Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Felicitas Neuber: Die Wende habe ich gar nicht so richtig miterlebt

Die Wende 1989 habe ich gar nicht so richtig miterlebt. Wir waren den ganzen Sommer in unserem Garten. Bis Mitte November. Baumaßnahmen.

Ich war freischaffende Grafikerin und mein Mann seit drei Jahren Rentner. Kein Mensch hat uns von den Vorgängen in Leipzig etwas mitgeteilt. Der Pachtgarten lag etwas einsam und abseits. Zeitung haben wir nicht gelesen, da wir sehr viel anstrengende Arbeit hatten. Ich musste ja auch mit meiner Malerei Geld verdienen. Einen Fernseher hatten wir dort nicht.

Als wir dann wieder zu Hause waren, haben wir uns über die Unmassen Autos Montagabends gewundert.

Alle Straßen standen voll PKW - mit Kennzeichen aus der ganzen Republik.

Unser Nachbar hat uns aufgeklärt. Es war ein Schock. Wir haben nicht geglaubt, dass das gut geht und gelingt. Irgendwie war es unheimlich.

In die Stadt sind wir an den Montagen nie gegangen, weil wir Angst vor der Staatsmacht und den Russen hatten. Wir konnten doch nicht wissen, dass das eigentlich von den Russen so gewollt war. Obwohl uns das eine befreundete sowjetische Besatzerfamilie schon 1982 prophezeit hat. Wir haben die Leute nur ausgelacht und nie mit jemandem darüber gesprochen.

Als die Grenzen zur BRD dann offen waren, war die Freude groß. Wir hatten aber auch zwiespältige Gefühle. Zu lange waren wir DDR-Bürger. In der SED waren wir nicht!

Für Politik hatten wir kein Interesse. Wir waren ausgelastet. Beruf, Kinder und eine große Wohnung. Unsere Hobbys Camping und Wassersport, das alles hat uns doch gar keine Zeit gelassen über die Teilung unseres Landes groß nachzudenken. Wir dachten das lässt sich nicht mehr ändern.

In der Hitler-Diktatur hatten wir gelernt, dass es nicht gut tut sich gegen ein Regime, in dem man lebt, aufzulehnen. Sich mit den Tatsachen abfinden und das Beste daraus zu machen war unsere Devise. Mit dieser Einstellung hatten wir auch keine Probleme mit der Staatsmacht. Ideale Zustände hat es auf der Welt noch nie und nirgendwo gegeben!

Mir persönlich hat die Wende eine Menge Sorgen gebracht. Am 17.04.1990 starb mein Mann an einem Herzinfarkt. Er wurde nur 68 Jahre alt. Da stand ich allein mit unsere 125 m² Wohnung. Bis dahin hatten wir 78,- Mark Mietzins. Dann stieg die Miete rasant auf 1200,- DM. Ich hatte aber nur 550,- DM Vorruhestandsgeld und 277,- DM Witwenrente. Meine „Brötchengeber" (VEB - Fa.) waren ja alle platt gemacht. Am 1.Juli 1990 nahm mir der Sohn des ehemaligen Grundstückseigentümers einfach so unseren Pachtgarten samt dem von uns mühevoll erbauten Holzhauses weg.

Ich bekam Depressionen. Dann musste ich nach 38 Jahren unsere wunderschöne Wohnung gegen eine kleine Wohnung in so einem Plattenbaubunker eintauschen. Mein Mann war Möbeltischler. Es war bitter viele gute Möbel auf den Sperrmüll zu werfen.

Die Freude über die Einheit war mir vergangen.

Eine Zeit lang ging es mir dann soweit ganz gut. Auslandsreisen konnte ich mir mit dem bisschen Rente nie leisten. Aber in Thüringen habe ich nun wieder ein kleines bescheidenes Sommerdomizil gefunden. Ich war ganz zufrieden. Meine Kinder und Enkel haben gute Berufe. Noch haben sie ihren Arbeitsplatz. Meine Sorge, wie lange noch?

 

Felicitas Neuber, Jahrgang 1934


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