Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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BM Wolfgang Tiefensee
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H. Riedel: Mein wichtigster Novembertag

Der 09. November im Jahre 1989 wird mir aus einem ganz persönlichen Grund immer in Erinnerung bleiben - unsere G. und ihrer Tochter A. wollen uns für immer verlassen. Beide reisen an diesem Tag in die Deutsche Bundesrepublik aus.
Es ist noch früh am Morgen des 9. November. Regen klatscht laut gegen die Fensterscheiben. Ich liege bereits wach im Bett, als der Wecker klingelt, es ist 4.00 Uhr. Ich stehe schnell auf, dusche, ziehe mich an. Dann decke ich den Frühstückstisch. Unterdessen kommt G., ebenfalls schon hellwach, aus dem Zimmer, ihre A. trabt noch völlig verschlafen hinterher.

Aufgeregt sind wir alle und bekommen kaum einen Bissen hinunter. Der Vati hat sich unterdessen auch hinzugesellt. Heute ist es nun soweit! Wir wollen G. und A. an die tschechisch-deutsche Grenze (BRD) bringen. Mit R. N., einem ehemaligen Arbeitskollegen von G., war telefonisch vereinbart worden, dass er G. und ihre Tochter dort abholen wird. Er will sie mit zu sich nach München nehmen.
Unser Auto, den alter Wartburg, haben wir am Vorabend bereits mit Kartons, Taschen, Säcken, Puppenwagen und Schlitten sowie A. Schulranzen voll gepackt. Heute nun, es ist inzwischen 5.00 Uhr geworden, heißt es für unsere Tochter und Enkelin von Dresden für immer Abschied zu nehmen.

Die Autofahrt verläuft relativ ruhig. Doch, so glaube ich, die Nerven liegen bei uns allen blank. In Freiberg gießt es noch in Strömen. Annaberg ist wegen des dichten Nebels fast nicht zu erkennen. Dann, als wir Oberwiesenthal erreichen, hat sich der Nebel gelichtet. Es geht weiter in Richtung deutsch(DDR)-tschechische Grenzstation. Unsere Herzen pochen nicht nur, als wir die Grenze erreichen, sie springen fast aus unseren Körpern.

Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Wie werden sich die Grenzsoldaten uns gegenüber verhalten? Was sollen wir sagen, wenn sie uns fragen, wo wir hinfahren? Es sind keine Schulferien und so konnte im Vorfeld auch kein Urlaub angegeben werden. A. haben wir am Morgen noch ermahnt, sich während der Kontrolle schlafend zu stellen, damit sie nicht nach unserem Ziel befragt werden kann. Ich habe verschiedene Dokumente am Körper für unseren Sohn R. Er war bereits im August mit seiner Freundin I. über Ungarn in den Westen geflüchtet. Wir wissen, dass sie zurzeit in Gutach in einer Übergangsunterkunft leben. Zwei Tage vorher war diese Grenze hier noch undurchlässig, und nun ist sie offen. Das erstaunt uns etwas. Die Soldaten zeigen sich wider Erwarten von einer höflichen, humanen Seite. Sie lassen uns ohne Durchsuchung des Autos und unserer Gepäckstücke die Grenze passieren!

Die Steine, die jetzt von unseren Herzen fallen, sind sicher so groß wie mancher Felsbrocken der Sächsischen Schweiz. Ich fühle mich im Augenblick sehr erleichtert.
Jetzt führt uns der Weg durch Dörfer in der Tschechisch-Slowakischen Republik bis zur Grenzstation in der Bundesrepublik. Und wieder arbeitet es in mir. Wieder stelle ich mir „tausend“ Fragen: Wird der Freund von G. auch pünktlich sein? Was wird, wenn er von Waidhaus nicht einreisen darf? Wie wird es mit dem Umpacken des Autos klappen? Was wird mit A.? Sie ist 8 Jahre alt und muss sich nun auch in einer anderen Welt zurechtfinden. Wird sie in der Schule von den Klassenkameraden akzeptiert werden? Sie gehörte in Dresden zu den Klassenbesten. Wird sie auch drüben den Anschluss schaffen und zu den Besten gehören? Muss A. zur Schule mit der S-Bahn fahren oder eine stark frequentierte Straße queren? Ob G. für ihre Tochter einen bezahlten Hortplatz bekommt? Wird sie selbst gleich eine Arbeit finden? Sie müssen sich um eine größere Wohnung bemühen, denn vorerst leben sie zu Dritt in einer Einraumwohnung in München-Giesing. Und wieder keimt die Urfrage auf: „Warum will G. mit ihrer A. weg?“ Die beiden leben hier allein, besitzen eine schöne Wohnung. G. hatte sich einen Freundeskreis geschaffen und sich dem Klettern in der Sächsischen Schweiz zugewandt. Dort hinaus ging es fast jedes Wochenende.

