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Die innenpolitische und wirtschaftliche Situation der DDR strebte 1989 einem absoluten Tiefstpunkt zu. Bereits im Frühsommer bis zum Herbst stimmten mehr Bürger der DDR mit den Füßen auf Protestmärschen ab als zur Wahl im Mai des Jahres 1989. Trotz erster Reiseerleichterungen besetzten Unzählige die Westdeutschen Botschaften im Osten Europas. Am 01.10. fährt der erste, mit DDR-Flüchtlingen besetzte Zug von Prag über Dresden nach Hof. - Drei Personen soll es gelungen sein, in Dresden auf den Transport aufzuspringen. - Die Grenze zur CSSR wird per 03.10. geschlossen. Ab 04. 10. folgen weitere Züge mit Botschaftsflüchtlingen.
Zu den Demonstrationen um den Dresdener Hauptbahnhof bis zum Zentrum, während und zu den Zugdurchfahrten, kam es vereinzelt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und den Sicherungskräften, bestehend aus Polizei und NVA. Im allgemeinen bleibt es bei Bekundungen zur Reisefreiheit und Forderungen ohne Gewalt.
Zur Demonstration am 07.10. trat eine spürbare Veränderung bei den Demo's ein. Die Forderungen schienen einen neuen Tenor zu erhalten. So hörte man öfters: „Hierbleiben", „Neuanfang", „Keine Gewalt", „Durchhalten bis zur Demokratie" u.v.a.
Analog wieder am Sonntag, den 08.10., auf der Prager Straße. Den Sicherungskräften gelang es, eine Gruppe in Höhe der Apotheke / Hotel Merkur „einzukesseln". Die Demonstranten setzten sich, nach einer Weile lösten sich aus den Sitzenden zwei Personen, die auf die Sicherungskräfte zugingen. Wie zu den „Abgedrängten" durchdrang, versuchten die zwei Passanten einen Verantwortlichen oder den Oberbürgermeister Berghofer zu sprechen. - Schier unendlich lange Zeit verstrich, obwohl es sicher nicht einmal eine Stunde dauerte. Die Situation war angespannt, aber keiner von den Demonstranten oder von den Sicherungskräften unternahm etwas. - Dann sickerte durch, zwei Personen sind keine Abordnung. Spontan erhoben sich ca. 40 Personen, aus denen nach einem Auswahlverfahren 20 mit Name und Anschrift notiert wurden. Die „Gruppe der 20" war geboren. Eine Abordnung wollte mit Herrn Berghofer sprechen. Er soll sich die Aussagen angehört haben, wollte aber die Repräsentanten nicht anerkennen. Es sollte am darauf folgenden Tag darüber entschieden werden, wo wieder eine Demo angesetzt war, wie eine Akklamation erreicht werden konnte. Ein Herr Friedrich Boltz, selbst SED-Mitglied und Mitglied der gewählten Gruppe der 20, rief eine „Eine -Mark-Aktion" ins Leben, das hieß, jeder der eine Mark auf ein Konto einzahlte, stimmte für die Entscheidungen der Gruppe der 20. Das eingezahlte Geld sollte Hilfsbedürftigen in Kinder- und Altenheimen und der Arbeitsfähigkeit der Gruppe dienen. Vom Gesamtkontostand, so die Idee, ließ sich die Anzahl der Mandate ablesen. Am 17.10. erfolgte die öffentliche Bekundung. Die Aktion selbst lief am 19.10.1989 an. Die Tageszeitung „Die Union" veröffentlichte am 24.10. einen Aufruf. Bereits am 24. wurden die Postschalter mit Einzahlungen „bombardiert". Im ehemaligen Centrum-Warenhaus liefen Fernsehaufzeichnungen der Demo's mit dem Hinweis auf Einzahlungen, Kontonummer usw. - Insgesamt sollen über 100 000 Mark eingezahlt worden sein. Die Aktion wurde zwar kurzzeitig gestoppt, musste aber bereits Ende Oktober (26.10.) wieder zugelassen werden. - Und aus dieser „Stoppzeit" stammt der meinige ausgefüllte Einzahlungsschein (Zahlkarte).
Gemäß meiner Info sollte die Summe von einer Mark auf das Konto 0299-52-13691 beim PSCHA Dresden erfolgen. Da am 25.10. die Aktion vorerst eingestellt werden musste, was mir noch nicht bekannt war, nahm das PA DD-A 42 meine Einzahlung nicht mehr an. - Später erfuhr ich, dass durch die Staatsanwaltschaft ein internes Konto mit neuer Kontonummer eröffnet wurde.
Für mich ist die vorbereitete Zahlkarte eine aufhebenswerte Erinnerung an die äußerst bewegte, aber friedliche Zeit der Wiedervereinigung.
Die Gruppe der 20 erhielt eine Legitimationsbasis. Aus heutiger Sicht ist die „Eine-Mark-Aktion" die eindrucksvollste und eigenwilligste Aktion in der deutschen Demokratiegeschichte. Hr. Dr. Michael Richter sagte einmal „Möge angesichts der Dresdener Post - Demokratie noch einer behaupten, die Ostdeutschen hätten die Demokratie erst von den Westdeutschen lernen müssen"
Quellen: Eigene Registraturen und Aufzeichnungen
-M.Richter/ E. Sobeslawsky: Die Gruppe der 20; Böhlau Verlag Köln/Weimer/Wien 1999; Dokument 52,S. 348; Dokument 71, S. 403
Dokumente:
Dok. 52, 19. Oktober 1989 Aufruf der Gruppe der 20 zur „Eine-Mark-Aktion“ Das vorläufige Mandat der „Gruppe der 20“ wurde auf den Großveranstaltungen am 17.10.89 durch öffentliche Bekundung Zehntausender Dresdener verlängert. Um es zu bestätigen bitten wir jeden Bürger der der Anliegen, Forderungen und Ziele der „Gruppe der 20“ unterstützt, um die Überweisung eines symbolischen Beitrages von einer Mark auf das Konto 0299-52-13691 beim PSCHA Dresden. Mit den eingegangenen Mitteln soll die Arbeit der Gruppe finanziert und die Bildung von Arbeitsgruppen unterstützt werden. Über die Verwendung der Gelder wird öffentlich Rechenschaft abgelegt. Mit der Unterschrift auf dem Einzahlungsbeleg wird gleichzeitig das Mandat der „Gruppe der 20“ bestätigt. Die bei der Auflösung der Gruppe verbliebenen Restmittel werden einem Feierabendheim der Stadt Dresden zur Verfügung gestellt. Wir bitten vorerst von weiteren Geldspenden abzusehen, da die weitere Arbeit der „Gruppe der 20“ von der Bestätigung des Mandates abhängt.
Dok. 71, 27. Oktober 1989 Verfügung der Staatsanwaltschaft über den Umgang mit Einzahlungen für die Gruppe der 20 Durch das Ministerium Post- und Fernmeldewesen wurde in Abstimmung mit dem Generalstaatsanwalt am 26.10.1989 entschieden, die Einzahlungen für die „Gruppe der 20“ nicht auf das PSpGKto¹ 8299-52-13196 zu verbuchen, sondern auf ein internes Konto beim PSchA² Dresden, für das zunächst keine Verfügungsberechtigung besteht. Die Entscheidung erfolgte auf Grund des Verstoßes gegen die „Sammlungs- und Lotterieverordnung“ vom 18.2.1965 (Gbl II, Nr. 32 v. 17.3.65).
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