Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Dietmar Passenheim: Demo Gedanken

In meinem kleinen Werbebüro, mitten in der City, über Leipzigs größtem Kino, dem Capitol, im traditionsreichen alten Messehaus Petershof des VEB Kombinat Musikinstrumente Plauen, diskutieren wir - wie überall in der Republik - seit Wochen hitzig über die möglichen Folgen eines Volksaufstandes und über die Perspektiven unseres in Stagnation befindlichen DDR Staates. Alle wissen von den Ereignissen der Aufstände am 17. Juni 1953 in der DDR, in Ungarn und in der CSSR, die blutig endeten. Die Internierungslager in und um Leipzig sind bekannt, auch ihre enormen Erweiterungen. Aber kann man ein ganzes Volk, das friedlich demonstriert, einfach einsperren? Wir werden immer mehr: Würdenträger der Kirche und viele Prominente stehen zu uns. Montag zu Montag steigt die Zahl der Demonstranten. Flugblätter, die uns von einer Teilnahme an den Demonstrationen abraten, ignorieren wir. Aber die Angst vor Gewalt durch Provokateure, die Anlass zum Einsatz der Polizei, der Armee und der Kampfgruppen, geben kann, ist sehr groß. Eine Beruhigung ist, dass noch kein russisches Militär zu sehen ist, doch die haben ja überall in Leipzig Kasernen und sind schnell einsatzbereit. „Glasnost" und die vielen glänzenden Gorbatschow-Abzeichen auf unseren Kleidungsstücken und der Gorbie Spruch: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!" stärken unseren Mut und unser Selbstvertrauen. Von den Straßenseiten aus filmen TV-Teams aus aller Welt unsere Demos. Auch sie vermitteln eine gewisse Sicherheit, denn sie werden alles dokumentieren.

Gibt es vielleicht doch eine friedliche Lösung? Und wie könnte sie aussehen? Wie kann unser Staat reformiert werden? Parteiarroganz, Schönfärberei, Parasitismus, Korruption, volksfremde Politik, Meinungs- und Reiseverbot haben unseren Staat ruiniert. Ein Kribbeln zieht über meine Haut und der Herzschlag ist zu hören, wenn wir durch den Leipziger Innenring ziehen und unsere machtvollen Rufe zu hören sind. „Stasi in die Volkswirtschaft!" und „Wir sind das Volk!"

In letzter Zeit ertönen aber plötzlich auch die Rufe „Deutschland einig Vaterland!" und Deutschlandfahnen werden geschwenkt. Gehen unsere Wünsche über eine Reform hinaus? Aber wie soll das funktionieren? Wie soll und kann eine Wiedervereinigung möglich sein? Zurück in eine kapitalistische Gesellschaftsordnung, geht das gut? Was sagen Moskau, London und der Warschauer Pakt und wie denken alle anderen Völker über ein wiedervereinigtes, starkes Deutschland?


