Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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***Bundesminister Wolfgang Tiefensee: Was wir damals erlebten, hat uns tief geprägt. Jetzt ist Zeit, es zu erzählen. ***

Der Herbst 1989 war eine Zeit, die unser aller Leben in Ostdeutschland sehr verändert hat, mehr als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Vielleicht erinnere ich mich deshalb fast an jeden einzelnen Tag. Natürlich war ich als Leipziger bei den Leipziger Montagsdemonstrationen dabei.

Der Tag von Leipzig. Am schicksalhaften Montag, dem 9. Oktober 1989, war die Thomaskirche zusätzlich geöffnet worden. Beim Verlassen der Kirche schallte uns der Aufruf der sechs Leipziger um Kurt Masur entgegen. Es war dieser Tag, als mit Kerzen und Gebeten und den Rufen "Wir sind das Volk!", "Keine Gewalt!" und "Wir bleiben hier!" ein entscheidender Sieg über das Regime errungen wurde. Niemand von uns hatte geahnt oder geglaubt, dass das System praktisch an seinem 40. Geburtstag zu bezwingen sein würde. Aber wir spürten, dass es sich schon lange in einer politischen, moralischen und wirtschaftlichen Sackgasse befand. Meine Eltern waren sich absolut sicher, dass es eines Tages so kommen würde, und in diesem Geist hatten sie auch mich und meine Geschwister erzogen. Religion war von zentraler Bedeutung in unserer Familie. Für uns waren Christentum und Kirche Heimat und Freiraum zugleich. Das hat mir zum Beispiel sehr geholfen, als ich 1973 d en Waffendienst in der NVA verweigert habe.

Im Keller der Stasi. Am 4. Dezember 1989 besetzten Montagsdemonstranten das Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit in Leipzig, die »Runde Ecke«. Ein Bürgerkomitee bildete sich, das das Gebäude bewachen sollte und verhindern wollte, dass die Stasi-Leute weiter Akten vernichten. Ich habe mich auch gemeldet und zwei Nachtwachen gehalten. Es war abenteuerlich! Beim Betreten der Stasizentrale musste ich meinen Personalausweis abgeben. Das bedeutete einmal mehr, seine Anonymität aufzugeben. In einigen Räumen brannte noch Licht, einige Stasi-Leute waren noch am Werk, während wir im Keller nach geheimen Türen suchten, hinter denen wir noch Akten vermuteten.

Der Anruf vom Runden Tisch. Bis dahin hatte ich als Ingenieur gearbeitet. In den Augen von SED-Genossen galt ich als »politisch unzuverlässig«, nicht zuletzt, weil viele Freunde die DDR bereits verlassen hatten. An die Übernahme politischer Ämter war unter den Bedingungen der DDR nicht zu denken. Das änderte sich schlagartig, nachdem die alte Elite in Staat und Verwaltung entmachtet wurde. Es begann mit dem Telefonanruf einer Freundin Ende Februar 1990: "Wolfgang, du warst nicht in der FDJ und deine Kinder waren nicht bei den Pionieren." Sie fragte, ob ich bereit sei, im Auftrag des Runden Tisches kommissarisch, also bis zur ersten freien Kommunalwahl Anfang Mai, als Stadtrat für Schulwesen zu amtieren. Der Anruf kam um 23 Uhr und man ließ mir bis zum nächsten Morgen Bedenkzeit. Ich entschloss mich nach nächtlichen Gesprächen mit meiner Frau, das für eine kurze Übergangszeit zu machen und sagte "Ja!".

