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Die Jahre 1989/90 waren für mich in vielerlei Hinsicht eine sehr bewegte Zeit. Ich versuche hiermit persönliche Ereignisse, Erlebnisse und subjektive Wahrnehmungen aus den politischen Umwälzungen einigermaßen chronologisch wiederzugeben. Anfang 1989 fungierte ich noch als Vorsitzende des Kreisausschusses für Jugendweihe, Sebnitz. Allerdings hatte ich aus familiären Gründen für das Schuljahresende um Abberufung gebeten. Meine Familie wohnte im Neubaugebiet von Neustadt in Sachsen. In dienstlicher Hinsicht gab es in einer der ersten Beratungen des Jahres einen Paukenschlag: Uns wurde eröffnet, dass die Gelder für die Ausgestaltung der Jugendweihfeiern nicht wie geplant in vollem Umfang zur Verfügung standen. Das hatte es noch nie gegeben! Aber in der Folgezeit gab es noch mehr Dinge, die es anscheinend noch nie gegeben hatte. Es schien überhaupt nichts mehr in geregelten Bahnen zu laufen. Die Stimmung der Menschen auf der Straße wurde zunehmend schlechter. Im April fand im Kreiskulturhaus Neustadt die Jugendweihe unserer Tochter Heike statt. Die Feierstunde selbst war durchschnittlich, die Rede des Kreisfunktionärs lang und langweilig. Auf meine diesbezüglich vorsichtige Kritik in der Arbeitsgruppe Volksbildung ließ mir der Funktionär ausrichten, auch er habe schon als Jugendweihling eine solch lange Rede über sich ergehen lassen müssen. Ich glaubte eher, dass man in einer schwierigen Zeit wie dieser auch selbst besser werden müsste und wenn das alle beherzigten, wäre die Krise wohl schneller überwunden. Es war vorauszusehen, dass die Beteiligung der Bevölkerung an den Volkswahlen am 7.5. aufgrund der schlechten Stimmung im Land auch schlechter als gewohnt ausfallen würde. Selbst der Freund unserer großen Tochter Marika, der schon über 18 war, erklärte, nicht zur Wahl gehen zu wollen. Um das zu verhindern spazierte ich mit dem jungen Paar zum zuständigen Wahllokal nach Polenz in der Hoffnung, dass der junge Mann, wenn er nun einmal dort wäre, auch seinen Zettel in die Box einwerfen würde. Meine Rechnung ging nicht auf; die Rechnung derjenigen, die die Wahl manipulierten, bekanntlich auch nicht. Ich war wohl oftmals sehr blauäugig, aber diesem Wahlergebnissen konnte ich auch nicht glauben und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Von den Feierlichkeiten zum 7. Oktober bekam ich nicht viel mit. Mit Wehmut erinnerte ich mich an das „Treffen junger Sozialisten“ vor 20 Jahren in Berlin, bei dem wir gemeinsam mit den Jusos die DDR gefeiert hatten. Dafür gab es zunehmend ungewöhnliche Diskussionen in den Tageszeitungen. Es ging um einen neuen Dialog zwischen Volk und Regierung, um Basisdemokratie in der Partei, um Schutz geschaffener Werte und letztendlich um einen erneuerten, ehrlichen Sozialismus. Dafür war ich auch und viele, die ich kannte. Gegen einen positiven Weg aus der Krise waren meiner Meinung nach die, die plötzlich begannen, die DDR-Embleme aus den scharz-rot-gelben Fahnen herauszuschneiden. Wollten sie Anarchie im Land oder marschierte gar schon die Konterrevolution? Oder war es nur eine Lust an allem, was man sich in normalen Zeiten nicht ungestraft erlauben durfte? Auch in der kleinen Schule des Kreises Sebnitz, in der ich nun arbeitete waren die Schüler aufgekratzt. Einige Eltern hatten den Kindern erklärt, dass sie sich von den Lehrern jetzt nicht mehr alles gefallen lassen müssen. Manche Schüler brachten Pornohefte in die Schule mit, andere packten in der Stunde ihr Frühstück aus. Ein kleiner hübscher Junge zeigte mit dem Finger auf mich und rief mehrmals „Stasi!