Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Horst Kisnat: Ein Münsteraner in Leipzig

Meine Frau flüchtete 1956 zweijährig samt Eltern aus Sachsen-Anhalt in den Westen. Von daher gab es Kontakte zu dort gebliebenen Teilen der Verwandtschaft. Anlaufpunkt neben Magdeburg war auch Leipzig. Ich selber bin gebürtiger Münsterländer Jahrgang 1953, seit Dezember 1953 wohnhaft in Münster. Im Januar 1989 luden die Leipziger uns erneut für den Oktober des Jahres 1989 zu sich ein, wo wir von Magdeburg kommend am späten Samstagabend, 07.10.1989, eintrafen.

Und dann kam der geschichtsträchtige Montag, 9. Oktober 1989. Unsere Einlader warnten uns ausdrücklich in die Innenstadt zu gehen. Wir haben es trotzdem getan. Und so standen wir dann inmitten des Geschehens rings um die Nikolaikirche.

Damals an Ort und Stelle habe ich keinerlei Aufzeichnungen gemacht. Den Bericht habe ich aus der frischen Erinnerung heraus drei/ vier Tage später zu Hause niedergelegt. Er kann somit auch nur die ganz subjektiven Wahrnehmungen wiedergeben, die sich uns aus unserem Standort Grimmaische Straße Höhe Karl-Marx-Uni erschlossen. Insofern können an anderer Stelle sich die Geschehnisse ganz anders zugetragen haben.

Mitgelaufen sind wir nicht, da wir mit Rücksicht auf die Verwandten das Risiko eines Kontakts mit Staatsorganen so gering wie möglich halten wollten.

Bericht

Anmerkung des Autors:
Ein Ehepaar aus Münster wurde während einer Besuchsreise durch die DDR Augenzeuge der Leipziger Großdemonstration am 09.10. in Anschluss an das allmontagliche Friedensgebet in der Nikolaikirche. Es schildert das Geschehen aus dessen Blickwinkel:


13.30 Uhr: Wir treffen in der Leipziger Innenstadt ein. Vorgenommen hatten wir uns Einkäufe von Mitbringseln zu tätigen, aber ebenso ein Beschnuppern des Geschehens rund um die Nikolaikirche. In den Einkaufsstraßen herrscht das übliche Treiben. Anlässlich der 40-Jahr-Feiern der DDR sind vor dem alten Rathaus Getränke- und Imbissstände aufgebaut, von einer Bühne aus wird der Platz durch eine Band beschallt. Die Bürger laben sich an dem sonst nicht vorhandenen Angebot; bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Anhaltspunkte für das, was noch kommen sollte. Allerdings Vopo-Streifen von je drei Mann begegnet man hin und wieder. Sie sprechen keinen an, schauen nur, dies aber sehr konzentriert.

14.15 Uhr: Wir suchen die Nikolaikirche auf. Große Hinweistafeln „Nikolaikirche offen für alle“ weisen uns den Weg. Vor dem Gotteshaus herrscht normaler Besucherbetrieb. Blumengestecke in den Fenstern und Kerzen vor verschlossenen Nebeneingängen sollen an die Verletzten des Vormontags erinnern und die Solidarität stärken. Im Innern fällt auf, dass Eintretende sich augenscheinlich mehr für die Stellwände mit Geschriebenem als für die Architektur interessieren. Zu lesen gibt es jedoch nur Unpolitisches. Beim Verlassen schnappen wir den Satz einer Endfünfzigerin auf, die mit Taschen vorbeihastet: „Als man hier noch zum Herrgott gebetet hat, war die Kirche immer leer. Jetzt will jeder hin.“ Wir fühlen uns irgendwie ertappt. Wären wir sonst an diesen Ort gekommen?

15.30 Uhr: Wir lassen uns in einem Lokal in der überdachten Mädlergasse nieder. Eine Musikgruppe von drei Männern spielt in der überdachten Passage dudelsackähnliche Musik. Im Nu bleiben alle Leute stehen, bis die Gruppe etwa 30 Personen stark ist. Plötzlich tauchen zwei Männer mit schweren Lederjacken auf. Einer bahnt sich den Weg zu den Akteuren. Momente später verstummen die Klänge, die Zuschauer setzen ihren Weg zügig fort. Ein Lederbejackter redet auf die Straßenmusiker ein. Seine Gestik ist eindeutig: Spielen einstellen, den Ort verlassen. Dies geschieht auch.

