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Noch nie war eine Zeit politisch und privat für mich so spannend wie diese. Dass politische Verhältnisse einem ständigen Wandel unterliegen, ist eine Binsenweisheit. Dass sich dieser ständige Wandel allerdings in diesen Tagen und Wochen mit einer so großen Schnelligkeit atemberaubend und nicht immer genau vorher berechenbar vollzog, charakterisiert dieses eine Jahr. Keine Woche war wie die andere. Wer diese Zeit politisch bewusst miterlebt hat und versucht hat, auf ihre Gestaltung Einfluss zu nehmen, müsste sich eigentlich einen Bonus an Lebensjahren zurechnen lassen können. Dieser muss ja nicht gleich für die Rentenberechnung herhalten, aber der Fundus an Lebenserfahrungen ist damit hochgradig angereichert worden. Geschichte setzt sich aus Geschichten zusammen. So wie jedes Foto aus jenen Zeiten eine Geschichte erzählt: Nicht in vollständigen Zusammenhängen, sondern eher streiflichtartig erhellend. Erinnerung und Denkanstöße gleichermaßen. Oft wird mir heute die Frage gestellt: Wie war Ihre Haltung zur DDR, welche Gründe waren für Ihre oppositionelle Haltung ausschlaggebend? Da dann immer kurze prägnante Antworten erwartet werden, schrammen diese häufig an der Wahrheitswirklichkeit vorbei. Auch weil sich meine Einstellungen zum DDR-Staat durch meine Erfahrungen verändert haben. Jedenfalls glaubte ich 1989 – im Gegensatz zu 1968 – nicht mehr an die Möglichkeiten des Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Nur was gegen dieses bis an die Zähne bewaffnete Regime setzen? In meiner politischen Seelsorge erfuhr ich immer mehr über Gewalt und Demütigung durch das DDR-Regime. Unangemeldet klingelten Menschen aus der ganzen DDR an unserer Tür. Sie kamen aus unterschiedlichsten Gründen mit dem System nicht mehr klar und wollten einen Ausreiseantrag stellen. Ich besprach mit ihnen die Situation und wies sie auf alle Schwierigkeiten hin. Ich fragte mich schon lange nicht mehr, ob dieses eine Provokation oder eine mir gestellte Falle war. Dann hätte ich mich als Pfarrer selbst aller Arbeitsmöglichkeiten beraubt. Auch Freunde von uns gingen in den Westen – vorher ausreichend schikaniert und bedroht. Wer bis zu diesem Zeitpunkt kein Feind der DDR gewesen ist, wurde so zu einem gemacht. Es schien wie ein Sterben auf Raten zu sein. Denn wir würden sie sicher nicht wiedersehen. Sie würden keine Einreise und wir keine Ausreise bekommen. Kommunalwahlen im Mai 1989: Am Anfang verstand ich die Empörung über die Wahlfälschung nicht. Denn die Wahlen waren doch immer gefälscht worden. Aber der Versuch, den DDR Staat mit seinen verlogenen blumigen Aussagen über Frieden, Völkerfreundschaft und das menschlichste und wahrhaftigste System ernst zu nehmen, um ihn dann mit sich selbst zu konfrontieren, das war genial und läutete das Ende der DDR ein. Wir maßen die DDR an ihren eigenen Aussagen. Denn der Kaiser war schon seit Jahren nackt, wie es ein Märchen von Andersen bebildert. Aber nackt ist nicht tot und schon gar nicht ungefährlich. Dann kam der 07. Oktober 1989! 40. Staatsfeiertag der DDR. In der Oybiner Bergkirche feierten wir Erntedank. Auf der Einladung war vermerkt: Damit wir an diesem Tag auch etwas zu feiern haben. Das weiß ich nach 20 Jahren noch deshalb so genau, weil ich den Text und die Plakate in meinen Staatssicherheitsakten wiedergefunden habe. Der Trompeter aus Cottbus kam eine Stunde zu spät zum Konzert: vier Mal Polizeisperren an der Grenzstraße zu Polen, vier Mal musste er seine Instrumentenetuis öffnen. Wirklich nur Trompeten. Nach dem Konzert sprach mich ein Ehepaar an. Sie hatten Tränen in den Augen. Der Junge sei mit Freunden verschwunden. Richtung Ungarn. Ein Zettel: Wir rufen euch aus dem Westen an. Der andere Sohn war in Berlin bei den Grenztruppen. Urlaubssperre. Abends war ich fassungslos. Vor dem Fernseher. Jubelnd ziehen Massen in Berlin am Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR und Vorsitzenden des Verteidigungsrates usw. vorbei. Später würden die Marschierer sagen, ihre geballten Fäuste in Richtung Tribüne waren ihr Protest. Die lachenden Gesichter waren nur Tarnung. Warum durfte ich erst 1990 erfahren, unter lauter Widerstandskämpfern gelebt zu haben? Sie hatten sich wirklich gut getarnt. Im Palast der Republik – auch respektlos Erichs Lampenladen – genannt, moderierte Carmen Nebel charmant die angemessene Trauerveranstaltung zur freudigen Polit-Geburtstagsfeier um. Die dort auftretenden Künstler murmelten später etwas über Zwang, die leider vorher erkrankten über Widerstand. Gorbatschow äußerte sich in Berlin sybillinisch über die Entwicklung in der DDR. Was er nicht wusste: in wenigen Monaten würde sein Imperium zusammenstürzen.
