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Auch wenn man nicht zu den Friedensgebeten in die Nikolaikirche ging und sich eher als Unbeteiligter fühlte, bekam man doch durch Freunde und Kollegen einiges mit, was dort passierte. So bekam z.B. ein Kollege von mir als Genosse der SED den Auftrag, sich beizeiten jeden Montag in die Kirche zu setzen, damit die Plätze bereits besetzt sind, wenn die wirklich Interessierten kamen. Auch sprach es sich rum, dass besonders junge Leute montags vor der Kirche eingesammelt wurden und eine Nacht in einer Turnhalle verbringen mussten. Diese wurde extra dafür hergerichtet. Aber für uns kam das Schlüsselerlebnis erst viel später. Wir wohnten ganz nahe an den Geschehnissen der Montagsdemos. Ich erinnere mich noch wie heute, als wir zu einer Veranstaltung Ende September 1989 gegen Abend gehen wollten und dann fast wieder umgekehrt wären. Fast neben unserem Haus war der große Platz der Hauptfeuerwache, der in dem Jahr jeweils montags der Bereitstellung von Mannschaftswagen und Wasserwerfern diente. Also, gingen wir in Richtung Kulturhaus - was wir zum Glück zu Fuß erreichen konnten - da sahen wir mehrere Kompanien Soldaten von Kopf bis Fuß wie Antiterrorgruppen geschützt auf dem Platz stehen. Als die Spitze des Montagszuges in etwa der Höhe war, fingen sie an auf ihre Schutzschilder mit beiden Fäusten zu schlagen. Das klang schaurig, es ging unter die Haut und flößte sofort Angst ein. Wir liefen schnell zurück und sagten den (großen) Kindern, dass sie das Haus nicht mehr verlassen sollen, dann liefen wir eilig in die andere Richtung. Aber der bunte Abend im Kulturhaus konnte uns nicht mehr so recht fesseln, weil wir immer daran denken mussten, was draußen passiert. Sogar an einen Bürgerkrieg dachten wir, so gespannt war damals die Situation. An diesem Abend ging alles glatt, aber uns gab er zu denken. Bisher waren wir eher Zuschauer gewesen, jetzt wollten wir nicht abseits stehen. Wir wollten nicht ausreisen, wir wollten hier bleiben und konnten uns mit den Rufen „Wir sind das Volk!, „Wir bleiben hier!" identifizieren. So reihten wir uns in die letzten Montagsdemos mit ein, jeder ein Marmeladenglas mit einer Kerze in der Hand. Friedlich, gut gestimmt und sehr diszipliniert zogen die Menschenmassen um den Städtischen Innenring. Als wir an der so genannten Runden Ecke (Stasigebäude) vorbeizogen, sahen wir, dass dort ein doppelter Menschenring stand, der das Gebäude abschirmte. Jeder wusste, dass hinter den dunklen Fenstern die Stasileute warteten und nur einen Grund brauchten, um gegen die Demonstranten vorzugehen. Diese Menschenkette verhinderte ein Übergreifen. Wer wusste schon, was der Nebenmann im Schilde führte? Es hätten ja auch Spitzel sein können, die bewusst eine Provokation herbeiführen wollten. Wer aus der Marschkolonne ausscherte, der tat es nur, um seine Kerze auf die Stufen des Gebäudes zu stellen. Am nächsten Tag hatten dann die Stasileute viel zu tun, um den Kerzenwachs wieder von den Treppen zu entfernen. Unser Mitleid hielt sich in Grenzen.
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