Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Pfarrer Heinz Eggert: Böses Omen - Der letzte macht das Licht aus

Wer versuchen will, das Jahr 1989 wirklich zu begreifen, muss jeden Monat für sich betrachten. Ab Mai 1989 war keine Woche mehr wie die andere.

Im Mai 1989 waren Kommunalwahlen gewesen: Am Anfang verstand ich die Empörung über die Wahlfälschung nicht. Denn die Wahlen waren doch immer gefälscht worden. Aber der Versuch, den DDR-Staat mit seinen verlogenen, blumigen Aussagen über Frieden, Völkerfreundschaft und das menschlichste und wahrhaftigste System ernst zu nehmen, um ihn dann mit sich selbst zu konfrontieren, das war genial und läutete das Ende der DDR ein. Nur das wussten wir damals noch nicht. Wie wir vieles nicht wussten! Ich erinnere mich: Juli 1989. Unangemeldet klingelten Menschen aus der ganzen DDR an der Tür des Oybiner Pfarrhauses. Da ich in den vergangenen Jahren durch die Hilfe einer westdeutschen Journalistin erreicht hatte, dass Familien aus dem Gefängnis schneller durch die BRD abgekauft werden konnten, gab es zu dieser Zeit selbst in Berlin das Gerücht: ‘Wer schnell raus will, muss zum Pfarrer von Oybin!’ Das Gerücht kannte ich damals nicht. Die Menschen kamen aus unterschiedlichsten Gründen mit dem System nicht mehr klar und wollten einen Ausreiseantrag stellen. So erfuhr ich in meiner politischen Seelsorge immer mehr über Gewalt und Demütigung durch das DDR-Regime. Da ich längst wusste, dass ich in meiner Wohnung abgehört wurde, besprach ich mit den Besuchern oft auf einem Spaziergang oder in der Kirche die Situation und wies sie auf alle zu erwartenden Schwierigkeiten hin. Ich fragte mich schon lange nicht mehr, ob dieses eine Provokation der Staatssicherheit oder eine mir gestellte Falle war. Dann hätte ich mich als Pfarrer selbst aller Arbeitsmöglichkeiten beraubt. Auch Freunde von uns gingen in den Westen. Wenn wir im Freundeskreis abends beim Grillen saßen, nahm die Nachdenklichkeit zu. Man spürte körperlich, wie um die Entscheidung gerungen wurde: Bleiben wir oder gehen wir? Dann die Nachricht: Auch wir stellen einen Ausreiseantrag. Was sie auch taten. Dabei wurden sie ausgiebig schikaniert und bedroht. Wer bis zu diesem Zeitpunkt kein Feind der DDR gewesen ist, wurde so zu einem gemacht! Andere Freunde kamen in diesen Wochen zu uns, um sich mit vielen Tränen und Umarmungen in den Urlaub nach Ungarn zu verabschieden. Wir brauchten nicht zu sprechen, wir sahen uns an und wussten Bescheid. Es schien wie ein Sterben auf Raten zu sein. Denn wir würden uns ganz sicher nie wieder sehn. Sie, die Freunde, würden keine Einreise und wir, die Daheimgebliebenen, keine Ausreise bekommen. Ein sarkastischer Satz machte immer mehr die Runde: ‘Der letzte macht das Licht aus.’

Pfarrer Heinz Eggert

Pfarrer Heinz Eggert