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Teil 1
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Ich gehörte zum Einkaufskollektiv des Großhandels Neustrelitz. Zweimal im Jahr fuhren wir zur Einkaufsmesse nach Leipzig. So auch am 10. Oktober 1989. Gegen 16 Uhr kamen wir auf dem Bahnhof an und wurden von der Abteilungsleiterin des Großhandels empfangen mit den Worten „wir möchten unbedingt in die Quartiere fahren, es bestünde Schießbefehl". Wir fielen aus allen Wolken und fuhren in die Unterkünfte. Ich erinnere mich, es war in der Otto - Nutschke - Straße, Privatunterkunft. Wir waren zwei Frauen, ich aus Friedland und die andere Kollegin aus Neubrandenburg.
Wir hielten uns nicht an das Verbot und fuhren ein Stück mit der Straßenbahn und dann ging nichts mehr. Wir bekamen Panik, als wir das Polizeiaufgebot mit Hunden und Schutzschildern sahen. Wir konnten nicht zurück und mussten mit. Am Bahnhof angekommen, da mußte eine Brücke gewesen sein. Ich dachte, die bräche jeden Moment zusammen, so viele Menschen waren da. Auch wir riefen „Wir sind das Volk". Am Gewandhaus vorbei, erhofften wir uns Kurt Masur zu sehen, aber an dem Tag hat er nicht gesprochen. Außerhalb von Leipzig lösten sich dann die Menschenmassen auf und wir landeten in, ich glaube es hieß Grünau. Dort gingen wir in eine Nachtvorstellung in ein Kino. Es spielte der Film „Dirty Dancing". Ich hatte furchtbare Angst, dass ich was verbotenes getan habe, aber meine Kollegin aus Neubrandenburg nicht. Nach Beendigung der Vorstellung mussten wir ja wieder in die Otto - Nutschke - Straße. Wir liefen stundenlang durch die Nacht. Ich glaubte nicht mehr daran, dass wir ankommen. Auf einmal war da eine Armeekaserne. Dort fragten wir den Wachposten und er erklärte uns es ziemlich gut, wie wir die Straße finden. Gegen 4 Uhr in der Früh waren wir angekommen und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Übermüdet kamen wir im Messehaus an und an eine kontinuierliche Arbeit war nicht zu denken. Unseren nächtlichen Ausflug haben wir unseren Vorgesetzten nie erzählt. Wir hatten große Angst.
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 Bildmaterial mit freundlicher Unterstützung von Matthias Erler
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