Ein Schuldezernent sollte im Amt sicher einen Anzug tragen. Ich fand nur meinen alten Hochzeitsanzug und ein einziges, verbeultes Jackett. Als ich damit in mein Büro ins Leipziger Rathaus kam, fand ich die alte Möblierung vor, eine lange Doppelreihe Stühle am Tisch vor meinem Schreibtisch. Hier wurde bisher von oben nach unten administriert. Zwei kleine Begebenheiten sind mir vom ersten Tag in Erinnerung: Ich saß noch nicht richtig, da ging plötzlich die Tür auf. Eine Dame kam herein, die sich als meine Sekretärin vorstellte. "Herr Stadtrat, ich bin bereit zum Diktat." Ich schickte sie mit leerem Block hinaus, denn es gab zu diesem Zeitpunkt partout nichts, was ich der eilfertigen Dame hätte diktieren können. Dann legte man mir eine Bestellung für Schulbücher über zigtausende DDR-Mark zur Unterschrift vor. Ich habe eine gute Weile gezögert, weil ich mir nicht sicher war, ob das alles rechtens sei oder ob mir jemand eine Falle stellen wollte.

Der Fluch der Vergangenheit. Sicherlich war ich am Anfang vielen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rathaus und in den Schulen erst einmal suspekt: Mit meinen langen Haaren, meiner Herkunft und meinem Auftreten. Und umgekehrt musste ich anfangs vielen Mitarbeitern, Schulleitern und Lehrern misstrauen, für die ich nun zuständig war, denn natürlich hatten viele von ihnen noch bis vor Kurzem treu zur DDR gestanden. Eine Woche später lud ich alle Schulleiter zu einer Versammlung ein. Es war ein vorsichtiges gegenseitiges Abtasten. Sicher dachten nicht wenige: "Wird dieser Kerl uns jetzt alle feuern? Gibt er uns eine Schonfrist?" Vielen merkte man an, dass sie Angst vor der Zukunft hatten. Einige zeigten aber auch spontan ihre Freude darüber, dass sich endlich etwas ändern sollte. Das Schwierigste war der Umgang mit besonders belasteten Lehrern und Schulleitern. Wir haben versucht, so vielen Menschen wie möglich eine Chance zu geben. Das war mir auch ein persönliches Anliegen. Nur die, die für die Staatssicherheit gearbeitet und so das Vertrauen missbraucht hatten, wurden sofort entlassen. Dann stellte sich die Frage: Wie sollten wir mit den Staatsbürgerkundelehrern umgehen, mit den Pionierleitern?

Die eigene Prägung. Das waren belastende Entscheidungen. Ich habe dabei oft an Erfahrungen aus meiner eigenen Schulzeit gedacht. Natürlich gab es solche und solche Lehrer. Schikanen wegen unserer politischen Überzeugung hatten wir selbst erlebt. Meine Schwester hatte einen Notendurchschnitt von fast 1,0. Trotzdem bekam sie keinen Abiturplatz. Sie wurde Schweinezüchterin. Ich selbst wurde zwar wegen meines Cello-Bachpreises zum Abitur zugelassen, obwohl ich nicht in der FDJ war. Aber für ein Studium, wurde mir bescheinigt, sei ich »nicht geeignet«. Ich habe dann eine Ausbildung zum Fernmeldemechaniker absolviert. Das hieß Kabel verlegen, Schichtbeginn morgens um sechs. Diese Zeit hat mir sehr viel gebracht. Ich zehre bis heute von diesen Erfahrungen.

Das Abenteuer Demokratie. Am Ende bekam ich doch noch einen Studienplatz im fernen Görlitz. Dort war ich in der Studentengemeinde aktiv. Im Nachhinein betrachtet war dies eine gute Lehrzeit in Sachen Demokratie, denn oft stimmten wir nach dem Mehrheitsprinzip über strittige Themen ab. Als ich dann, 14 Jahre später, in Leipzig mit am Runden Tisch saß, konnte ich von diesen Erfahrungen zehren. Ich kannte geheime Wahlen, namentliche Abstimmungen, absolute und relative Mehrheiten. Und vor allem, dass man fair miteinander umgehen muss, wenn sich viele Menschen auf eine Linie oder einen Kompromiss einigen müssen.

Wolfgang Tiefensee


Tiefensee Wolfgang