Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Aribert Reimann: Die Grenzöffnung am 09. November hatten wir schon verwirklicht

Schon bevor der „Run in Berlin" sich am 9./10. Nov. 89 ereignete, hatten wir, meine Frau und ich, die neue Grenzöffnung am 9. Nov. schon verwirklicht.

Und das kam so:

Tage zuvor haben wir unsere Vorbereitungen getroffen, um unsere Kinder, meine Schwiegertochter hatte am 12. Nov. Geburtstag, in Bayern zu besuchen. Dies war zu dieser Zeit nur über den bereits visafreien Grenzübergang durch Tschechien möglich.

Wir waren auf eine lange Wartezeit am Grenzübergang Schönberg/Eger gefasst und planten die Anreise bereits am 9. Nov. 89. Um möglichst nahe am Grenzübergang zu sein, nutzte ich eine zuvor erfolgte Dienstreise nach Zeulenroda/Thür. und logierte im Hotel „Goldner Löwe" der Stadt. Meine Frau reiste dazu aus Dresden am späten Abend des gleichen Tages an.

Im Fernsehen informierte ich mich über das bevorstehende Wetter der kommenden Tage. Da geschah das noch Unfassbare, das den weiteren Verlauf unserer Reise bestimmte.

In den Abendnachrichten gegen 19 Uhr wurde über eine Pressekonferenz berichtet, in der Herr Schabowski über eine Neuregelung zum visafreien Grenzübertritt für DDR-Bürger Auskünfte erteilte. Auf Anfrage eines Journalisten sollte diese Regelung mit sofortiger Wirkung möglich sein.

Unter dem Personal des Hotels entwickelte sich eine Aufbruchstimmung, die es gerade noch zuließ, dass wir unser Abendessen hier einnehmen konnten.

Von zurückreisenden Bürgern, die bereits über acht Stunden am Grenzübergang Schönberg im Stau standen und aufgaben, erfuhren wir die dortigen Bedingungen. Ich holte meine Frau gegen 21 Uhr vom Bahnhof ab und teilte ihr daraufhin mit, dass wir die Anreise auf dem direkten Wege nach Bayern über die A9 versuchen werden. Sie konnte es noch nicht fassen.

Nach dem Abendessen brachen wir am 9. Nov. 89 gegen 21 Uhr auf und erreichten nach einer halben Stunde die Autobahnauffahrt Schleiz. Ab hier war die Weiterfahrt für DDR-Bürger nur mit einer Sondergenehmigung möglich, so zeigte es ein Hinweisschild an.

Wir wurden auch sofort von dort postierten Polizisten angehalten, kontrolliert und zur Rückfahrt aufgefordert, da wir nicht über die notwendigen Eintragungen in unserem Reisepass verfügten.

Wir beriefen uns auf die Mitteilung in der Pressekonferenz und forderten die Weiterfahrt, da offensichtlich die Posten darüber noch nicht unterrichtet worden sind. Die verunsicherten Polizisten ließen die Auffahrt auf die A9 zu.

Vor dem Grenzübergang Hirschberg ein nochmaliger Stopp. Passkontrolle. Wieder die gleiche Reaktion, wieder die gleiche Erwiderung, wieder die gleiche Unkenntnis über die neue Situation bei den Grenzposten. Weiterfahrt im Rededuell erzwungen.

Am Grenzübergang Hirschberg angekommen, war man von unserer Ankunft überrascht und wir wurden wieder von einem Grenzposten aufgefordert, zurück zu fahren.

Wir weigerten uns, verwiesen wieder auf seine Unkenntnis und verlangten den diensthabenden Leiter zur weiteren Klärung. Murrend kam er unserer Bitte nach. Nach einer längeren Wartezeit meldete sich wirklich der diensthabende Leiter und unterrichtete uns über die getroffene Durchführung.

„Gehen Sie morgen früh 8 Uhr auf Ihre Meldestelle und holen sich dort Ihr Visum", sagte er und wollte gehen. Wir verwiesen darauf, dass es uns widerstrebt, wegen eines Visums in das 230 km entfernte Dresden zu fahren und verlangten eine mögliche Sonderregelung. Der Chef hatte verstanden!

Nach einer Weile eine weitere Empfehlung.

„Fahren Sie nach Schleiz und holen sich von der dortigen Meldestelle das notwendige Visum".

Wir verwiesen darauf, dass diese Meldestelle nach dem DDR-Reglement kein Visum für uns erteilen kann und dies auch von dieser Grenzstation möglich sein müsste. Wieder war eine Bedenkzeit erforderlich, die mit dem Ergebnis endete: „Für Sie haben wir eine Sonderregelung getroffen".

Es war bereits Mitternacht, als uns die mit einem Sichtvermerk versehenen Ausweise ausgehändigt wurden und wir die Weiterfahrt fortsetzen konnten. In Hochstimmung über unseren Erfolg verließen wir unsere Parkbox, in die  man uns abgestellt hatte und man machte uns den Weg auf die Fahrbahn frei.

Nachdem wir noch den Zoll über uns ergehen lassen mussten, gelangten wir nochmals an eine Kontrollstelle, die wieder die Ausweise verlangte. Verwundert darüber,  dass wir ohne Visum und Zählkarte bei ihm ankamen, versetzte ihn in Erstaunen. Rückfragen waren notwendig, die auch bei ihm ein menschlicheres Verhalten uns gegenüber bewirkte.

„Sie können weiterfahren", war seine kurze Antwort. „Nein, so nicht", sagte ich zu meiner Frau, nahm eine Blume aus dem Strauß, der für unsere Schwiegertochter gedacht war und meldete mich nochmals beim Kontrollposten.

„Ich möchte Ihnen diese Blume überreichen, Sie werden ab heute hier nicht mehr gebraucht". In Erwartung auf seine Reaktion kam nur die Erwiderung mit einem Lächeln: „Ich wünsche Ihnen eine gute Weiterfahrt". Es glich einer Sensation nach über 40 Jahren.

Nach Durchfahren der Sperranlagen erreichten wir den Kontrollpunkt Rudolphstein in Bayern. Hier empfing uns eine Schar von Rundfunk- und Fernsehreportern, die uns jubelnd begrüßten.

Als Erste und allein war uns um Mitternacht der „Durchbruch" in den westlichen Teil Deutschlands ohne Schikanen geglückt.

Die Beantwortung der vielen Fragen und Hinweise der Journalisten soll sich zusammenfassend auf die Begrüßung des Vertreters des Innenministeriums des Freistaates Bayern beschränken:

„ Es ist für uns eine große Freude den Tag mitzuerleben, an dem uns unsere Landsleute aus der DDR ungehindert besuchen können. Auf diesen Tag haben wir seit über 40 Jahren gewartet. Ich kann es noch nicht recht glauben. - „Recht hat er".

Nach über zwei Stunden konnten wir unsere Fahrt in Richtung München fortsetzen. Bereits im Nachtprogramm des Bayerischen Rundfunks konnten wir im Raum Nürnberg unser Interview an der Grenze im Autoradio verfolgen und erreichten am Morgen froh gestimmt unsere Kinder in Bayern, die wir durch die Trennung nicht besuchen konnten.

Der 9./10. November 89 wird uns stets daran erinnern, dass mit diesem Tag die Wiedervereinigung ihren Anfang nahm.

Familie Reimann


Foto von Matthias Erler

Mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler.