Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Monika Adolph: Heldin aus Leipzig

Es war eine aufregende, irre Zeit, die aufregendste in meinem Leben überhaupt. Nichts blieb so, wie es einmal war in der damaligen DDR, alles wurde in Frage gestellt. Die Menschen gingen zu Tausenden auf die Straße, bewaffnet mit Plakaten. In einem abertausend stimmigen Chor riefen sie ihre Bedürfnisse in das bisher unterdrückte Land hinaus: „Pressefreiheit!“, „Visa frei, bis nach Hawaii“, „Wir sind das Volk!“, „Demokratie - jetzt oder nie!“.Anfangs war es ja noch gefährlich, an den Demos teilzunehmen.


Es war im September ´89, kurz bevor der 40. Jahrestag der maroden DDR mit Pomp und großer Militärparade gefeiert wurde, so erinnere ich mich, dass ich mich an der Leipziger Nikolaikirche befand, wo sich Bürger zu einer Demonstration formierten. Zwischen der Menge bewegten sich Stasimitglieder, um die Menschen zu zerstreuen und heimzuschicken. Wer sich widersetzte, wurde verhaftet.

Ich suchte nach einem Fluchtweg. Es war nicht so einfach, vom Nikolaikirchhof wegzukommen, da sich inzwischen eine Polizeikette gebildet hatte, um den Flüchtenden den Weg zu versperren. Rechtzeitig schaffte ich es noch, mich ganz links an der Häuserwand entlang zu drücken und so zur Theaterpassage, die zum Karl-Marx-Platz führte, zu gelangen. Am Karl-Marx-Platz angekommen, war ich außer Gefahr, denn da war die Polizei noch nicht präsent. Beruhigt fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause.

Am nächsten Tag erfuhr ich durch Hörensagen, dass es viele Verhaftungen gegeben hatte und sicher war die Stasi nicht zimperlich bei den Verhören gewesen. Das alles hatte ich mir durch meine Flucht erspart. Die Presse meldete lediglich, dass sich einige asoziale, kriminelle Elemente im Nikolaikirchhof zusammengerottet hätten. Damit spielte man den ersten Widerstand einiger Mutiger herunter.
Ein paar Wochen später, als die Bürger zu Tausenden demonstrierten, wurde keiner mehr verhaftet. Allerdings wurden wir, die Mitarbeiter der Uni Leipzig, zu denen ich damals gehörte, von Funktionären aufgefordert, nicht an den Demos teilzunehmen.

Außer einigen ewig gestrigen Parteimitgliedern hielt sich kaum jemand daran. Ich war schon Anfang September mit meinem „Gorbi“-Abzeichen, das ich am Revers meines Blazers trug, als renitent in der Uni aufgefallen.
Der vielstimmige Ruf „Reiht euch ein!“ bewirkte, dass immer mehr Zögernde, die bis dahin dem Geschehen aus den Fenstern zugesehen hatten, an den Demonstrationen teilnahmen.

Nach den Montagsdemonstrationen waren alle Restaurants überfüllt und es wurde bei Bier oder Wein heiß diskutiert. Die Diskussionen setzten sich in den Straßenbahnen und Bussen, die später die Demonstranten nach Hause brachten, fort. Ich habe mich zur Wendezeit im „Neuen Forum“ engagiert und dort wurde in den Versammlungen oft sehr kontrovers diskutiert.

Die Demonstrationen führten schließlich zum Fall der Mauer, zur Grenzöffnung und zum Zusammenbruch des Unrechtsstaates, der sich kurioserweise „Arbeiter- und Bauernstaat“ genannt hatte. Dass es kein Staat der Arbeiter und Bauern war, bestätigte sich, als aufgedeckt wurde, wie die Mitglieder der Regierung des diktatorischen DDR-Regimes in Wandlitz gelebt hatten. Sie hatten im Wohlstand gelebt und die Bevölkerung musste mit der Mangelwirtschaft des SED-Staates zurechtkommen. Diese Staatsratsmitglieder lebten in einem Wolkenkuckucksheim und hatten keine Ahnung, mit was für Kalamitäten der Großteil des Volkes zu kämpfen hatte.

Ich habe mich über die Aufdeckung dieses Unrechtes derart aufgeregt, dass ich ein paar Tage Beruhigungstabletten schlucken musste, hatte ich doch jahrelang mit meinem Sohn in einer sogenannten „Teilhauptmietwohnung“, ohne Bad und mit einer Toilette für vier Parten, kampiert. Das Volk setzte seine Forderungen gegen die machtlos gewordenen Repräsentanten des Staates durch, die wie die Made im Speck gelebt hatten.

Die Bürger Deutschlands sollten sich immer daran erinnern, dass die Leipziger die Mutigsten waren und dass in Leipzig die friedliche Revolution den Anfang nahm. Leipzig bekam das Attribut „Heldenstadt“ und ich bin heute noch stolz darauf, als damaliger Bürger Leipzigs dabei gewesen zu sein.


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