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Auszüge aus dem gleichnamigen Buch: "Herbstmarathon - Innenräume einer Revolution"
Hintergrund Reinhard Bernhof
1940 in Breslau geboren. Seine sechs Lyrik-Bände erschienen im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, im Reclam Verlag Leipzig und im Kinderbuch Verlag Berlin. Zahlreiche Kinderbücher, erschienen in Berlin und Halle. Herausgeber der illegalen Literaturzeitschrift „Umfeldblätter“ 1988/89, zusammen mit Sylvia Kabus. Mitbegründer des Neuen Forums in Leipzig, sammelte die ersten Unterschriften für diesen Aufruf. Nach 1989: Gründungsmitglied des Literaturbüros und anderer Literaturvereinigungen in Leipzig.
Auszüge aus dem Kapitel „Die ersten Unterschriften (Ab 12. September 1989)“
„Für den nächsten Tag hatte ich mir vorgenommen, einige Freunde und Bekannte aufzusuchen, um von ihnen, wie naiv auch immer die Erwartung sein mochte, eine Unterschrift zu bekommen. Es bedürfte nur eines Anstoßes, glaubte ich, um eine Einheit für mehr Zivilcourage zu schaffen. Doch schon der erste, ein Diplomingenieur, den ich gut zu kennen glaubte, von dem ich wusste, dass er Gedichte von Reiner Kunze und dessen Buch „Die wunderbaren Jahre“ las, sagte mir, er stehe zu diesem Aufruf, möge ihn aber nicht unterschreiben. Endlich, seit einem Monat, führe er eine eigene Abteilung in Espenhain, diese Position – erreicht trotz Parteilosigkeit – wollte er um nichts in der Welt aufs Spiel setzen. Und sogleich beeilte er sich zu erwähnen, dass seine Frau in der Stadt auf ihn warte. Ohne mir große Hoffnungen zu machen, besuchte ich als nächsten einen befreundeten Grafiker, Lehrkraft an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Er fragte mich lebhaft, wie es mir gehe und was ich mache. Ironisch sagte ich, dass es mir erstaunlich gut gehe angesichts der augenblicklichen Lage. Dabei zog ich den Aufruf heraus und sagte lapidar: Ich sammle Unterschriften. (…) „Sollte ich die Leute in meinem Haus ebenfalls ansprechen? Ich zögerte, fühlte mich befangen. Die einzige Ausnahme war Hans-Joachim Walch, Grafiker und Buchgestalter, bei dem stets viele Autoren und Künstler verkehrten. Er bat mich sofort in sein chaotisch schönes Arbeitszimmer, in dem sich die Bücher auf dem Fußboden stapelten und an dessen Wänden Originalgrafiken von Max Schwimmer und Miniaturen von Albert Ebert hingen. Er hatte selbst schon einiges über die Bürgerinitiative gehört und ließ sich alles haarklein erzählen. Nachdenklich fasste er sich ans Kinn und bat sich ein paar Tage Bedenkzeit aus. Er bedachte es nicht allzu lange. Am übernächsten Tag kam er mit seiner Unterschrift und der seiner Frau Ursula. Hoffentlich geht alles gut, sagte er. Auch das zweite Grafiker-Ehepaar, Ino und Paul Zimmermann, das für einen christlichen Verlag arbeitete, unterschrieb. Die Genossen im Haus hingegen hatte ich noch nicht angesprochen, ein Professor, ein Sportwissenschaftler. Einer Arztfamilie, die stets selbstbewusst in die benachbarte katholische Kirche ging, war ich zu forsch aufgetreten. Sie ging mir plötzlich aus dem Weg.“
Auszüge aus dem Kapitel „Die Versiegelung (4. bis 5. Dezember 1989)
(über die Besetzung und Auflösung der Stasi-Bezirksbewachung von Leipziger Bürgern)
„Die Runde Ecke war stets verdunkelt, nicht einmal beim Hausmeister oben brannte Licht, wenn sich die Menschenmassen an ihr vorbei schoben, stehen blieben und das Gebäude anschrien. Wer ahnte nicht, dass in diesem großen Gebäude mit dem dazugehörigen Neubaukomplex Hunderte hauptamtliche Mitarbeiter, nur für Leipzig zuständig – eine Truppe von Berufsoffizieren, Berufsunteroffizieren und Soldaten auf Zeit, die in einem der Armee vergleichbaren Dienstverhältnis standen -, einer zweifelhaften Arbeit nachgingen, Andersdenkende einschüchterten, Telefone abhörten, Briefe festhielten und unsichtbaren Stacheldraht zogen um einen jeden Verdächtigen. Um dieses Bollwerk am Dittrichring hatte sich ein Myzelium ausgebreitet, das sich