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Auszug aus dem Buch "Herbstmarathon", Kapitel „Gedächtnisprotokoll (12. Oktober 1989)“
Erlebnisbericht von Uwe Meisselbach, der Herrn Bernhof seine Schilderung über seine ungerechtfertigte Festnahme zur freien Verfügung überließ
Am 7. Oktober 1989 durchquerte ich gegen 14.30 Uhr die Leipziger Innenstadt. In der Universitätsstraße passierte ich mehrere VP-Fahrzeuge. Zwischen Fürstenerker und Löwenapotheke sah ich VP-Angehörige, die, ausgerüstet mit Schilden und Helmen, eine Mauer bildeten. Gegenüber wurde Bier ausgeschenkt. Es herrschte ansonsten normale Betriebsamkeit: So wie ich waren andere Spaziergänger unterwegs. Dann bemerkte ich eine zweite Schilderwand zwischen Schuhgeschäft und Antiquariat, die sich soeben auf Befehl zurückzog. Als ich Einblick auf den Nikolaiplatz zu erhalten versuchte, wurde ich von einem Unterwachtmeister angefahren: „Verschwinden!“ und „Verlassen Sie sofort den Platz!“ ich verwahrte mich höflich, dass ich doch wohl hier stehen könne. Das war zuviel. Er griff mich am Arm und schob mich unter aggressiven Bemerkungen zu einem LO, der plötzlich am Schuhgeschäft stand. Bürger, die den Vorgang beobachtet hatten und protestierten, wurden mit dem Knüppel ferngehalten. Ich musste auf den Mannschaftswagen steigen. Noch einmal: Ich war noch nicht eine Minute auf der Grimmaischen Straße und es war nichts von einer Demonstration oder „Zusammenrottung“ zu sehen. Der LO fuhr zwei Runden um die Nikolaikirche und füllte sich. Danach fuhren wir zur Kohlgartenstraße und mussten umsteigen in einen W 50 mit Käfig unter der Plane. Uniformierte Polizisten bewachten uns. Über die Richtung der Weiterfahrt erhielten wir keine Auskunft. Auf dem Gelände der „agra“ (Landwirtschaftsausstellung) mussten wir absitzen. Wir kamen in einen Pferdestall mit dreißig Boxen rechts und dreißig links. Es erfolgten eine Leibesvisitation und brutales Breitstellen der Beine. Ein Mann in zivil mit SED-Abzeichen und eine junge Frau nahmen die Personalien auf. Ich war die lfd. Nummer 112 und 113. Mit neun anderen Männern wurde ich in eine Pferdebox gesperrt. Es war jetzt 15.15 Uhr. Die Mitgefangenen meines Transports waren nicht verletzt, wer sich aber nur leicht widersetzt hatte, hatte Blessuren von Gummiknüppeln auf den Armen. Gegen 17.00 Uhr wurden wir in die Dimitroffstraße gefahren. Es folgte Aufstellung an der Hofmauer, im Regen, Gesicht zur Wand, Bewachung durch einen VP-Anwärter mit Maschinenpistole. Durch ein Spalier von Polizisten mit Gummiknüppeln wurden wir in einen Belehrungsraum geführt. In kurzer Zeit waren hier fünfzig bis sechzig Personen, dazu acht bis zehn Befrager in zivil. Ich kam um 21.00 Uhr dran. Aufnahme der Personalien und Befragung. Ich fragte, wo ich überhaupt wäre. Die Antwort lautete, bei der Kriminalpolizei. Der Befrager deutete an, dass er mit seiner momentanen Tätigkeit nicht ganz einverstanden sei und er lieber mit Kriminellen zu tun habe. Wir wurden in den Keller abgeführt, in einen vergitterten Gang mit Zellen. Dort waren wir vierzig bis fünfzig Mann, darunter auch Verletzte. Gegen 23.00 Uhr erfolgte die Rückfahrt zur „agra“. Elf oder zwölf Boxen wurden mit je zehn Männern „belegt“, zwei mit Frauen. Um ein Uhr wurde an jeden eine Bockwurst und ein Brötchen verteilt. Etwa um sechs Uhr kamen Neuzugänge aus einer anderen Halle. Wir verbrachten die Nacht bei offenen Toren, ohne Decken, in einem Dahindämmern auf dem nackten Lehmboden. Die Bewachung bestand aus etwa dreißig Polizisten und zeitweilig freilaufenden Hunden. Die Verrichtung der Notdurft geschah durch die Latten, Frauen wurden von einer Polizistin herausgeführt. Es waren keinerlei Gespräche oder Informationen erlaubt. Die meisten waren wie ich ahnungslos, warum sie hier waren. Manche hatten fotografiert und waren dabei von ihren Angehörigen fortgerissen worden. Nach zehn Uhr morgens wurden einzelne von uns aufgerufen. Ich wurde um 11 Uhr zum Eingang der Halle geführt. Dort lag ein Zettel aus: „Die Einleitung eines Ordnungsstrafverfahrens wird geprüft.“ Mein Name war durchgestrichen. „Sie werden belehrt, künftig nicht an ungenehmigten Demonstrationen teilzunehmen. Sie bestätigen mit ihrer Unterschrift, dass sie keine Forderungen an die Deutsche Volkspolizei haben.“ Ich unterschrieb, ohne zu denken. Zu zehnt mussten wir auf einen W 5o aufsitzen. Drei Mann wurden am Eingang des „agra“-Geländes abgesetzt, nach einem Kilometer Fahrt die nächsten drei und so fort. Ich zog mir eine Erkältung zu und musste arbeitsunfähig geschrieben werden.
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Titelbild des Buches
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