“ ohne den Sinn erklären zu können. Die Klasse fünf blieb freiwillig eine ganze Unterrichtsstunde land stehen. Es war mir peinlich, denn insbesondere die Schülerinnen waren fast alle größer als ich. Übrigens gehörte auch unsere Tochter Marika mit ihrem Freund zu denen, die Emblems aus den Fahnen herausgeschnitten hatten und die traurigen Stofffetzen mit Nägeln an Bäumen und Zäunen anbrachten. Unsere Kinder Heike und Frank entfernten dagegen einen solchen Fetzen, der in der Nähe der Schule hing, ohne zu wissen, dass ihre Schwester der Übeltäter war. Außerdem hatte Frank einmal nach dem Unterricht eine DDR-Fahne aus dem Bodenfenster unseres Hauses flattern lassen, wodurch wir in dieser brisanten Zeit Steinwürfe in die Fensterscheiben riskierten. Mittlerweile überschlugen sich die politischen Ereignisse. Als Hans Modrow zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, spürte ich große Erleichterung und hoffte, er würde die DDR aus dem unsicheren Fahrwasser herausrudern. Der Fall der Berliner Mauer war für mich eine große Überraschung, aber ab jetzt auch Anlass zur Sorge um den Erhalt der DDR. Erfahrungen mit einer offenen Grenze hatten wir ja. Scharenweise fuhren die Leute in überfüllten Zügen nach Berlin oder an andere Orte, um ihre Neugier zu befriedigen und vor allem das Begrüßungsgeld abzufassen. Die meisten kamen auch wieder, wenn nicht am selben Tag, dann vielleicht nach wenigen Wochen. Vergeblich versuchte auch ich, meinen Mann zu einem Tagesausflug nach Berlin zu überreden. Schließlich fuhr ich an einem Tag zwischen Weihnachten und Neujahr mit Heike und Frank in aller Herrgottsfrühe alleine los. Sonderbar war nur, dass der Bahnhof Dresden-Neustadt fast menschenleer war und kaum einer nach Berlin wollte. In einer Bank auf dem Ku'damm musste ich mir dann sagen lassen, dass genau ab diesem Tag kein Begrüßungsgeld mehr ausgezahlt wurde. Die Ereignisse zu Beginn des Jahres 1990 habe ich tagebuchartig festgehalten. Am 18. März fand die erste Volkskammerwahl nach der Wende statt. Überall hingen bunte, im Westen gedruckte Plakate mit lachenden Gesichtern und Verheißungen: „Wohlstand für alle!“. Schön wäre es gewesen, aber an Märchen glaubten wir nicht. Viele glaubten daran. Insbesondere in der Produktion Tätige hätten sich damals nicht vorstellen können, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Im Gegenteil, für ihre Arbeit noch ordentlich Westgeld zu bekommen war schon verlockend und das Kreuzchen auf dem Wahlzettel wert. Natürlich wollten wir uns über das neue Zuhause unserer Tochter mit eigenen Augen informieren. Dazu nutzten wir im Mai eine Woche Ferienaufenthalt in der Nähe von Schopfheim im Urlaubsort Todtmoos. Die Reise im Rahmen des „DDR-Begrüßungsangebotes“ war zwar preisgünstig, für uns aber eigentlich viel zu teuer, da wir nur sehr wenig Westgeld zur Verfügung hatten und auch die Bahnfahrt hin und zurück bezahlen mussten. Marika und Uwe halfen uns mit 150 DM aus; Marika gab uns dazu noch eine Handvoll Trinkgeld, die sie als Bedienung in einer Pizzeria erhalten hatte. Alles in allem war der Kurzurlaub im Schwarzwald wunderschön und voll positiver Eindrücke. Wir hatten wohl ein Stück heile Welt kennen gelernt. Nach Beendigung des Schuljahres zog meine Familie nach Neugersdorf, wo ich herstamme, um unsere alleinstehende Oma unterstützen zu können. Den Währungsaustausch mit endloser Menschenschlange vor der Sparkasse erlebten wir im märkischen Rheinsberg, wo wir Ferien machten. Bevor sich die Geschäfte der kleinen Stadt mit Westwaren gefüllt hatten, drückten sich abends die Leute vor den Schaufenstern die Nasen platt. Am nächsten Tag waren viele enttäuscht: Grüne Nudeln aus Italien statt gewohnter preiswerter aus dem Innland, beim Bäcker und Fleischer bei gleichem Angebot alles so teuer, dass die Leute laut schimpften. Das neue Geld fiel uns wie Sand durch die Finger. Die Zeitungen lobten dagegen diejenigen, die sich schon nach Mitternacht vor den Schaltern nach Westgeld angestellt hatten. Aus einigen Fenstern hingen westdeutsche Fahnen, zum Teil mit dem Bundesadler. In der nahe gelegenen Disko erklang um Mitternacht die Nationalhymne und beschallte die gesamte Umgebung. Ich stellte mir vor, dass alle Anwesenden mit erhobener rechter Hand auf dem Parkett standen. Und dann noch dieses: Deutschland wurde Fußball-Weltmeister! Der Nationalismus war mir unheimlich. Der 3. Oktober sollte zum Tag der deutschen Einheit werden. Die Schüler wurden aufgerufen, am Abend zuvor an einem Lampion- und Fackelumzug teilzunehmen. Pflicht war es nicht, aber alle sollten kommen, ganz wie zu DDR-Zeiten. Heike und Frank gingen auch los. Die neue Zeit hatte begonnen.
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Mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler.
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