Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Franzisca Müller: Kerzen

Ein Montag im Oktober 1989

Immer wenn ich eine brennende Kerze sehe, muss ich an meine frühe Kindheit denken. Ich war im Oktober 1989
3 1/2 Jahre alt und hatte die Grippe. Montagabend bin ich mit meiner Omi zur Kinderärztin in Leipzig mit der Straßenbahn gefahren und wurde behandelt.
Auf der Heimfahrt kamen wir bis zum Karl-Marx-Platz, jetzt Augustusplatz, und alle Straßenbahnen blieben davor stehen. Der Platz war voller Menschen, die ziemlich viel durcheinander riefen und öfter stehen blieben. Meine Oma versuchte mit mir, in Richtung Hauptbahnhof zu laufen, da wir glaubten, dass die Bahnen dann weiterfahren würden. Wir wurden mit sehr vielen Menschen auch bis zum Bahnhof gelassen und mussten in die
Osthalle des Bahnhofs gehen. Es gab kein vorwärts oder zurück mehr. Die großen Eingangstüren wurden geschlossen und auch die vielen ankommenden Reisenden kamen nicht mehr raus. Es war, wie meine Oma öfter erzählt, ein sehr bedrückendes, ängstliches Rumoren. Keiner wusste genau was los war und was noch passieren sollte. Vor dem Bahnhof Polizei, Hunde, Armee, Wasserwerfer und laute Mikrofone. Die Luft kochte förmlich, alle hatten große Angst, dass gleich etwas Ungeheuerliches geschehen würde. Nachdem sich Omi mit mehreren Leuten unterhalten hatte, erfuhren wir, dass eine große Demonstration im Gang war, die gegen die DDR gerichtet und die Sicherheitskräfte Schießbefehl hatten.
Die Luft in der großen Halle war fast am Kochen. Nach einiger Zeit gingen die Türen des Hauptbahnhofes auf und ich bekam von einem Jungen eine brennende Kerze in die Hand gedrückt. Erst hatte ich Angst, aber die Kerze war so schön warm und viele, viele Menschen hatten ebensolche Kerzen in den Händen. Es war auf einmal ganz ruhig auf dem Bahnhofsvorplatz. Ein lautloses marschieren der Menschen und Kerzen, Kerzen, Kerzen.
Die Polizei, die Hundestaffeln und die Panzerwagen mit den Mannschaften zogen ab und wir konnten ohne Angst nach Hause gehen. Ich weiß nur noch, dass ich sehr lange die warme Kerze in der Hand hatte und um mich herum alles ganz friedlich war.
Omi sagt:
SO GEHT ES ZU BEI EINER FRIEDLICHEN REVOLUTION - WIR BRAUCHEN KEINE KRIEGE ! ! !

Mein Aufsatz: KERZEN
2000 Franzisca Müller, Leibnizgymnasium, Leipzig.


leerbild04