07. Oktober 1989

Am Morgen des 7.Oktober 1989 bereitet sich die Leipziger City auf einen ganz besonderen Tag vor, der zum Tag der deutschen Entscheidung werden wird. Heute will ich nach Berlin. Mit einem Freund habe ich lange überlegt, ob wir heute diese Reise wagen sollen und vor allem, ob wir überhaupt nach Berlin fahren dürfen. Noch am späten Abend haben wir miteinander telefoniert. Wir rechnen damit, dass die Straßen in die Hauptstadt blockiert und die Grenzübergänge zu Westberlin geschlossen werden können. Dennoch sind wir Optimisten und machen uns auf den Weg zum Hauptbahnhof. In den Leipziger Nebenstraßen patrouillieren Sicherheitskräfte in Uniform und in Zivil. Die Staatsmacht zeigt Präsenz.
Heute ist der 40. Jahrestag der DDR, ein besonderer Jubeltag. In allen Teilen der Republik demonstrieren die Bürger, staatlich organisiert. In den letzten Jahren nahm ihre Zahl beständig ab, obwohl viele Betriebe und Institutionen diese Pflichtdemonstrationen der Partei und Staatsführung unterstützen und kontrollieren. Mit Stadtfesten, Bratwurst und Freibier nach der Demo lockt man die Menschen auf die Straße. Heute erwartet man aber auch unerwünschte und nicht genehmigte Kundgebungen, die als konterrevolutionär eingestuft werden - wie sie schon seit Wochen stattfinden. Die letzten Demos, besonders in Leipzig und Berlin, haben den Zenit erreicht. Viele Demonstranten sind sich sicher, dass die Staatsmacht nicht mehr lange zuschauen wird. Dann gibt es ein Problem.
Ich führe eine weltweite Korrespondenz. Seit vielen Jahren stehe ich in Kontakt mit über 70 Brieffreunden auf allen Kontinenten. Am Grenzübergang Friedrichstraße möchte ich meine Brieffreundin Renate aus Wien treffen, die mit ihrem Mann zu einem Ärztekongress in Westberlin ist. Es soll unsere erste Begegnung werden, wir freuen uns beide sehr darauf. Touristen aus dem Ausland erhalten in Westberlin problemlos einen Tagespassierschein nach Ostberlin. Ich habe schon viele meiner Brieffreunde in Berlin getroffen.

Wir sind auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Auf dem Querbahnsteig werden wir argwöhnisch beobachtet, aber nicht angesprochen. Unser Ziel: Berlin, die Hauptstadt der DDR. Wir erreichen Berlin ohne Schwierigkeiten. Nun fühlen wir uns ruhiger und sind zuversichtlicher. In Berlin spürt man, genau wie zu Hause in Leipzig, die äußerst angespannte politische Situation zwischen obligatorischem Feiertagsjubel und möglichem Terror. Die Menschen wirken sehr verschlossen und schauen sich verstohlen, unauffällig und wachsam um, während sie ihren Beschäftigungen nachgehen.

Mit der S-Bahn fahren wir in die City, wir sehen Panzer, Polizei und Kampfgruppen, die sich formieren, aber auch hier sind keine russischen Streitkräfte präsent. Am Grenzübergang Friedrichstraße herrscht normales Treiben. Bis zum vereinbarten Treffen bleibt noch viel Zeit und ich lade meinen Freund in ein Cafe ein, am Ende der Friedrichstraße, nicht weit von der Mauer. Ich mag dieses Cafe. Ich war schon oft hier, Freunde wohnen in der Nähe und an Silvester haben wir uns unter den hilflosen Blicken der Grenzer mit Westberlinern zugejubelt.