08. Oktober 1989. Unser Sohn kam von einer Schulveranstaltung aus dem Pionierlager zurück. Wir wussten nicht – woher auch – dass es ein Internierungslager werden sollte und dass wir auch auf der Liste standen. Seine Frage: Wisst ihr schon, dass die NVA an der Grenze steht? Er meinte unsere Grenze. Wir wohnten 130 m von der tschechischen Grenze entfernt. Ich machte einen Erkundungsspaziergang. Kinderwagen lagen in den Gebüschen. Sie hinderten bei der Flucht. Familien versuchten illegal über die tschechische Grenze nach Ungarn zu kommen. Rostocker, Berliner – Sachsen sowieso. Nachbarn, aufmerksame Grenzhelfer, informierten ihre zuständigen Dienststellen. Ihr Kommentar später: Weißt du, sonst wäre ich dran gewesen. Ich weiß. Aber jetzt waren erst einmal die Ertappten dran. Die Flüchtigen wurden auf LKW verladen. Männer, Frauen und Kinder. Ins Gefängnis. Warum blieben sie nicht? Die Wende kam doch. Haben wir doch alle gewusst. Oder? Ich ging weiter bis an die Grenze. Im doppelten Sinn. Zwei junge Soldaten, mit MPI bewaffnet: Bürger, Ihren Personalausweis! Ich sagte: Ich bin der Ortspfarrer, ich trage meinen Ausweis nie dabei, wenn ich durch den Ort gehe. Entschuldigen Sie, sagt der eine, das haben wir nicht gewusst. Sie sind aber verpflichtet, sagte der andere matt. Die sollen erst einmal in Berlin ihre Pflicht tun, sagte ich. Sie nickten. Am liebsten hätten sie ihre Knarre an einen der umweltgeschädigten Bäume gehängt und wären in Richtung Ungarn hinterhergelaufen. Vielleicht, sagte ich zu meiner Frau, hält sich das hier nicht mehr lange. Vielleicht? Aber wenn, dann musste jede Möglichkeit genutzt werden. Dieser menschenverachtende Staat musste weg! Ab jetzt war jeder Tag, jede Woche politisch anders. Von den Möglichkeiten her, aber auch durch die Schnelligkeit sich gestaltender politischer Prozesse. Eine Einladung zur Gründung einer neuen sozialdemokratischen Partei konnte ich nicht wahrnehmen. Ich musste eine Beerdigung halten. Wie viele Theologen auch, empfand ich mich in dieser Zeit als ein Katalysator, der Denkprozesse beschleunigte. Dazu hatte ich jahrelang vor- und nachgedacht. Aber welche Strukturen waren am schnellsten zu verändern und zu gebrauchen? Diese Frage wurde für mich zur Kardinalsfrage. Natürlich arbeitete ich im Neuen Forum mit. Junge Menschen aus unserer Region mit sehr viel Mut und Fantasie arbeiteten an den notwendigen Veränderungen. Sie waren sich sehr wohl bewusst, dass die Gefahren ihrer Verhaftung noch lange nicht gebannt waren. Aber ihr Mut übertrug sich auf die Bevölkerung, die schon bald Straßen, Plätze und Kirchen füllte, um deutlich zu machen, dass dieser DDR-Staat nicht mehr ihr Staat war. Gerade als die Weltgeschichte das kleine Land zwischen Oder und Elbe endgültig vergessen zu haben schien, handelte ein kleines Häuflein von Bürgerrechtlern wider alle Warnungen und Klugheit, wagten einige als naive Spinner verschriene Außenseiter den Kopf zu erheben, wo Kopf senken angesagt war und dort zu sprechen, wo Schweigen als äußerste Klugheit vorgegeben war. In der großen Geschichte spricht man immer von großen Persönlichkeiten: Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, Walesa, die irgendwann Zivilcourage zeigten und dadurch die Steinchen lostraten, die zur Lawine geworden sind. Nein, es waren hier in Zittau die so genannten Durchschnittsmenschen aus unserer Region. Ohne sie und ohne die Steinchen, die sie losgetreten haben, wäre diese Wende nicht denkbar gewesen.
