|
Die Agonie der 80'er erlebte ich in Leipzig. Die Häuser fielen zusammen, Einkaufen wurde immer schwieriger, aus dem Bekannten- und Kollegenkreis hatten immer mehr einen Ausreiseantrag. Und wurden zunächst hingehalten... 1988 / 1989 gab es eine ganz geringe Verbesserung der Versorgung, ich konnte mir relativ schnell einen neuen Kühlschrank, neue Waschmaschine kaufen. Und es gingen immer mehr weg.
Wir, viele Freunde und ich, setzten große Hoffnungen in den Reformkurs in der Sowjetunion. Wir sahen die Bremsen in der DDR-Regierung und wünschten einen pluralistischen und ökonomisch reformierten Sozialismus. Es sollte eine erneuerte Führung aus der zweiten oder dritten Politreihe sein, sicher Unbekannte. Ich war im Studentenklub "Moritzbastei" in der Gastronomie im Schichtbetrieb angestellt. Die Montagsdemonstrationen, deren Beginn, waren mir lange Zeit entgangen. Ich erfuhr zuerst in Politmagazinen der ARD davon. Ab September 1989 kamen zu den Montagnachmittagen immer mehr Menschen in die "Moritzbastei", die dann zur Demo zogen.
Den 7. Oktober 1989 nahm ich, wie die vorherigen DDR-Jahrestage, nur als einen Feiertag, wie Pfingsten, an. An solchen Tagen habe ich meist gearbeitet. Der große Aufmarsch war nur in Berlin, zu wenig passten die dort vorgetragenen Losungen zur Realität. Am 9. Oktober, als ich zur "Moritzbastei" zum Dienst ging, standen neben der Nikolaikirche eine Kolonne Polizeifahrzeuge, die ich vorher nur in TV-Nachrichten bei Straßen-Randale sah: Lkw W50 mit etwa 1,80 m hohen Gittern vor dem Kühler und Wasserwerfer. Dieses Bild hat mich sehr erschrocken und ich wünschte, dies sollte nur ein Drohinstrument ohne Folgen für die Demonstranten sein. Es war nicht einfach, zur "Moritzbastei" zu kommen. Unbekannte kontrollierten meinen Dienstausweis. In der "Moritzbastei" war es krachend voll - Oberkeller, Unterkeller, vielleicht ein paar Tausend Menschen. Eine gastronomische Vorbereitung oder gar Versorgung war bei der Enge gar nicht möglich. Überall wurde diskutiert, es war aber nicht laut, eher eine lähmende, unheimliche Stimmung überall.
Später wurde über die Musiklautsprecher der Aufruf von Kurt Masur, Gewandhauskapellmeister der Leipziger SED-Kreisleitung, führender Kirchenleute und der Leipziger Polizeiführung zu einem gewaltlosen Verlauf der Leipziger Demo verlesen. Kurz darauf verließen die meisten die "Moritzbastei", einige kamen nach der Demo wieder, gelöst, freudig. Dieser 9. Oktober in Leipzig bereitete den Weg zu einem friedlichen Umbruch in der DDR. Danach gab es total neue Ereignisse. Kritische Kräfte mischten bei politischen Entscheidungen mit, offene Kritik an der SED war möglich, es gab eine neue Demonstrationskultur, wir haben schnell Kulturjournale aus dem "Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet" einfach so an der Theke verkaufen dürfen, wir konnten jede Pop-Musik spielen.
In der folgenden Zeit unterschrieb ich mit ganzer Überzeugung den Aufruf "Für unser Land" und wünschte mir eine neue DDR. Ein Dämpfer war die Installation von Egon Krenz als neuer DDR-Führer. Als dann einige Leute montags über den Ring zogen und riefen "Wir sind EIN Volk" und Helmut Kohl durch die Lande reiste, ahnte ich langsam, dass die Politik wegen der Ökonomie die DDR sterben lassen wird... Nun sind wir in der Demokratie. Nach antiker Prägung. Die antike Demokratie ließ ihre Sklaven außen vor. So wie heute die Bundesregierung die Entwürdigung nach HARTZ IV zuläßt. Das sind nicht allein Weniger Ausgebildete, auch ältere Arbeitswillige werden einfach so diskriminiert, weil es nicht genügend bezahlte Arbeit gibt. Da haben die Politik, die meisten Medien und viele Menschen noch einen weiten Weg zu einer wirklichen Demokratie...
|
|

|