Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Kurt Noak: Meine Erinnerungen an den Herbst 1989

Der letzte Sommer für das SED-System und die sich zuspitzende Unruhe in Teilen der unzufriedenen Bevölkerung verhieß im 40. Jahr der Republik zunehmende Spannung. Auch in den systemnahen Kategorien der Bürger wird begonnen, anders zu denken und viele weisen nicht mehr zurück, was republikweit als Kritik verstanden und jetzt auch laut gesagt wird. Auch sie reden schon von gemachten Fehlern. Die ersten Parteibücher werden in den Parteibüros abgegeben. Über die sich nach oben bewegenden Preise wird allerorts diskutiert. Die Nachrichten von ZDF und ARD werden aufmerksamer als sonst verfolgt. Die Zeitungen bringen Lesermeinungen, die sich gegen die gezielten Hetzkampagnen des Westens richten. Der Klassenstandpunkt wird verteidigt. Ungarn bietet den Schlupf nach Österreich. Viele Leute laufen hier der Republik davon. Die Parteiführung aber bewahrt Ruhe und bemerkenswertes Stillschweigen. Sie tut, als geschähe nichts, als sei die Welt in Ordnung. Doch es gärt und Honecker ist krank. Vor allem aus Leipzig verbreiten sich Nachrichten über den Bildschirm.

Auch wenn vielerorts die Bildqualität schlecht ist, die Antennen nicht hergeben, was sie sollen, versuchen alle, sich ein Bild von den Ereignissen zu machen. Um zu wissen, was in Leipzig genau geschieht, mache ich mich an jenem Montag, dem 9.Oktober, per Eisenbahn auf den 150 km langen Weg. Ich wollte einfach nur Augen-zeuge sein. Ein Zimmer im Parkhotel hatte ich bestellt. An der Nikolaikirche waren schon vormittags Menschen zahlreich versammelt. Die Mauersimse trugen die Spuren vieler in den Vortagen abgebrannter Kerzen. In der Kirche reihten sich Leute, um sich in ein Buch einzutragen. Ich stellte mich in der Absicht an, mich mit Gorbis „wer zu spät kommt“ zu verewigen.  Doch schien mir das Warten dann doch etwas lange zu dauern, aber ich sah auch die Männer auf der Balustrade. Sie machten auf mich Eindruck und ich verzichtete schließlich auf meinen Namen im Buch und ging noch etwas bummeln.

Der Nachmittag rückte heran. Die Geschäfte schlossen. Die Verkäuferinnen wussten, dass es zu späterer Stunde durch den Ausfall der Straßenbahnen schwierig werden würde, nach Hause zu kommen. Schon mittags warnte mich eine mir gut bekannte Leipzigerin, nicht zur Demonstration zu gehen, denn heute würde geschossen werden. Immerhin war auch in den Betrieben davor gewarnt worden, sich nachmittags ins Zentrum zu begeben. Zur gleichen Stunde drohte Walter Sch. seinem Submissionspersonal im „Messehaus Städtisches Kaufhaus“: „Wer sich an den Demos beteiligt, dem poliere ich eigenhändig die Fresse“. Dieser hochgestellte und den Mielke- Leuten nahe stehende Radikalinski, damals stellv. Generaldirektor des Kombinats Lausitzer Glas, aber sitzt noch heute bei gutem Geld fest im Sessel eines Glasbetriebes in Weißwasser.

Im Stadtzentrum waren die bewaffneten Kräfte der Staatsmacht unübersehbar. Am Neumarkt stand eine LKW- Kolonne mit Bereitschaftspolizisten. Mein Eindruck war, dass die Männer nicht erst seit Mittag auf den Fahrzeugen saßen. Ihren Gesichtern war Stress anzusehen. Nur wenige Meter von der Kirche entfernt war an einem Bauzaun ein Schäferhund locker angeleint. Fast  eine Aufforderung, die Schlaufe über die Stachete zu ziehen, des dann beginnenden Tumultes wegen. An der Ostseite der Kirche prangt in einem kleinen unsauberen Schaufenster Honeckers „Aus meinem Lebe“, als sollte es eine Aufforderung sein, des Buches wegen die Scheibe zu zertrümmern. Vor diesem Schaufenster kam ich mit zwei jungen Männern, vermutlich Studenten, ins Gespräch. Ich sah die Striemen vom Sonnabend auf ihren Rücken. Heute wollten sie zurück schlagen. An der Fahrbahn über den Karl-Marx-Platz standen zwei PKW. Vielleicht waren sie in der Erwartung hingestellt worden, umgekippt zu werden. Zwei stämmige Polizisten machten ihren Streifengang durch die beginnende Menschenansammlung vor der Oper. Niemand berührte ihre Kopfbedeckung.

Es wurde Abend. Die Grimmaische Straße füllte sich mit Menschen. Es blieb unbemerkt, dass es heute sehr viele waren. Von der Nikolaikirche her breitete sich ein Summen aus, wie von einem Bienenschwarm. Alle Leute redeten verhalten. Ich fand einen Platz an der Universitätsbuchhandlung und suchte schon jetzt für den Notfall einen Fluchtweg, denn ich war nicht gut zu Fuß. Inzwischen bin ich zu einem Flugblatt gelangt, das in geringer Menge an der Nikolaikirche unter die Leute kam und aufforderte, Provokationen zu verhindern und sich gewalttätiger Parolen zu enthalten. An die Einsatzkräfte appellierte es, sich aller Gewalt zu enthalten, denn  „Gewalt unter uns hinterlässt ewig blutende Wunden!“  Vor den Lautsprechersäulen sammelten sich die Leute, wenn eine Durchsage der „Leipziger Sechs“ um Kurt Masur wahrzunehmen war. Auch sie mahnten zu Ruhe und Ordnung.