Es ist wohl die Freiheit, die besonders die jungen Menschen in den Bergen und in der Natur suchen und auch finden. Sie fühlen sich nicht wohl in der DDR, fühlen sich eingesperrt, bevormundet und von der Regierung belogen. Auch ich habe in letzter Zeit feststellen können, dass Unzulänglichkeiten im Land nicht mehr hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen werden. Es gärt beträchtlich im Volk. Wer über die Jahre das Westfernsehen schauen konnte, der nahm den Überfluss in der BRD wahr, auch die Reisefreiheit der dortigen Bürger. Vielleicht ist es die gewisse Leichtigkeit des Lebens, die für die jungen Leute die Erfüllung ihrer Träume bedeutet. Trotzdem erfuhr ich in Gesprächen mit Freunden der Kinder sowie im Bekanntenkreis, dass sich ein Teil der Ausreisewilligen mit manchen Ungereimtheiten in der Bundesrepublik auseinandersetzten und erkannten, dass eben auch im westlichen Teil nicht alles Gold ist, was glänzt.
Hier in Dresden fanden – wie schon länger in Leipzig und anderen Städten – die Montagsdemonstrationen statt. Menschen über Menschen gingen auf die Straße mit dem Ruf „Wir sind das Volk“, aber auch immer mit tausend Ängsten und der bangen Frage„was wird passieren?“

Am Vorabend des 4. Oktober wurden Demonstranten von Polizisten regelrecht vom Vorplatz des Hauptbahnhofs in die Bernhardtstraße getrieben. Es war ein lautes Trappeln und Rufen zu hören sowie ein geräuschvolles Klopfen auf Schutzschilder. Am nächsten Morgen sah ich den demolierten Bahnhof mit zerbrochenen Fensterscheiben, Müll und Polizei, die die Ausweise der Fußgänger kontrollierte. Es roch nach verbranntem Pulver, und eine gespenstische Stille überfiel mich. Ich erlebte eine fürchterliche, Angst machende und unheimliche Szenerie. Sie machte mich sprachlos, wütend, entsetzt und traurig. Meine Tränen konnte ich nicht in der Straßenbahn bis zu meiner Arbeitsstelle Anton-Gaff-Straße unterdrücken. Dieses Geschehnis zeigte deutlich die Gewaltbereitschaft der Regierenden gegenüber dem Volk. Danach wurde mir klar: wir leben in einem Prozess des Umbruchs, der Erneuerung – dessen Verlauf und Ausgang niemand wissen kann.

Draußen nieselt es noch immer. Die Straßen sind schlecht befahrbar. Unaufhaltsam nähern wir uns dem Zielort. Unsere Nervosität steigt von Minute zu Minute. Endlich erreichen wir die tschechische-westdeutsche Grenze. In dem kleinen Gasthaus bestellen wir Tee, aber eigentlich weiß keiner von uns so genau, was er eigentlich trinkt. Ich habe ein Gefühl, als ob alles in mir zerreißt. Selbst die sonst so fröhliche A. merkt diese enorme Anspannung und wird zunehmend still. Und – plötzlich steht R. N. in der Gaststubentür. Wir begrüßen uns, ohne viele Worte zu verlieren. G. atmet sicher auf, denn nun weiß sie, dass für sie und ihre A. der erste Schritt in eine andere, neue Welt beginnen kann. Für eine lange Abschiedszeremonie finden wir keine Zeit. Schnell packen wir alle Sachen aus unserem Auto in den VW-Bus. Eine letzte Umarmung, dann heißt es „Tschüss“ und „Auf Wiedersehn!“ Noch ein kurzer Augenblick, dann ist der Bus im Nebel verschwunden.

