Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Peter Scholz: Ausflug nach Dresden

Grüß Gott! Sage ich heute nach fast 10 Jahren in Bayern und ich bin glücklich diese, wenn auch schwere Entscheidung, getroffen zu haben. Es war noch Oktober, die Züge aus Prag mit den Botschaftsflüchtlingen waren schon ein paar Tage durch, da entschlossen wir uns an einem Sonntag unsere schwerstbehinderte Tochter Silvia aus dem Kartharinenhof, Großhennersdorf zu holen und zusammen mit den anderen drei Geschwistern - alles Mädchen - einen Ausflug von Görlitz  nach Dresden zu machen. Wir hatten damals, nach langem Hin und Her einen alten Barkas B1000 bekommen - ein Schrottfahrzeug des DRK Pirna, den wir in mühevoller Kleinarbeit und mit Hilfe meines Arbeitsgebers dem DRK Görlitz wieder aufgebaut und zu einem fast neuen B1000 aufgearbeitet hatten -, in diesen B1000 konnten wir also auch den Rollstuhl mitnehmen und unsere Tochter Silvia an unseren Ausflügen teilhaben lassen. Die Stimmung in Dresden war sehr gespannt und man sah richtig wie sich jeder unbemerkt - so dachte jeder - umdrehte und schaute um nicht von irgendeinem Spitzel verhaftete zu werden. Wie eng und wie gespannt die Lage war, erfuhren wir einige Stunden später als wir nach einem schönen Tag wieder die Heimreise antreten wollten. Wir begaben uns vom Altmarkt kommend in Richtung Sophienstraße, denn wir hatten unseren B1000 direkt vor der Semperoper geparkt, als wir riesige Kolonnen der NVA aus Richtung Schweriner Strasse kommend sahen, die sich auf eben dem Parkplatz vor der Semperoper aufstellten und formierten. Ich hatte meinen Wehrdienst 1974 - 1976 abgeleistet und war noch mal 1984 zur Reserve geholt worden und kannte die Handlungsweise der Truppe. Meine Frau und meine Töchter änderten merklich die Gesichtsfarbe in den blassen Bereich und es kam eine unheimliche Angst auf. Auf der Wilsdruffer Strasse hatten sich kleinere Gruppen von Demonstranten formiert und es sollte - so vermuteten wir - zu einer Kundgebung kommen. Ich sagte meiner Frau, dass die Armee nicht gegen das Volk vorgehen wird, dem war aber nicht so, denn kurze Zeit später mussten wir erleben wie die Armee massiv die Demonstranten zurückdrängte und versuchte die Demo aufzulösen. Als wir an der Sophienstraße ankamen - wir sahen unser Auto bereits - hatte sich eine Kette von etwa 50 NVA Soldaten vor uns aufgestellt und lies niemanden durch. Ich begab mich mit dem Rollstuhl und Silvia, sowie unseren Töchtern und meiner Frau zu dem vermutlich kommandierenden Offizier und sprach diesen an. Nach einem kurzen Gespräch wurden wir zu unserem B1000 durchgelassen. Man hatte die Personalien und die Fahrzeugpapiere kontrolliert und wir durften zu unserem B1000. Wir mussten alles einladen und wurden aufgefordert Dresden sofort zu verlassen, man können für unsere Sicherheit nicht garantieren, so die Worte des kommandieren Offiziers im Range eines Majors. Ehrlich gesagt ging auch mir der Hintern auf Grundeis und ich war froh als der Trabantkübel der uns aus Dresden rausgeleitete, endlich auf der Bautzener Landstrasse umdrehte. Ich will nur hoffen, dass es in der heutigen Bundesrepublik nicht auch einmal dazu kommt, dass die Armee gegen das Volk mobilisiert wird, weil dieses sich verbal seiner Wut entledigen will. Leider haben wir zu diesem Ereignis keine Fotos, verständlicher Weise, denn den Fotoapparat hätte man sofort eingezogen. 1999 haben mich dann schwere verwandtschaftliche Probleme dazu bewogen Görlitz zu verlassen und nach Bayern auszuwandern. Heute muss ich sagen, dass dies der einzige richtige Schritt war.


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