Stollberg. Die Einfahrt durch Sicherheitsschleusen, die Kontrolle der Diensthabenden und das anschließende Pfeifen und Kreischen von zum Teil gutaussehenden Mädels hinter Gitterstäben waren Adrenalin pur. Ich habe manchmal überlegt, aus welchen Gründen die Frauen dem Arbeiter- und Bauernstaat ungnädig geworden waren. Die Lösung sollte ich ja bald erfahren.
So hätten es noch ruhige Monate bis zu meiner Entlassung werden können. Doch alles sollte anders kommen. Am 7. Oktober 1989 war Ausgangssperre und Einsatz, aber diesmal ganz anders. Es wurde ein Trupp von Fahrzeugen, inklusive meines Ludwigsfelder Modells und Bereitschaftspolizisten, deren großer Anteil Grundwehrdienstler waren wie ich, zusammengestellt, um sich auf den Weg in die Spitzenstadt Plauen zu machen. Der Grund waren Unruhen in der Innenstadt. Da niemand wusste, was ihn erwartet, war die Stimmung locker. Jedenfalls klang von meiner Ladefläche ausgelassene Heiterkeit. Nur mein Beifahrer war etwas nervös. Nach einer kurzen Einweisung im damaligen VPKA Plauen war Abfahrt Richtung Innenstadt/Theater. Es war wunderbares Spätherbstwetter, so konnte ich gut erkennen, wie Feuerwehren mit blutigen Fahrern versuchten, eine protestierende Menschenmasse auseinander zu treiben. Es sollte bei diesem Versuch bleiben. Ich glaubte meinen Augen nicht, als ich dann noch unsere DDR - Fahne sah, aber ohne Emblem und ich traute meinen Ohren nicht, als ich hörte: „Deutschland! Deutschland! Deutschland!" Das kann man nur verstehen, wenn man so behütet als DDR-Bürger groß geworden ist und schon die Melodie von Bayern 3 ein Chaos zu Hause ausgelöst hätte. Gerade zu Ende gedacht, hieß es nun wir sollten versuchen, die Menschenmenge in Schach zu halten. Ein Trupp von vielleicht 50 Vopos, also Volkspolizisten, mit glatten Schulterstücken, gegen eine Übermacht an demonstrierenden Bürgern. Man kann heute viel über diesen Nachmittag und späteren Abend lesen, aber wohl nicht, dass es auch ganz anders hätte enden können. Wir setzten uns also in Bewegung und nach kurzer Zeit wurde wohl festgestellt, dass es ein sinnloses Unterfangen war. So kam zum Glück nicht ein Befehl zum Absitzen. Doch der Rückweg war das Schwerste. Führungsfahrzeug und das Nächste quälten sich durch die Massen. Dann schloss sich der Kreis. Ich war verantwortlich für meine Kameraden, inklusive eines nervösen Beifahrers und eines LKWs made in DDR. Letzterer sollte am meisten in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich weiß nicht genau, was mir noch alles im Kopf herumging. Ich hörte von draußen: „Ihr gehört doch zu uns." Eine Frau hob ihr Kind vor mir in die Höhe. Neben mir hörte ich das nervöse Klappern meines Beifahrers an seinem russischen Werkzeug, das nicht zum Spielen gedacht war. Plötzlich öffnete sich meine Fahrertür. Gedankenschnell schlug ich auf den Arm, der wohl doppelt so breit war wie meiner, und schloss die Tür, sonst wäre es wohl der Startschuss für eine Katastrophe geworden. Dann hieß es Vollgas mit getretener Kupplung. Irgendwie muss das laute Gebrüll des IFA-Motors den Leuten imponiert haben, und ich fand einen Weg durch die Menge. Zum Glück gab es in dieser Situation außer einem blauen Arm und abgebissenen Fingernägeln meines Beifahrers keine Verletzungen am Menschen. Mein W50 allerdings war völlig lädiert: zerschnittene Plane, zerbeultes Fahrerhaus, usw.
Im Laufe des Abends sollte die Situation noch eskalieren, an der ich aber zum Glück nicht mehr unmittelbar beteiligt war. Es sollten noch viele Wochenenden in Plauen folgen, die aber alle friedlich waren.
Einige Zeit später wurde es noch einmal spannend. Wieder Einsatzalarm, aber diesmal war die Kaserne fast leer. Ich habe unseren kleinen untersetzten Kompaniechef mit seiner Uniform, an der die Ärmel viel zu lang waren, noch vor mir: „Der Tag `x` ist gekommen." Das Schlimme: Viele glaubten noch an den Klassenfeind usw. So ging es voll aufmunitioniert Richtung Leipzig. In der Innenstadt Karl-Marx-Stadts kam der Rückmarschbefehl. Später erfuhren wir, dass man Honecker inklusive seines Schießbefehls abgesetzt hatte. An seine Stelle trat Krenz. Es ist kaum vorzustellen, wie die Geschichte hätte andres geschrieben werden müssen. Im Zuge der friedlichen Revolution wurden die Bedingungen in der Kaserne immer lockerer. So hatte ich das große Glück im heutigen Chemnitz die Frau meines Lebens kennen zu lernen. Mit neuem LKW, der wohl aus den Reserven der Kampfgruppe stammte, hieß es nun Fahren für die Volkswirtschaft. Wo hatte ich das schon einmal gehört? Aus Schwertern werden Pflüge!
Heute leben wir glücklich mit zwei Kindern im schönen Thüringen. Da meines Vaters Erstgeborener (Bruderherz) in Plauen lebt, habe ich viele damalige Tage noch sehr gut in Erinnerung.
Hendrick Gruschwitz
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 Hendrick Gruschwitz damals

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