Für mich ist das wie ein Abschied ohne ein Wiedersehen! Endlich kann ich meinen Tränen freien Lauf lassen. Langsam weicht der Druck von meiner Brust. Die Rückfahrt nach Hause verläuft eigenartig. Ich kann kein Wort sprechen. Alle Gefühle in mir scheinen abgestorben zu sein. Plötzlich suggeriert mir mein Verstand: Du sitzt im Kino und alles Geschehen ist nur ein Film! Doch, ich schaue durch die Scheiben und sehe, wie draußen die Landschaft vorüberzieht. Das alles war kein Film, denn ich sitze im Auto neben meinem Mann auf der Heimfahrt nach Dresden. Aber ich mache mir Sorgen um G. und A. Das darf man als Mutter doch? Dieses „nichts-tun-können“, wenn Hilfe vielleicht dringend gebraucht würde! G. hatte hier in der Volkshochschule einen zweijährigen Lahrgang mit dem Abschluss Bürokauffrau absolviert. Sie konnte während dieser Abendstunden in aller Ruhe noch einmal die Schulbank drücken, denn sie wusste ihr Töchterchen in der Obhut der Oma. Wie soll das in Bayern gehen, wenn eventuell noch eine zusätzliche Weiterbildung notwendig wird? A. wäre dann allein – nicht auszudenken!

Die tschechisch-deutsche Grenze in Oberwiesenthal passieren wir erneut problemlos, und gegen 18.00 Uhr sind wir wieder in Dresden. Ich, noch immer fix und fertig, kann mich einfach nicht beruhigen. In der Wohnung angekommen, decke ich wie im Trance den Tisch für das Abendbrot. Doch essen kann ich nichts. Ich brauche Ruhe, will meinen Schmerz und meinen Kummer allein bewältigen. Radio und Fernseher bleiben stumm.
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Plötzlich klingelt es an unserer Tür. Diese Störung kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Wer mag das wohl sein? S., der Sohn meiner Freundin E:, steht draußen. Er studiert hier in Dresden. Zwei unserer Kinder sind fast im gleichen Alter wie er. Auch sein Kontakt zu uns ist recht gut. So lasse ich S. in die Wohnung. Er merkt aber schon, dass ich anders bin als sonst, nicht so aufgeschlossen und nicht an seinem Studium, seinen Plänen und seinem Studentenalltag interessiert. Tränen rinnen über meine Wangen. In der Wohnung ist es recht, ja fast unheimlich still. Ganz aufgeregt bricht es plötzlich aus ihm hervor: „Habt ihr schon gehört, dass die Grenzen zum Westen offen sind? Die Ostberliner können in den Westteil, ohne Genehmigung oder Antragstellung. Das kam vorhin im Radio und im Fernsehen!“ Ich höre dies zwar, nehme aber diese auch für mich bedeutende Aussage nicht wirklich wahr. Meine Gedanken weilen noch immer bei G. Werden sie alle Drei gut in München angekommen sein?

S. erzähle ich nun in wenigen Worten von diesem für mich so gravierenden Tagesereignis. Er will uns eine grandiose Nachricht überbringen und erlebt tiefe Traurigkeit.
So verabschiedet er sich dann bald, um „draußen“ Näheres zu erfahren.

Erst zu sehr später Stunde schalte ich das Fernsehgerät ein und höre nun, dass die Grenzen in die Bundesrepublik für alle DDR-Bürger ohne vorherige Antragstellung ab sofort passierbar sind. Ich höre es mit den Ohren, doch nicht mit dem Verstand.

Am Morgen des 10. November habe ich mich bereits etwas beruhigt, schalte das Radio ein und vernehme die neuesten Meldungen. Jetzt wird mir erst bewusst, dass ich nun unsere G. mit A. und auch unseren R. sowie I. in Gutach bei Freiburg bald wieder sehen kann. In der DDR war etwas geschehen, was es noch nie in Deutschland gab: „eine friedliche Revolution“, die ohne Blutvergießen stattfand und als Ergebnis die Freiheit brachte. Tränen des Glücks fließen und fremde Menschen umarmen sich. All dies kann ich endlich begreifen und einordnen.

Nun versuche ich, G. per Telefon in München zu erreichen. Es ist unglaublich, ich komme ohne Komplikationen durch! Dies war jahrelang nicht möglich. Was für ein Tag! Auch R. kann ich endlich wieder sprechen! Ein unbeschreibliches, überglückliches Gefühl erfasst mich, dass den Schmerz der besonders schwierigen letzen 24 Stunden in den Hintergrund drängt, aber nicht vergessen macht.

Jetzt, 20 Jahre später, bringe ich mein persönliches Erlebnis vom 09. November 1989 zu Papier. So sind doch verschiedene Momente dieses Tages fester im Gedächtnis verankert als gedacht. Manche Situation rührt mich auch jetzt noch zu Tränen.
Nun kann ich das beschriebene Ereignis, was so traurig begann, mit dem Fazit: „… und erstens kommt alles andres als man zweitens denkt“ beenden.


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