Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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BM Wolfgang Tiefensee
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Kerstin Neuber: Die Lage spitzte sich zu

August´89, ich war kurz vor dem Ende meiner Ausbildung zur Krippenerzieherin und fuhr übers Wochenende mit einer Freundin per Zug nach Prag. Ich hatte zwar von den Leuten in der deutschen Botschaft gehört, aber das kam für mich
ja gar nicht in Frage, so ohne abgeschlossene Ausbildung. An Flucht dachte ich nicht im Geringsten. Die Grenzkontrolleure sahen das aber ganz anders. Sie filzten uns bis aufs Äußerste und drohten uns Überwachung an. Man würde uns sofort festnehmen, wenn wir auch nur in die Nähe der Westdeutschen Botschaft gehen würden. Das Wochenende war somit gelaufen und wir fühlten uns von jedem beobachtet...

Oktober´89, die Lage spitzte sich zu.

Gespräche über die politische Lage waren an der Tagesordnung. Sogar mit meinem Vater (überzeugtes SED-Mitglied) sprach ich über diese Entwicklung.

Es waren sehr viele Menschen in der Botschaft und der Tag X kam. Diese Leute sollten mit dem Zug in die BRD ausreisen können. Dieser Zug sollte durch Chemnitz fahren. Genau dort lebte ich damals. Das war meine Chance! Ich fuhr
zum Bahnhof! Dort erwartete mich eine riesige Menschenmenge - alle wollten weg!!!!

Wir standen auf dem Bahnsteig, die Stimmung war gespannt. Dann passierte es – wir wurden vom Militär und Stasimitarbeitern vertrieben. Wie Vieh ging man mit uns um. Sie traten uns, schlugen mit Gummiknüppeln auf uns ein, warfen uns die Treppen hinunter, brutale Gewalt... Vor dem Bahnhof stand ein Panzer mit Wasserwerfer und strahlte auf uns ein.

Ich versteckte mich und wollte über den Güterbahnhof zurück in den Bahnhof gelangen. Einer des Militärs hatte mich gesehen und hetzte seinen Schäferhund auf mich. Er biss mich und zerrte an mir herum. Ich hatte verloren! Ich flüchtete vom Bahnhof, um nicht noch festgenommen zu werden.

Der nächste Arbeitstag war der Horror. Die gesamte Obrigkeit – Chefin, Oberster Leiter etc. – empfingen mich zu einem "Gespräch". Sie wussten von meinem "vorabendlichen Ausflug". Einer der "netten" Stasimitarbeiter war der Ehemann einer Kollegin und hatte mich natürlich verpetzt. Unter seinem
Schutzhelm hatte ich ihn nicht erkannt!

Die Grenze nach Tschechien war geschlossen und für mich begann beruflich ein  absolutes Spiesrutenlaufen. Tägliche "Gespräche" im Büro und Nettigkeiten meiner Kolleginnen machten mir das Leben sehr schwer.

Der 1.11. kam und die Grenze nach Tschechien wurde wieder geöffnet.

Meine Chance! Unter einem Vorwand verschwand ich früher von der Arbeit und fuhr mit einem Bekannten mit dem Motorrad zur Grenze. Dort wurden wir bis aufs Unterhemd kontrolliert und nur mit viel Glück ließ man uns über die
Grenze.

Gegen Abend, bei starkem Regen, kamen wir in Prag an. Wo genau ist die Botschaft? Keine Ahnung...

Wir nahmen ein Taxi und wagten das Risiko. Fährt er zur Botschaft, oder liefert er uns der Polizei aus?????
Wir hatten Glück!

Er fuhr langsam an der Botschaft vorbei und zeigte uns den
"Hintereingang", den Gartenzaun. Jetzt gab es kein Zurück mehr... Wir kletterten über den Zaun und ein neuer Lebensabschnitt begann!

Nach 3 Tagen in der Botschaft kamen wir über Bayern in ein Aufnahmelager bei Bonn. Glücklicherweise hatte ich eine Großtante in Frankfurt und somit eine Anlaufadresse. Nach 3 Tagen im Lager begann mein neues Leben im Westen.


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