Wir sind männlich, jung, ohne Gepäck und passen ideal in das Raster des Strafgesetzbuchs der DDR §213 „Verdächtige Personen, die die Republik unerlaubt verlassen möchten." Am heutigen 40. Republikgeburtstag und in Berlin, ist die Angst vor Grenzprovokationen besonders groß. Ich bemerke, dass wir von einem Wachturm aus sehr aufmerksam von einem Grenzsoldaten durch einen Feldstecher beobachtet werden. Nachdem er uns den ganzen langen Weg auf der Friedrichstraße nicht aus den Augen lässt, winke ich ihm lachend zu. Mein Freund versinkt vor Angst fast in den Erdboden und weist mich scharf darauf hin, dass ich uns beide in große Gefahr bringe, wenn ich weiterhin provoziere. Ich bin mir der Situation bewusst und sage beruhigend: „Ich habe gerade einer Bekannten gewunken, die im Auto an uns vorbei fuhr." Natürlich glaubt er mir kein Wort. In Höhe des Grenzübergangs Friedrichstraße warten wir ca. 2 Stunden vergebens auf meine Brieffreundin und fallen dort wieder auf. Einen Grenzer zu fragen, das würde einer Selbstanzeige gleichkommen und unsere Observation auslösen. Plötzlich spricht mich ein Mann mittleren Alters im tadellosen Anzug an und fragt, ob er mir weiterhelfen kann. Ich antworte: „Ich warte schon 2 Stunden auf meine Tante aus Westberlin und mache mir Sorgen. Kann es sein, dass der Grenzübergang geschlossen ist?" Freundlich erwidert er: „Ja, aus Gründen der Sicherheit vor Provokationen aus Anlass der heutigen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag unseres Staates, ist der Übergang geschlossen." Ich bedanke mich artig. Toll, damit sind Fahrt und Wartezeit umsonst. Meine Brieffreundin hatte keine Gelegenheit mir das mitzuteilen und als DDR Bürger muss ich offiziell darüber nicht informiert werden. Wir fahren zurück in die City. Im Einkaufzentrum Alexanderplatz kaufen wir - ohne Warteschlange - wenigstens noch Südfrüchte ein.
Am Abend kommen wir wieder in Leipzig an. Schon auf dem Querbahnsteig versperrt uns eine Reihe grimmig aussehender Kampgruppen, Kämpfer in Uniform und Kalaschnikow im Anschlag, den Weg. Ein Kommandant fragt uns streng, wohin wir wollen. Wir und andere Fahrgäste sagen sehr erregt und empört: „Das sehen Sie ja, wenn wir vom Zug kommen." Man informiert uns streng, dass alle Haupteingänge des Hauptbahnhofes aus Sicherheitsgründen gesperrt sind. Wie Schwerverbrecher werden wir zu einem Seitenausgang eskortiert und mit Nachdruck aufgefordert, die City sofort zu verlassen. Nun hören wir schon die uns bekannten Rufe der Leipziger Demonstranten. „Wir sind das Volk!" Natürlich, und jetzt erst recht, reihen wir uns ein.

Meine Tage als Leiter des Messebüros sind gezählt, ich habe zum 31.12.1989 gekündigt. Seit Jahren ackere ich auf den Leipziger Messen. Eine Mitarbeiterin wurde mir oft versprochen, aber aus Kostengründen nie gewährt. Man spart, wie oft, an der falschen Stelle. Niemand kann mich umstimmen, genau wie damals, als ich demonstrativ meinen Austritt aus der SED durchgeboxt habe. Meiner Leitungsfunktion hat das nicht geschadet, aber ohne diese Mitgliedschaft hätte ich sie niemals erreichen können. Als 19 Jähriger bin ich stolz und selbstbewusst, ohne jeden Druck und aus fester Überzeugung, zu einer besseren und international gerechteren Welt beizutragen, in die Partei eingetreten. Aus tiefer Enttäuschung erfolgt mein Austritt. Ich habe während meiner Mitgliedschaft immer ehrlich, aufgeschlossen und statutgemäß gehandelt und wurde dafür streng gemaßregelt und oft ungerecht behandelt. Die Wahrheit wollte Niemand wissen und die Partei hatte immer Recht. Die führenden Funktionäre bilden ihre eigene Welt, in der sie überdurchschnittlich leben, Wasser predigen und Wein trinken, sich persönlich bereichern und den Kontakt zum Volk völlig aus den Augen verlieren. Nein, danke.