Meine Gorbi-Plakette hatte ich angesteckt. Gegen 19.00 Uhr kam Bewegung in die Massen. Sie formierten sich und nahmen ihren Weg über den Karl-Marx-Platz zum Georgiring. Keiner rührte die noch immer dastehenden zwei PKW an, wie sicherlich erwartet wurde, um Polizei einsetzen zu können. Die Kerzen in vielen Händen verliehen dem Geschehen ein fast feierliches Bild. Sprechchöre waren immer wieder hörbar. Ich versuchte, sie mir zu merken. Im Hotel schrieb ich sie auf. Zwölf konnte ich auf das Papier bringen. Besonders einprägsam: „Visa-frei-Tschechoslowakei“, denn  Tage vorher war für die CSSR die Visapflicht eingeführt worden. „Freiheit für das ganze Volk“, „Freiheit für die Inhaftierten“, „wir bleiben hier“ und „Gorbi, Gorbi“. „Wir sind das Volk“, war immer wieder hörbar, nicht aber ein Ruf, der staatsfeindlich zu deuten war und das Ende der DDR forderte.
Es war von ihrem Anfang bis zum Ende eine friedliche Demonstration unzufriedener DDR-Bürger.

Am Hauptbahnhof vorbei, gelangte der die ganze Breite der Straße einnehmende Demonstrationszug an die Fußgängerbrücke über den Dittrichring. Die vielen Menschen auf der Brücke winkten. Von der Straße scholl hier die schöne Melodie der Internationale in den Abendhimmel. Eine laue Luft umgab alles. Dem Demonstrationszug kam auf dem Dittrichring ein PKW entgegen. Sicherlich ein Polizeiauto. Die Menge rief: „Durch-las-sen! Bereitwillig öffnete sich eine Schneise für die Durchfahrt.
Das Gebäude der Leipziger Stasi-Bezirksstelle an der „Runden Ecke“ schützte ein dichter Kordon untergehakter Volkspolizisten, unbehelligt.

Auch die große Demo vom 9. Oktober endete am Karl-Marx-Platz vor dem Opernhaus, 20 Uhr. Jeder wusste, dass sie so mächtig war, dass die Staatsmacht nichts auszurichten hatte. Doch wären an diesem Tage weniger Menschen zusammen gekommen, hätte aus dem Spiel der Muskeln ein Kraftakt werden können und dieser schöne Tag wäre böse zu Ende gegangen. Später ließ Krenz verlauten, dass er gegen 19.15 Uhr seine Weisung von Berlin nach Leipzig gab, die Demo nicht zu behindern. Damit sah er sich als Retter des friedlichen Verlaufs dieses herrlichen Abends. Wollte er mit seiner Mission tatsächlich Gutes getan haben, hätte er rund 30 Minuten früher zum Telefon greifen müssen. In der kleinen Parkanlage hinter dem Opernhaus befand sich eine Einheit Leipziger Kampfgruppen in Bereitschaft. Mit ihr, offensichtlich waren es ausgesuchte Genossen, wurde lange diskutiert. Aus dem Hotel rief ich zu Hause an und vermittelte, dass mit der heutigen Demonstration die Dinge wohl nicht mehr aufzuhalten sind und den Montagsdemonstranten republikweit nunmehr alle Angst genommen sein wird. Auch eine von mir geschätzte Zahl von Teilnehmern an der Demo nannte ich meiner Familie. Sie lag ganz in der Nähe der am nächsten Tage im Fernsehen genannten Zahl.

Im Restaurant des Parkhotels kamen in einer kleinen Diskussionsrunde auswärtige Teilnehmer der Demo an einem Tisch zusammen. Neben zwei oder drei Magdeburger Männern waren drei Jugendliche aus Zwickau dabei, die die Abfahrtszeit ihres Zuges schon fest im Auge hatten, damit sie Morgen den Arbeitsbeginn an ihrem Arbeitsplatz nicht verpassen. Die Diskussion über das gerade Erlebte war einmütig. Alle waren wir uns einig, dass die Dinge der Republik nunmehr ihren eigenen Lauf nehmen werden.

Von Leipzig ausgehend nahm die weitere Entwicklung der Proteste ihren Lauf. Die Zahlen der Teilnehmer an den Montagsdemos in den Städten wuchsen. Honecker trat zurück, die Parteiführung löste sich auf und die Mauer in Berlin fiel genau einen Monat nach Leipzig. Die Fernsehberichte dieses Abends nahm auch ich fast ungläubig hin. Der Arbeitsplatz in meinem Büro erlaubte mir am folgenden Tag immer wieder ein lautes Lachen. Am Abend vor dem Fernseher aber konnte ich mir meiner Tränen nicht erwehren und am 11. November fuhr ich über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße zu meinem alten Freund nach Berlin-Lichterfelde. Mit Verbitterung aber sah ich am 18. November die auf friedliche Menschen wild prügelnden Polizisten in Prag, als hätten sie nichts begriffen. Doch sie taten es ein letztes Mal. Danach setzte sich das Volk auch in Prag durch und die samtene Revolution nahm ihren friedlichen Verlauf.

 


leerbild02