16.00 Uhr: Wir treten zurück auf die Fußgängerstraße, Grimmaische Straße, und sind überrascht. Wo vor zwei Stunden noch normaler Fußgängerverkehr geherrscht hat, stehen jetzt lauter Gruppen, Grüppchen und Einzelpersonen. Sie suchen den Blickkontakt zur Nikolaikirche, die etwa 100 Meter entfernt liegt. Dies veranlasst uns, die Kirche einmal zu umrunden.

16.15 Uhr: Vor der Nikolaikirche gibt es kaum ein Durchkommen. Dicht gedrängt stehen hier Einlasssuchende. Ein Schild wird herausgehängt: „Kirche wegen Überfüllung geschlossen. Weitere Friedensgebete ab heute in der Thomaskirche…“ zwei weitere sind erwähnt. Ein zweites Schild ruft alle auf, beim anschließenden Umzug keine Steine zu werfen und auf Gewalt zu verzichten. Angespannte Gesichter prägen das Straßenbild.

17.00 Uhr: Das Friedensgebet beginnt. Wir stehen wieder in der Grimmaischen Straße Höhe Karl-Marx-Universität. Die Menschenmenge wird immer größer, der normale Fußgängerverkehr hat Mühe, sich einen Weg zu bahnen. Die Straßenbahnen spucken immer mehr Menschen aus. Es ist kaum einer zu erkennen, der sich vom Ort wegbewegt. Wir versuchen die Sicherheitskräfte auszumachen. Ein Doppelposten steht inmitten der Leute, spricht keinen an, wird aber auch nicht befragt. Auf der etwa 350 Meter entfernten Straße Neumarkt steht Mannschaftswagen an Mannschaftswagen, insgesamt 15 Stück. Eine ältere Frau redet bewegt auf einen auf der Ladefläche sitzenden Vopo ein und wendet sich offensichtlich wutschnaubend ab. Dann das Bewegende: Der Uniformierte holt ein Taschentuch heraus und tupft seine Augäpfel ab… Es können sich alle frei bewegen, auch der Kraftverkehr rollt durch die Seitenstraßen.

An der Grimmaischen Straße tut sich nichts weiter, außer dass die Menschenmenge wächst. Alles wartet auf 18.00 Uhr, das Gebetsende.
Während dieser Zeit fangen wir Gesprächsfetzen auf, politische und unpolitische. Ein Mann meint zu wissen, dass Kampftruppen von außerhalb in Bereitschaft stünden. Ein anderer bestätigt dies und gibt kund, alle SED-Mitglieder seien schriftlich aufgefordert worden, heute nicht zur Nikolaikirche zu gehen, Tränengaseinsatz sei gegen die Demonstranten geplant. Eine junge Frau erregt sich, dass viele nur zum Gaffen gekommen seien und hier keiner keinem traue. Andere unterhalten sich über das vergangene Fußballländerspiel, andere sprechen private Zusammenkünfte ab. Jetzt, zum Zeitpunkt der größten Dichte, hat jeder Stehende etwa einen halben Meter Platz um sich herum. Die am häufigsten vertretene Altersgruppe sind die 25-30jährigen, Leute über 50 sieht man nur, wenn man darauf achtet.

18.00 Uhr: Gottesdienstende, alles wartet auf Aktionen. Von unserem Ort aus ist die Kirche wegen der Menschen nicht mehr zu erkennen. Dann kommt Bewegung auf, rhythmisches Klatschen ertönt von dort und setzt sich zunächst nach außen fort, verstummt aber alsbald wieder. Die Schwierigkeit, von der Nikolaikirche aus einen Demonstrationszug zu formen, erkennt jeder, der die Örtlichkeit kennt. Das Gotteshaus hat keinen Vorplatz, sondern ist von allen vier Seiten von Gassen umgeben, von denen man in die Innenstadt oder zu anderen Plätzen gelangen kann. Die jetzt die Kirche verlassenden Demonstranten müssen sich einen Weg durch die Menge nach außen bahnen. Die wie wir etwas entfernt Stehenden können dagegen nicht erkennen, durch welche Gasse der Zug seinen Weg nehmen wird. So steht erst mal alles. Sprechchöre ertönen von innen. „Gorbi, Gorbi!“ pflanzt sich zu uns nach außen fort, nach fünf Wiederholungen herrscht wieder Ruhe, man wartet auf die nächsten Parolen von innen. „Freie Wahlen“, „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit!“ und „Freiheit, Freiheit!“ wird etwa im Zweiminutentakt skandiert. Wir sind etwas über das mangelnde verbale Engagement irritiert, mehr als drei, vier Wiederholungen kommen nicht zustande. Nur eine Parole wird länger und viel lautstarker durchgehalten: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“ Wenn man so will, eindeutig auf Platz 1 der Zustimmungsskala. Vom harten Kern wird die Internationale angestimmt „…auf zum letzten Gefecht…“, findet aber keine Resonanz bei den Massen: ebenso wenig wie ein etwas abseits stehender Mann, der auf la la unsere westdeutsche Hymne intoniert.

