Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Johanna und Reinhold Lindlar: Die Ausreise unserer Kinder

Unsere Erlebnisse im Wendejahr 1989.

Die Situation in der DDR war 1989 deprimierend. Spannung lag in der Luft.
Redefreiheit und Reisefreiheit waren nur einige Probleme. Viele, nicht nur junge Menschen, versuchten ihr Heil in der Flucht über bundesdeutsche Botschaften oder massenweise über Ungarn. Auch unsere 21 jährige Tochter war im Semptember 1989 unter ihnen. Ein Ausreiseantrag ihrer 4 Jahre älteren Schwester einschließlich Mann und Kind wurde in bekannter Manier nur zögerlich „bearbeitet“. Nach geglückter Ausreise, wurde unser Schwiegersohn nebst unserer Tochter ein äußerst unliebsamer Gesprächspartner der Inneren Abteilung. Ein Bericht der Stasi belegt dies.*

Als provokant wurde die Aufstellung seines Autos mit einem Bild Gorbatschows und der plakativen Bekundung seines Ausreisewillens vor dem Plauener Rathaus, anlässlich eines städtepartnerschaftlichen Besuchs Hofer Parlamentarier, gewertet. Da ich telefonisch erreichbar war, wurde ich aufgefordert, ihn zum Wegfahren zu bewegen.

Die Ausreisegenehmigung erhielten unsere Kinder unmittelbar nach dem ersten Protestmarsch in Plauen am 7. Oktober 1989. Innerhalb von drei Tagen mussten sie danach die DDR verlassen.

Im Vorfeld waren ihnen durch Mundpropaganda Aktionen zum Staatsfeiertag bekannt geworden. Wir wurden von ihnen gebeten nicht daran teil zu nehmen, um die noch nicht ganz sichere Ausreise nicht zu gefährden.

Bei allen folgenden Demonstrationen waren wir dabei. Unvergessen sind uns die Menschenmassen, die optimistische Stimmung, das rhythmische Händeklatschen und natürlich die ungewohnt kritischen Redebeiträge. Der Abschied von den Kindern und dem nicht ganz zweijährigen Enkel war tränenreich und emtional belastend. Wir verbrachten die letzte Nacht am Kinderbett. Keiner konnte sich vorstellen, dass ein baldiges Wiedersehen möglich war.

Bei einer Abendveranstaltung am 9. November verbaten wir uns eine Störung durch eine Radioansage, ohne deren Inhalt zu beachten. Erst zu Hause erfuhren wir über das Westfernsehen von der Grenzöffnung. Die historischen und privaten Ereignisse des Jahres 1989 werden uns sicher immer in Erinnerung bleiben.

 

* Schwanitz, R. Zivilcourage 30, Abs. 1, Hersg.: Curt Röder, Vogtländischer Heimatverlag Neupert Plauen 1998

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Bildmaterial mit freundlicher Unterstützung von Matthias Erler