19. Oktober1989 – abends! Das Neue Forum hatte in die Johanniskirche eingeladen. Die Zittauer gingen auf die Straße. Das hört sich gut an, stimmt aber nicht. Die meisten blieben nämlich zu Haus und schauten interessiert oder erschrocken hinter den Gardinen denjenigen hinterher, die den Mut hatten, sich an diesem Abend auf die Straße zu begeben. Die Johanniskirche war innerhalb kürzester Zeit gefüllt. Die anderen Kirchen wurden aufgetan. Die Redner des Neuen Forum mussten – allein – von Kirche zu Kirche und ihren Text jedes Mal wieder neu präsentieren. Den Grund für die Zurückhaltung der Bevölkerung konnte nur der begreifen, der wusste, dass an diesem Abend die Polizei, die Staatssicherheit und die Offiziershochschule in Alarmbereitschaft waren. An diesem Abend waren die Entschlossensten und Couragiertesten auf die Straße gegangen und hatten dazu beigetragen, dass man auch in Zittau die Angst verlor. Es hört sich seltsam an. Aber Geschichte ereignet sich auch in dem winzigen historischen Augenblick, wenn sich der Einzelne von seiner Sofaecke erhebt, den Fernseher ausschaltet und sich auf den Weg zu irgendeiner Kirche, einer Zusammenkunft oder später einer Demonstration macht. Als in Berlin am 9.11.1989 die Mauer bröckelte, demonstrierten tausende Oberlausitzer, Männer, Frauen und Kinder, mit Kerzen in der Hand auf dem Zittauer Ring. Ihre brennenden Kerzen setzten sie auf die Mauern vor der verdunkelten Stasi-Zentrale, aus der sie eifrig gefilmt wurden. Es nutzte nichts mehr. Die Zittauer hatten ihre Angst verloren. Natürlich war ich dann am Runden Tischen. Natürlich löste ich die Kreisdienstelle der Staatssicherheit in Zittau mit auf – besetzte wäre richtiger, denn zum Auflösen gab es nichts. Leergefegte Kellergewölbe, die vor kurzem noch mit den berüchtigten Akten angefüllt waren. Entweder vernichtet oder nach Dresden gebracht. Natürlich arbeitete ich in der Kommission gegen Wahlbetrug und Korruption mit. Natürlich trugen wir unsere Erkenntnisse bei bitterster Kälte auf dem überfüllten Markt vor dem erbarmungswürdig verfallenen Salzhaus vor, während in der Offiziershochschule Zittau viele bewaffnete Offiziersschüler auf einen Einsatzbefehl hofften um diesem „konterrevolutionären Spuk“ ein Ende machen zu können. So hatte jeder in dieser Zeit seine von den Ereignissen geprägte Motivation. Meine Motivation war einfach. Ich konnte doch nicht 16 Jahre lang predigen, dass unmenschliche Verhältnisse menschlicher gestaltet werden und dann in meiner Kirche sitzen bleiben. Aber dann kam der Konflikt in den eigenen Reihen. Was wir nicht wollten, darüber waren wir uns einig. Das Ziel war ursprünglich die Abschaffung dieser menschenverachtenden Strukturen innerhalb der DDR. Aber als ich zum ersten Mal am 7. Dezember in Zittau auf dem Markt davon sprach, dass wir eigentlich die Chancen nutzen müssten, ein Volk zu werden, kam es zum Bruch mit dem Neuen Forum. Die Schilder der Demonstranten „Wir sind das Volk!“ wurden durch die Schilder „Wir sind ein Volk!