mehr und mehr verzweigte, sich verästelte, an dem viele konspirative Objekte hingen: unterirdische Bunker, getarnte Wochenendhäuser, Wohnungen und Hinterzimmer. Wir standen auf der Empore, die Hand zum V-Zeichen: Victory! Victory! Für wenige Sekunden stahl sich ein Gefühl der Erleichterung in mein Herz. Ich lächelte und wurde wieder ernst. – Auch für mich der endgültige Abschied vom Sozialismus mit seinen außer Kontrolle geratenen Erzengeln? Ein Abschied auch von der Revolution, die noch einmal hoffnungsvoll mit den Schüssen des Panzerkreuzers Aurora symbolisiert wurde. Abschied also von einem Revolutionsbegriff, der nur von einer Seite und für alle Zeiten gepachtet zu sein schien? Würden wir einen neuen Weg finden nach diesem pervertierten? …Wie auch immer. Erst einmal Licht bringen, in dieses Labyrinth mit seinen ausweglosen Kammern, undurchdringlichen Archiven. Ich drängelte mich zurück ins große Eckzimmer, dem Konferenzraum, sah ein Telefon, fragte einen älteren Offizier mit spärlichen Resten leicht ergrauter Haare, ob ich nach „draußen“ telefonieren dürfe, denn ich hatte das Stasi-Gebäude unerwartet mit besetzt, nachdem einige vom Neuen Forum, Demokratischen Aufbruch, von der Vereinigten Linke die Kapitulation dieser Festung bereits erzwungen und somit Gewalt und Blutvergießen durch eine eventuelle bevorstehende Erstürmung durch die Demonstranten – Gerüchte hatte es genügend gegeben – verhindert hatten. Der Offizier reagierte mit natürlicher Freundlichkeit und nickte. Überrascht war ich, schon nach wenigen Sekunden das Zeichen von zu Hause zu hören. Als sich dann meine Frau meldete und erfuhr, von wo ich anrief, war ich erstaunt, so schnell und unerwartet verbunden worden zu sein. Auch sie glaubte kaum, dass ich von der Runden Ecke anrief. Es werde länger dauern, sagte ich. Der ältere Offizier neben mir sah mich an, hatte einige Worte von mir aufgeschnappt und lächelte, als wollte er sagen, wir sind doch auch nur eine Behörde, eine wie jede andere. Es war eher das Lächeln auf der anderen Seite eines Gucklochs. Michael Arnold und ein junger Mann stellten die Gruppen für die Etagenversiegelung zusammen. Die verantwortlichen Offiziere, für Auskünfte bereit, standen abwartend an der Wand. Sie waren tadellos gekleidet, trugen Anzüge oder Jacketts mit Krawatte. Ich starrte in ihre Gesichter, in denen zuweilen ein Überlegenheitsgefühl zu erkennen war, das ausdrückte, dass ja doch nur alles vorläufig sei und dass sie morgen vielleicht wieder die Stärkeren wären. Nur einer stand mit gebeugtem Kopf und hilflos herabhängenden Armen, machte den Eindruck eines Kindes, das gerufen worden war, eine Strafe entgegen zu nehmen. Ich gehörte zu einer Gruppe von fünf Leuten, die sich für die Versiegelung der zweiten und dritten Etage des Altbaus zur Verfügung gestellt hatten. Zusammen mit einem Offizier und Staatsanwalt Kurzke, der zuvor von einem Redner per Megaphon auf der Empore angekündigt worden war und mit einem Kamerateam vom ZDF, das sich von der Fleischergasse aus Eintritt in das Gebäude verschafft hatte, stiegen wir die Treppe zur zweiten Etage hoch. Junge MfS-Leute in Joggingschuhen mit großen Lederplättchen an den Knöcheln kamen von der Demonstration zurück, federnden Schrittes wie 17-Jährige, die sich über die Vorderspitze des großen Zehs abstoßen. Einförmig und von erschlagender Nüchternheit die Zimmer, die wir betraten. Ich stellte mir vor, wie darin Leute arbeiteten oder miteinander redeten. Wie in einem Panoptikum, wo in Wachs Sturheit und Banalität gespenstisch nachgebildet sind, sah ich sie plötzlich. Die Wände mit Plakaten, Sanssouci, der Fichtelberg, Pik Lenin. Ein Aktfoto. Ich öffnete einen Stahlschrank: zwei leere Schnellhefter, fleischfarben, ein Karton „Barock“-Blaupapier, Büroklammern. Alles in Sicherheit gebracht oder vernichtet? Wir hatten es ja mit einem Geheimdienst zu tun. Mein Nebenmann, ein Jugendlicher, zog am Kreuzgriff der Tresortür, die sich nicht öffnete und rief