18.45 Uhr: Die mit Fackeln bestückte Führungsmannschaft hat sich durch die Sympathisanten bis zur Grimmaischen Straße durchgearbeitet, der Marsch Richtung Karl-Marx-Platz und Hauptbahnhof kann beginnen. „Schließt euch an!“ ertönt es, und alle setzen sich hinter den Fackelträgern in Bewegung. Vor der Goethestraße rechnet man wohl mit einem Vopo-Aufgebot, daher lautstarke Forderung „Keine Gewalt! Keine Gewalt!“ Die Masse erreicht den Karl-Marx-Platz, Sicherheitskräfte sind weit und breit nicht zu sehen. Wir versuchen, die Menge zu schätzen. Aus Besuchen des heimischen Preußenstadions sind uns Menschenmassen von etwa 15000 bekannt. Angesichts der Dichte, die einer westdeutschen Fußgängerzone am Adventssamstag nahe kommt und der Ausdehnung, vermuten wir 35000 Menschen. Von denen ist keiner vermummt oder bewaffnet, alle in normale Gewänder gehüllt.

19.30 Uhr: Ein unaufschiebbares Telefonat zwingt uns vom Ort etwas weg, wo allerdings nichts passiert, was noch nicht geschehen ist. Im Lokal in der Mädlergasse bestellen wir zum Telefonat zwei Getränke. Nach uns klingelt der Apparat, die Bedienung nimmt ab, ruft jemand maßgeblichen an den Hörer, der lauscht und legt auf. Dann heißt es, Anordnung von höherer Stelle, alle Gaststätten hätten umgehend wegen der Geschehnisse sofort zu schließen. Wir zahlen als erste und eilen zum Karl-Marx-Platz zurück.

20.00 Uhr: Das dortige Geschehen wird deutlich von Auflösungserscheinungen geprägt. Gruppen und Grüppchen versickern in verschiedene Richtungen ins Leipziger Straßennetz. Wir kommen mit vier jungen Frauen ins Gespräch, die uns sofort als „von drüben“ ausmachen. Heute würde nichts mehr laufen, die Vopo hätte überraschend nicht reagiert, letzten Montag sei man bei gleichem Anlass massiv gegen Demonstranten vorgegangen. Befragt zur für uns auffallenden Zurückhaltung der breiten Masse kommt die prompte Erklärung: „Wenn ich hier nur stehe, passiert mir nichts. Bekunde ich Sympathie und der Falsche sieht das, ist mein Studienplatz weg. So ähnlich geht es fast allen.“

20.30 Uhr: Wir treten die Rückfahrt an, um pünktlich die ARD-Tagesthemen verfolgen zu können. Hier hören wir von 80000 Menschen, was uns etwas zu hoch erscheint. Die gemeldete Abriegelung der Leipziger Innenstadt haben wir nicht erkennen können. Dann die Meldung, dass in der Nikolaikirche eine Erklärung der SED-Bezirksleitung verlesen worden sei, in der ein Dialog in Aussicht gestellt wurde. Von daher erschien die friedliche Haltung des Kerns um die Kirche und der reibungslose Ablauf der Demonstration nun einleuchtend.

Bleibt die Frage, ob eine solche Demonstration, wo alle Teilnehmer unvermummt und friedlich marschieren, in der DDR etwas in Bewegung bringen kann. Die andere Alternative, wie teilweise im Westen praktiziert, Vermummung und Gewalt, erscheint gleichsam ungeeignet. Oder hängt es davon ab, ob man im freiheitlichen oder kommunistischen System lebt?

Anmerkung des Autors:
Im zeitlichen Abstand muss ich Korrekturen anmerken.
-    Die auf Seite 1 geschilderten Imbiss-Stände waren aufgrund der alljährlich stattfindenden Leipziger Markt dort aufgestellt
-    Diesen Markt besuchten wir tags zuvor am Sonntag, 08.10.1989. Von diesem Tag stammen auch die Eindrücke aus dem Kircheninnern. Diese Vermischung mit den Montagsereignissen ist mir erst im Laufe der Zeit nach Betrachtung von Dokumentationen und zeitgenössischen Fernsehstücken klar geworden.



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