“ abgelöst. Mir war klar geworden, wir würden es nicht schaffen, innerhalb der Strukturen dieses Systems das System menschlicher und demokratischer zu gestalten. Auch nicht mit einem dritten Weg, der vehement und intensiv diskutiert wurde. Helmut Kohl erzählte mir später einmal, dass dieser Schilderwechsel und der Einheitsruf auf den ostdeutschen Straßen sein Motiv gewesen sei, möglichst schnell Gespräche mit den Alliierten über die Möglichkeiten der Deutschen Einheit zu führen. Für mich war klar: Alle Pläne einer schrittweisen Annäherung oder eines langfristigen stufenweisen Übergangs zur Einheit gingen an der Wirklichkeit vorbei. Ohne Deutschland zu einen, würde man auch Europa nicht einen können. Und wir würden weiter in unserem Zittauer Zipfel sitzen müssen, ohne ihn regional nach allen Seiten zu öffnen. Dann bewegten uns in Zittau ganz andere Fragen. Wenn wir die alten Staatskader nicht mehr haben wollten, wer sollte dann in einem neuen demokratischen System politische Verantwortung übernehmen? Es waren ewig währende und lange Diskussionen mit meinem Kollegen Lothar Alisch, der für mich in bewundernswerter Weise in DDR-Zeiten den schwierigen Weg vom Hauptmann der Nationalen Volksarmee zum Pfarrer gemeistert hatte. Er suchte, ganz genauso wie ich, zu DDR-Zeiten mit jedermann das Gespräch, ohne Berührungsängste mit Andersdenkenden oder SED-Genossen zu haben. Er war inzwischen für das Neue Forum wortführend. Wir hatten natürlich aufgrund unserer gemeinsamen Erfahrung als Theologen in der DDR und als Freunde eine ganz besondere Gesprächsgrundlage. Die Frage, die wir diskutierten, war: Wie schuldig kann man werden, wenn man sich in schwierigen Zeiten der Verantwortung entzieht? Mussten nicht gerade wir, die wir schon seit Jahren Veränderungen angemahnt hatten, die wir ein großes Vertrauen in der Bevölkerung besaßen, jetzt selbst – wenigstens übergangsweise – politische Verantwortung übernehmen? Schon zu DDR-Zeiten, wenn wir uns nach den üblichen Gesprächen mit den Genossen vom Rat des Kreises in einem Zittauer Café bei einem Kaffee erholten, waren wir uns einig, dass wir es eigentlich immer leichter hatten als die Genossen vom Rat des Kreises und von der SED-Kreisleitung, auch wenn sie die Macht hatten. Ihre Ohnmacht gegenüber den übergeordneten Parteiinstanzen oder dem Politbüro der Partei der SED war nicht zu übersehen. Wir litten zwar unter vielen politischen Entscheidungen, aber wir konnten auch alles sehr gut auf ethische Grundlagen und moralische Grundzüge hin durchdenken, ohne selbst eine einzige politische Entscheidung zu fällen oder dafür geradestehen zu müssen. Dazu kam noch, dass uns zu DDR-Zeiten selbst unsere schlimmsten Gegner nicht verdächtigten, Theologen geworden zu sein, um Geld zu verdienen. Als wir uns 1989/90 noch über die besten Lösungen stritten, wussten wir nicht, welche Rolle die Staatsicherheit in unserem Leben gespielt hatte. Deshalb war damals auch unser Freundeskreis noch größer. Wir debattierten stundenlang. Aber eine Entscheidung fiel nicht. Lothar Alischs Diskussion war dadurch noch weitaus engagierter, da er selbst am Überlegen war, ob er für das Oberbürgermeisteramt in Zittau kandidieren sollte. Ich entschied mich dann. Ich drehte mein Schild: Kein politisches AMT!, das immer warnend auf meinem Schreibtisch gestanden hatte, um und wurde im Mai 1990 Landrat. Aber das sind schon wieder andere Geschichten!
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Die Johanniskirche in Zittau.

Die Kerzen der Demonstranten auf der Mauer der verdunkelten Stasi-Zentrale.

Kerzen und Transparent der Demonstranten.
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