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Ich bin heute 73 Jahre alt und für den 2.11.1989 war ich zu meiner Tante zum 80. Geburtstag eingeladen. Ich durfte tatsächlich fahren. Mit 15 DM „Westgeld“ ging es sehr aufgeregt von Leipzig in Richtung Hamburg.
Ich saß allein in dem Zugabteil, am Fenster ging ein junger Mann vorüber, guckte zu mir und kam gleich wieder zurück, stieg ein und kam in mein Abteil. Ein junger naiver Junge und mir fiel als erstes auf, dass er zwei Hemden übereinander an hatte – ich sah es an den Kragen. Sofort fragte er mich, ob ich nach dem Westen fahre und nun ganz doof auch, ob ich dann wiederkommen will. Ich hörte alle Glocken läuten und habe ihn nur veralbert. Ich komme selbstverständlich wieder, meine Enkel warten alle vier auf ein Mon-chi-chi, auf Schokolade und auf Südfrüchte. Er merkte nichts! Plötzlich kam unter meinem Sitz eine kleine Maus vor, lief durch das Abteil und der Jüngling riss seine Beine hoch und ich stand ganz überlegen auf und öffnete die Tür. Das Mäuschen war weg. Bald darauf kam der Schaffner und Junge wusste sicher nicht, dass man einen Fahrschein benötigte. Er bekam eine Zahlkarte und sollte 20 Mark Strafe und 1,50 für die Fahrt von Leipzig nach Halle bezahlen. Als er in Halle ausstieg, gab ich ihm den Rat, die Zahlkarte bei seiner Dienststelle abzugeben. Er bekam einen roten Kopf und ging.
Es war danach ganz ruhig, bis Schwerin. Dort stieg eine Familie ein, vier Personen und 16 Gepäckstücke, aufgeregt und ganz unruhig. Zwei Kinder waren völlig ängstlich. Ich habe geholfen alles unterzubringen. Sie erzählte, sie wären Ausreisewillige und fahren nach Hamburg und kommen wie ich aus Coswig in Sachsen. Dann kam die Grenze und mit ihr drei blonde und böse aussehende Zollbeamtinnen. Sie sagten zu mir: „Sie gehen mal raus“, und zu der Familie: „Sie stellen mal alle Koffer hoch, die unter dem Sitz liegen!“ Da sagte ich: „Jetzt geht das Theater wieder los!“ und sofort wurde ich angeblafft, was ich damit sagen wolle. Ich wies sie darauf hin, dass unter meinem Sitz ein Mäusenest sei und seit die Koffer da liegen, rennen sie nicht mehr rum. Sofort waren alle drei zur Türe raus, nur eine steckte noch mal die Nase rein und sagte: „Wenn Sie noch Ostgeld haben – das müssen Sie abgeben!“ Ich nahm der Frau aus Coswig die Geldbörse aus der Hand und schüttete das Geld auf den Bahnhof, dort warteten zwei Rotkreuzdamen auf ihr Geld. Erst hat die Coswigerin geheult und dann sagte sie zu mir: „Danke, Sie haben mir mein Meißener Porzellan gerettet!“ Sie war Malerin in Meißen.
Später haben wir alle so gelacht über meine Lüge – es war ja nur eine Maus. Ich habe nie wieder von etwas von dieser Familie gehört. Aber es war nicht nur ein schöner Urlaub, sondern zurück bin ich am 11.11. durch offene Grenzen gefahren und es war unfassbar.
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Christine Zeidler mit Familie
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