Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Heike Tiede: Wegen der Liebe bespitzelt

Für mich war der Mauerfall eine besondere Art von Familienzusammenführung.

Ich war noch unter DDR-Zeiten mit einem Belgier verheiratet gewesen. Wir hatten den weniger üblichen Weg gewählt und mein Ex-Mann war einer der Westler, welche in die DDR kamen. Dies stoß bei vielen und nicht nur den Stasi-Leuten auf Unverständnis. Aber ich konnte ganz einfach nicht in ein fremdes, unbekanntes Land ziehen ohne es vorher gesehen zu haben und ich hatte mein Studium zu beenden. Durch die Möglichkeit des Zusatzstudiums (Vereinbarung zwischen Belgien und der DDR) konnte mein Ex-Mann sich ein Bild von der DDR machen. Die ganze Prozedur dauerte mit dem Heiratsantrag sehr lange und mein damaliger Mann musste zu einem Stasi-Verhör, um die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. "Liebe ist verdächtig" und die Angst vor Spionen war groß. Wir hatten vor der Antragsstellung mit anderen Ausländern (Belgier, Franzosen) gesprochen und kamen durch die inzwischen eingetretene Lockerung relativ glimpflich weg. In den 60igern mussten die "Kandidaten" für mehrere Wochen in ein Stasilager mit täglichem Verhör. Dieses Stasi-Verhör war psychologisch eine sehr harte Prüfung und wir haben es aus den Erfahrungen der anderen heraus vorbereitet. Wir erfuhren von unseren Kontakten auch über andere Fallen, die es zu beachten galt. Einer der Belgier, mit dem wir gesprochen hatten, hatte den Fehler begangen, die DDR-Staatsangehörigkeit anzunehmen und bekam nicht einmal die Ausreisegenehmigung zur Beerdigung seiner Mutter.

Ich konnte zwar nach Belgien reisen, aber meine Familie unterlag dem üblichen Vorgang, d.h. nur meine Mutter war bei der "belgischen" Hochzeit dabei und musste auf dem Antrag "ihre Tochter besuchen, die sich besuchsweise zwecks Heirat in Belgien aufhält" unterschreiben. Sie hatte zuerst logischerweise als zu besuchende Person meine Schwiegerfamilie angegeben und wurde durch den Beamten - einem ehemaligen Patienten von ihr- auf diesen Trick für den Erhalt der Reisegenehmigung hingewiesen. Meine belgische Schwiegerfamilie konnte alters- bzw. berufsbedingt ebenfalls teilweise nicht einreisen. So fand der erste Besuch der belgischen Familie unter besonderen Umständen statt. Da mein Ex-Schwiegervater Offizier war, musste er in Westberlin bleiben, während der Rest der Familie mich in Ostberlin besuchte.Er konnte also die Frau seines Sohnes erst nach der zivilen Hochzeit bei unserem ersten Belgienaufenthalt treffen.

So waren die großen Familienfeste immer nur mit Teilen der Familie und geteilt wie unser Land. Kurz vor dem Mauerfall stellte meine Familie einen Reiseantrag für die gesamte Familie. Es kam die Antwort: " Da können Sie noch 10 Jahre warten". Einen Monat später fiel die Mauer. Wir fuhren mit der gesamten Mannschaft nach Belgien und dort kam es zu einer riesengroßen Feier mit Verwandten und Freunden - ein wahres Dorffest.

Bei der berühmten, den Mauerfall auslösenden Rede, verstand ich es erst so, dass man jetzt ohne Anlass, ohne Wortspiele und Verwandtschaftsgrad reisen konnte, aber trotzdem noch ein Visa braucht. Mich überraschte der Mauerfall vor dem Fernseher. Wir saßen fast den ganzen Tag vor dem Fernseher und verfolgten dieses unfassbare Schauspiel. Da sagten wir uns, wir müssen hin und es leibhaftig sehen, um es zu glauben. In Berlin mussten mein Mann und ich aber noch zwei verschiedene Grenzübergänge verwenden.

Wir haben natürlich sofort die Einsicht in unsere Stasiakten beantragt. Es dauerte ungefähr 1,5 Jahre bis diese in dem Aktenberg gefunden wurden. Meine war vernichtet worden, aber die meines Ex-Mannes konnten wir lesen. Da wir von Anfang an wussten, dass wir bespitzelt wurden, überraschte uns der Inhalt nicht, eher die persönliche Interpretation unseres Überwachers und die Code-Namen: Der Gärtner überwachte die Tulpe (mein Mann - Benelux) und die Nelke (ich- DDR). Sie zeugte von einer humorvollen Logik trotz der traurigen Umstände. Der Inhalt bewies, dass es ein/e Nachbar/in oder eine andere nahe stehende Person gewesen sein musste, ohne das ein besonderes Ereignis uns den Namen verriet. Wir waren ja nur Verliebte und weder Spione noch Oppositionelle im üblichen Sinne. Deshalb fand man auch nur alltägliches zu erzählen. Der Film "Das Leben der Anderen", welcher auch hier in Belgien gezeigt wurde, berührte mich daher besonders.

Durch dieses starke Bewußtsein der Überwachung bekamen wir zwar Ereignisse wie die Montagsdemonstrationen in Leipzig, wo wir wohnten, mit, nahmen aber aus diesem Grunde nicht persönlich daran teil. Wir sahen die mit Polizeiwagen und -hunden umzingelten Viertel und verfolgten die Ereignisse so nah wie möglich.

Für mich war der Mauerfall nicht nur die Vereinigung eines Landes, sondern gleichzeitig die Öffnung ganz Europa gegenüber.


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Bildmaterial mit freundlicher Unterstützung von Matthias Erler