selbstbewusst, als hätte er oberste Befehlsgewalt: Versiegeln! Der Staatsanwalt verband die dunkelrote Siegelmasse auf der Tür mit dem Bindfaden, der am Rahmen des Panzerschranks hing und drückte seinen Dienststempel darauf. Die Kamera kam näher, ganz dicht an das Petschaft. Ein operativ-technischer Bereich. Zwei Männer an der Tür, der eine in Westover und mit langen blonden Wimpern, der andere mit einer altmodisch braunbernsteinfarbenen Brille, ließen uns passieren. Vervielfältigungen wurden hier durchgeführt, wie sie freimütig sagten, auch in Zusammenhang mit den Ereignissen bei den Demonstrationen. Ob noch Materialien vorhanden seien, fragte der Jugendliche, der immer wichtiger tat. Er bekam keine Antwort. Einer von uns fragte nach ihren Namen. Wider Erwarten nannte ihn der Mann im Westover, der andere sah ihn vorwurfsvoll mit verriegeltem Mund an. In der dritten Etage zugemauerte Wände. Und dahinter? Nichts! Nichts! Gar nichts! Frühere Umbaumaßnahmen! Ich beharrte darauf, dass die Türen frisch zugemauert seien. Aber der Etagenbevollmächtigte verwahrte sich dagegen. Man brauchte ihm nur eine Frage zu stellen, ein bisschen unter der Oberfläche zu bohren und gleich quoll uns sächsisches Gemurmel entgegen. Außerdem könne man die Räume von der nächsten Tür aus betreten, mischte sich der Staatsanwalt mit mürrischem Gesicht ein. Er kannte sich wohl aus? In einem der Räume Akten zum Aussortieren. Keine zur Ermittlung. Die seien im Archiv. Ich blätterte in einer, die eine Frau betraf, den Wohnungswechsel in den letzten Jahren, die Versicherung, ob sie oft reise und wohin, einen Pass habe oder daran denke, einen zu beantragen…Versiegeln!, rief diesmal ich. Ein weiterer Raum war zusätzlich mit einem Scherengitter geschützt, dahinter Säcke, über zwei Dutzend zählte ich, aus denen kleingeschnipseltes Papier quoll. Nur Schulungsmaterial, routinemäßig für den Reißwolf, nuschelte abermals gereizt der Etagenbevollmächtigte. Vor der nächsten Tür ein hagerer Mann. Sein Gesicht bleich und abgezehrt, blaue Augen in dem listigen Gesicht. Auch ihn fragten wir nach seinem Namen. Er erschrak, sah erst angewidert nach unten, dann sagte er: Ich brauche meinen Namen nicht zu nennen. Wieder fehlte der Schlüssel für eine Tür. Spannung, Zorn und Wut waren in mir, in uns, ich fragte mich, was aus den Zimmern, deren Schlüssel unversehens unauffindbar waren, zum Vorschein kommen würde. Dennoch verlangten wir, alle Räume einsehen zu dürfen, eher wollten wir nicht weichen. Die Zimmer unterschieden sich dann kaum von den vorhergehenden: zahngelb gewordene Tapetenwände, bescheidenes Mobiliar, öde Schreibtische aus den Sechzigern. Stupider Ordnungssinn, von karger Nüchternheit, damit tägliches Utopia, ohne Sprache, mit den geheiligten Mitteln zum Zweck, aber unsichtbaren, subtilen, auf die Erde geholt werden kann, dachten wohl die vielen Bediensteten, die hier arbeiteten.“ (…) „Gegen vier Uhr morgens verließ ich das Gebäude mit einem Gefühl der Genugtuung. Ich empfand das Bedürfnis, in tiefen Zügen frische Luft einzuatmen. So leer schienen meine Lungen, zusammengeschrumpft. Am Stahltor der Fleischergasse standen Uniformierte der einfachen Wachmannschaft. Sie waren jung und stämmig, einer mit dem Ausdruck von Wut, der seine Augen zu verhärten schien. Ob ihnen bewusst war, nur noch das Ende einer Sackgasse zu bewachen, wo nichts neues mehr für sie beginnen würde? Der Morgen graute. Nur wenige verblassende Sterne am Himmel. Ich dachte daran, dass es noch viele solcher Institutionen auf Erden gibt, die längst hätten aufgelöst werden müssen, lichtscheue Maschinen, die unkontrolliertes Gift für Menschenentstellung produzieren, nicht nur gegen das eigene Volk, sondern auch gegen andere Staaten.“
Lesen Sie weiter:
Reinhard Bernhof: Herbstmarathon, Innenräume einer Revolution. Plöttner. Leipzig. 2006.
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Titelbild des Buches.
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