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„Wir stehen noch viel zu weit auseinander. Wir halten unsere Häuser untereinander noch zu verschlossen. Da kann die Not noch nicht zu groß sein.“
Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Jesaja, 58, 7
Liebe Gemeinde!
Alle reden vom Wetter - nur wir nicht, hieß einmal ein Slogan vergangener Jahre. Momentan reden wir alle von „einem“, so dass es wieder entspannend sein könnte, einmal über das Wetter zu reden. Vielleicht geht es Ihnen auch so: Abends nimmt man sich vor am nächsten Tag über etwas ganz anderes zu sprechen und verfällt doch wieder dem Thema, das jetzt alle bewegt. Nur unsere Medien sind davor gefeit. Sie wissen; unsere Menschen wollen das nicht sehen oder hören oder lesen. Und überraschen uns mit Erfolgsserien und chinesischer Folklore. Aber das überrascht uns wiederum nicht!
Wir feiern heute das Erntedankfest! Aber wohl dem, der weiß, was er tut. Denn im Fest feiert der Mensch den Sinn seines Lebens – oder er feiert nicht. Wer feiert sagt in voller Zustimmung zum Leben, lautes oder leises, dankbares und frohes JA. Und er sagt es freiwillig und mit eigenen Worten. Undenkbar eine Geburtstagsfeier, zu der man die Gäste einschließt und dann verlangt froh und fröhlich zu feiern. Undenkbar !
Alle reden vom Wetter. Momentan reden viele von dem, was sie nicht haben, was sie entbehren, wonach sie sich sehnen, was sein müsste, weil sie das Gefühl haben, dass viele Wünsche und Träume und Sehnsüchte auf der Gefällestrecke des Lebens wieder zurückgerutscht sind, aus diesen oder jenen Gründen. Und ich denke, bei allen, die legal oder illegal dieses Land verlassen haben, und bei denen die Gründe dafür viel differenzierter betrachtet werden müssen, als es die Medien in Ost und in West mit ihrer Grobdarstellung wollen und vermögen, aber mit empfundenen Defiziten des Lebens hat es schon etwas zu tun, mit dem Gefühl zu kurz gekommen zu sein.
Momentan scheinen Weisheit, Verstehen, Respekt und Toleranz denen gegenüber die anders denken, weit entrückt zu sein. Auf beiden Seiten. Was feiern wir? Auf welchen Sinn vertrauen wir? Welche lebendigen Hoffnungen haben wir? Wovon leben wir? Auf diese Fragen müssen wir eine tragfähige Antwort finden, oder zumindest die Richtung zur Beantwortung andeuten, wenn diese geschmückte Kirche heute Morgen nicht bloß vorgegebene Kulisse sein soll, wenn alles, was wir heute singen und sagen, nicht bloß hohle Phrasen sein sollen.
Wie kannst Du eigentlich so ruhig bleiben und hier die Kirche schmücken bei allem, was politisch so um Dich herum vorgeht? wurde ich gestern Morgen gefragt, als ich dabei war, die Erntegaben aufzubauen.
Nun, ruhig, war ein Irrtum. Das wusste ich. Es schien nur so. Selbst wenn die Verhältnisse nicht so sehr an den Nerven zerrten – jede Vorbereitung des Erntedankfestes – auch in früheren Jahren hatte mich unruhig gemacht. Das beruhigend schöne Bild der aufgebauten Gaben, der brennenden Kerzen, der Besucher, die sich daran freuten und im Gegensatz dazu das Wissen,
wie der fortschrittsbegeisterte Materialismus die Achtung verloren hat vor dem lebendig Gewachsenen, vor der natürlichen Umwelt. Wie mit ökologisch unverantwortlichen Maschinen gepflügt wird, in welchem Übermaß Dünger und Gülle auf den Boden gebracht wird, so dass an manchen Tagen in unseren Dörfern statt reinem Trinkwasser verdünnte Gülle aus dem Wasserhahn kommt. Wie wir aus der Tierwelt ein einziges Schlachthaus gemacht haben. Wie die Wälder absterben, so dass die Forstarbeiter Giftzuschläge bekommen und die Urlauber Kurzuschläge bezahlen. Wie die Natur nicht mehr als Nährmutter gesehen wird, sondern nur noch Objekt der Gier nach mehr materiellem Reichtum geworden ist.
Das alles hat mich schon immer unruhig gemacht. Verstärkt wurde diese Unruhe dadurch, dass viele es nicht sehen wollten und jene, die gesehen haben, schwiegen, weil sie Angst vor den angedrohten Konsequenzen hatten. Dieser Gegensatz hat mich schon immer in Unruhe versetzt. Und dass diese Unruhe als eine vorwärtstreibende Unruhe bleibt, wünsche ich uns allen.
So dass wir einmal alle Erntedank feiern können, in dem Bewusstsein, das Land, das uns nährt nicht nur ausgebeutet, sondern auch bewahrt zu haben. Aber um diese Unruhe schöpferisch und phantasievoll umzusetzen, so dass sie lebenserhaltend wird, – und wir brauchen alle viel mehr schöpferische Phantasie – brauche ich gute und hoffnungsvolle Erlebnisse die geprägt sind von Freundschaft, Schönheit, Geborgenheit und Liebe. Und in Zeiten, in denen wir die Defizite unseres Lebens fast schmerzhaft spüren, brauchen wir die Besinnung auf das, was wir haben, wovon wir leben, die Besinnung darauf, woher wir Kraft und Mut zum Leben nehmen. Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupte fliegen, kannst du nicht ändern, aber dass sie Nester bauen, in deinem Haar, das kannst du verhindern. (Chin. Sprichwort) (…)
Als Jesaja vor fast 3000 Jahren seinen Mitbürgern diese Worte sagte, da wollte er ihnen, die sie schon lange Jahre im Frieden, die sie in guten wirtschaftlichen Verhältnissen lebten, darauf aufmerksam machen, dass der eigentliche Gottesdienst auch ein vor Gott sozial verantwortliches Handeln ist. (…)
Was haben unsere Kinder den 4000 Kindern voraus, die täglich vor Hunger sterben?
Lassen wir diese Fragen ruhig in uns hinein, ohne sie gleich mit dem Blick in die noch reichere Bundesrepublik abzuwehren. Ich bin überzeugt, selbst ein Besuch in Polen, Rumänien oder der SU würde uns sehr, sehr nachdenklich machen.
(Es ist ja das Paradoxe, das jene, die von uns Dankbarkeit dafür verlangen, dass wir in diesem Staat leben dürfen, uns einsperren und dadurch gerade jene Vergleiche unmöglich machen) (…)
„Entferne aus Deiner Mitte Bedrückung, die sich selber rühmt und die Rede gegen andere führt“ Damit sind wir alle gemeint. Nicht nur die kirchlichen Mitarbeiter, nicht nur jene, die für das NEUE FORUM eintreten, nicht nur jene, die man am Geburtstag zusammengeschlagen oder eingesperrt hat. Wir stehen noch viel zu weit auseinander. Wir halten unsere Häuser untereinander noch zu verschlossen. Da kann die Not noch nicht zu groß sein.
Dankbarkeit vor Gott dem Schöpfer der bunten Vielfalt des Lebens heißt auch sich für diese bunte Vielfalt einzusetzen. Sich dem Mitmenschen nicht zu entziehen auch seine Wünsche, Träume und Hoffnungen mit in den Blick zu bekommen. Wenn das geschieht, dann wird ein Licht im Dunkel strahlen, dann wird Gott uns leiten und selbst in kargen Zeiten sättigen. (…)
Amen
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Oybiner Kirche
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