November 1989

Ich fahre zum 3. Tauschtreff des privaten Vereins „Taschenkalendersammler der DDR", dessen Mitbegründer und Organisator ich bin. Der Kulturbund der DDR hat unser Hobby nicht anerkannt, da es ungewöhnlich ist und nicht dem gesellschaftlichen Interesse dient. Doch wir haben nicht aufgegeben und uns privat organisiert. Der Jugendherbergsvater in Grethen, bei Leipzig, bringt Verständnis auf und hilft uns. Einmal im Jahr treffen wir uns, ca. 80 Sammler aus der ganzen DDR, sowie aus der UdSSR, für 3 Tage zum Taschenkalendertausch. Die republikweite Zeitung „Junge Welt" unterstützt uns, indem sie immer vor dem Treffen meinen Leserbrief veröffentlicht und auf unser „kurioses" Hobby hinweist. Auch die „Leipziger Volkszeitung" zu der ich als ehrenamtlicher Volkskorrespondent gute private Kontakte habe, berichtet über uns. Im Schutz der Jugendherberge treffen wir uns, obwohl „unangemeldete und nicht genehmigte Ansammlungen von Personen" in der DDR unerlaubt und damit strafbar sind. Wie immer unterliegen wir wieder den strengen Auflagen „keine Kalender vor 1945 zu tauschen, zu kaufen oder zu verkaufen und keine politischen Gespräche zu führen." Damit wir uns daran halten, erwarten wir auch dieses Mal „ungebetene" Gäste.
Noch vor der Fahrt zum Tauschtreffen überschlagen sich die Ereignisse und Nachrichten. Unser Land brodelt. Ich nehme ein Kofferradio mit, um unterwegs informiert zu sein.
Am Samstag befinden wir uns im Tauschfieber. Ein freundlicher Herr in Schlips und Kragen sitzt plötzlich unter der großen Schar unserer Taschenkalendersammler. Die Anmeldung hat er übersehen und gegrüßt hat er nicht. Meine Frage, wer er sei und ob er sich bitte anmelden würde, beantwortet er mit: „Wir sind nur zufällig hier und gehen bald wieder. Meine Tochter wollte gern mal reinschauen." Lächelnd wünsche ich beiden viel Spaß. Die Tochter ist ca. 8 Jahre alt und hat eine kleine Pappschachtel mit etwa 30 Kalendern vor sich stehen, mit denen sie offenkundig nichts anzufangen weiß, die Stimmung fasziniert sie. Sie sitzt allein am Tisch, während der Papa sich überall umschaut. Sie tut mir leid, ich spreche sie an, sie senkt ihren Blick und schweigt. Nach ca. 2 Stunden sind beide wieder unauffällig verschwunden. Wir sind wieder unter uns. Auf dem Bildschirm sehen wir am Abend mit gemischten Gefühlen den Fall der Berliner Mauer. Wir feiern und nennen uns ab sofort „IG Taschenkalendersammler Deutschland". Viele Sammler fahren noch in der Nacht, direkt vom Tauschtreff nach Berlin.
Am folgenden Tag stehe ich stundenlang an meiner Leipziger Polizeimeldestelle, um einen Vísumstempel in meinen Reisepass zu erhalten. Am Montagmorgen, 2 Tage nach dem Mauerfall, fahre ich mit meinen 2 Kindern mit dem Zug nach Westberlin. Zu unserem Erstaunen ist er nicht überfüllt.

Wenige Tage später bricht das Chaos aus und die Deutsche Reichsbahn ist völlig überfordert. Nun glauben die Menschen, dass Westberlin für jeden Bürger erreichbar ist. Vom Flughafen Schönefeld bringen uns Gratisbusse nach Westberlin. Wir trinken gemeinsam die erste Coca Cola und besuchen McDonald. Endlich zeige ich meinen Kindern den anderen Teil von Berlin, den ich selbst ein Jahr zuvor für zehn Tage ganz allein, besuchsweise bei einer angeblichen Tante, erkundet habe. (Ein Jahr zuvor war ich bei angeblichen Verwandten (Freunden) in Backnang, bei Stuttgart.)
In einem Westberliner Rathaus erhielt ich völlig überraschend, ein konkretes Angebot zu bleiben, für Job und Wohnung war gesorgt. Ich wollte meine Frau und Kinder nicht allein verlassen und damit den Schikanen der Stasi ausliefern. Ich war überzeugt, im Westen arbeiten und gut leben zu können. Ich sah nie nur Geld, Reisefreiheit und Glitzer, sondern auch die Kehrseite der Konsumgesellschaft, das Wohlstandsdenken, die Arbeitslosen, die Straßenkinder und die Bettler.

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