Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Ekkehard Schultz: Chaos am Hauptbahnhof

Als wir im Sommer 1989 in unserer Abiturklasse (ich machte in Leipzig eine Berufsausbildung zum Offsetdrucker mit Abitur) zum ersten Mal im Staatsbürgerunterricht frei und kontrovers über die blutige Niederschlagung der Studentenproteste in China diskutierten, nahm ich dies zum ersten Mal als ein Zeichen wahr, dass sich in naher Zukunft vielleicht etwas ändern könnte. Zwar verteidigte unser Lehrer die Entscheidungen der chinesischen Staatsmacht im Sinne der offiziellen SED-Meinung tapfer. Aber der Widerspruch dagegen war so groß, dass an die Vermittlung des offiziellen Lehrstoffs während dieser Unterrichtsstunde nicht mehr zu denken war. Dies war bis dahin nicht möglich gewesen. Über die Friedensgebete in der Nikolaikirche und die anschließenden Demonstrationen war ich früh informiert, da sich unser Lehrbetrieb in der Sternwartenstraße nur wenige hundert Meter vom Stadtzentrum entfernt war.

In den ersten Oktobertagen 1989 erfuhren wir zudem, dass einzelne Lehrmeister (es waren wohl Angehörige der Betriebskampfgruppen) den Betrieb ab sofort in der Nacht überwachen und für „Ruhe und Ordnung sorgen" würden. Es sollten überwiegend jene sein, die sich als einzige nicht davor zurückschreckten, uns gegenüber den Begriff „Klassenfeind" (mit Blick auf den Westen) zu gebrauchen. Genaueres erfuhren wir allerdings nicht. Nahezu stündlich wurden im Oktober 1989 neue Mitteilungen über die Entwicklungen in Leipzig, Dresden und Berlin verbreitet. Wir (die Schüler) nahmen jede Neuigkeit begierig auf; auch diejenigen, deren Eltern SED-Mitglieder waren und diskutierten heftig in den Pausen im Klassenzimmer und auf dem Schulhof darüber. Die meisten Lehrer ließen sich dagegen auf keine Diskussionen ein und vermittelten in gewohnter Art ihren Stoff. Mehrfach äußerten sie allerdings, dass zu solchem Optimismus, wie wir ihn ausstrahlen würden, kein Anlaß bestehe.

Zum Markenzeichen der Oktobertage wurde in der Schule eine Tafel, auf die jeder anonym schreiben konnte, was sich in der DDR ändern müsse bzw. wo man die Notwendigkeit zu Reformen sehe. Als allerdings ein Schüler auf die Tafel das Wort „Alles" gesetzt hatte, kam es zu empörten Reaktionen mehrerer Lehrer. Unser Mathematiklehrer vermerkte darunter, dass er zumindest keinen Grund dazu sehe, an unserer Schule selbst Grundlegendes zu ändern.

Nachdem wir von dem Fall der Berliner Mauer erfahren hatten, gab es für die meisten Schüler nur einen Gedanken: „Test the West". Ich hatte vor, bereits am ersten Wochenende nach der Grenzöffnung nach Berlin zu fahren, gab jedoch den Plan wegen der vollkommen chaotischen Situation am Leipziger Hauptbahnhof auf. Auf allen Bahnsteigen, in denen Züge auch nur ein Stück Richtung Westen fuhren, herrschte ein solches Gedränge und Geschiebe, dass die Gefahr bestand, auf die Schienen - eventuell sogar direkt vor einen anfahrenden Zug - gedrängt zu werden. So entschloß ich mich nach mehreren Stunden schweren Herzens, wieder nach Hause zurückzukehren. Zwar war die Situation am Hauptbahnhof auch am nächsten Wochenende nicht wesentlich anders. Immerhin glückte es mir nun, auf den Bahnsteig zu gelangen, auf der ein Zug nach Berlin stand, der kurz nach 2.00 Uhr nachts abfahren sollten. Allerdings wurden sämtliche Türen des Zuges von den Leuten, die es ins Innere geschafft hatten, zugehalten. So versuchten einige, über die verschiebbaren Fenster von außen in den Zug zu klettern, was ich allerdings - wohl aus Zweifeln an meiner eigenen Geschicklichkeit - nicht tat. Schließlich glückte es mir in Zusammenarbeit mit zwei anderen Männern aber, einen Moment der Unachtsamkeit der Türblockierer auszunutzen. Innerhalb weniger Augenblicke kamen auf diesem Wege noch ca. 10 bis 15 Leute in den Wagen, die nun ihrerseits wieder versuchten, sich dem Strom von weiteren Fahrgästen zu erwehren. Dies gelang und erfreulicherweise fuhr der Zug doch trotz dieser Verhältnisse relativ pünktlich los. Gegen 5.00 Uhr war ich am Flughafen Berlin-Schönefeld und wohl gegen 6.30 endlich „im Westen".

Die einzelnen Erlebnisse dieses Tages und der weiteren Besuche im Westteil Berlins zu schildern, zu schildern, fällt nicht leicht. Sie waren natürlich geprägt von der Bewunderung des großen Warenangebotes. Aber auch ein Ausflug zum Wannsee stand gleich beim ersten Mal auf dem Programm. Zudem imponierte mir das Aussehen vieler schön renovierter Hausfassaden. Um so schwerer fiel die Rückkehr in die graue Wirklichkeit der DDR, in die zerfallenden Altstädte und die trostlos wirkenden Neubaugebiete.

Sehr verärgert hat mich damals eine Äußerung von Stefan Heym, nur wenige Tage nach der Maueröffnung. Freunde hatten mich lange vor dem Herbst 1989 auf regimekritische Äußerungen des Schriftstellers hingewiesen und ein Klassenkamerad hatte mir seinen Roman „Schwarzenberg" geliehen, den ich förmlich verschlang. Um so mehr entsetzte mich nun, als ich las, wie sich Heym in dieser Situation über seine eigenen Landsleute äußerte. In einem SED-Blatt äußerte er, dass sie auf ihren West-Trips in erster Linie nur eines im Sinn hätten: im „Billig-Tineff" von Karstadt und Hertie zu wühlen! Mir kam dies regelrecht menschenverachtend vor.

Als ich Ende Dezember 1989 zum ersten Mal Verwandte in Bayern besuchte, kam das Gespräch natürlich auch auf die jüngsten Ereignisse. Dabei stellte sich heraus, dass unsere West-Verwandten zwar auch den Mauerfall und die freien Reisemöglichkeiten begrüßten, jedoch die sozialistische Gesellschaft weiterhin für als Option betrachteten und die DDR grundsätzlich für sanierungsfähig hielten. Ich teilte diese Meinung überhaupt nicht und wunderte mich darüber, dass sie - die doch häufiger in der DDR gewesen waren und die dortigen Zustände gut kannten - zu solchen Beurteilungen gelangten. Zwar wusste ich selbst nicht, was nun kommen sollte, aber von einer sozialistischen Gesellschaft hatte ich die Nase voll.


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