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Mein Name ist Harald Hofmann, ich war 37 Jahre alt und arbeitete als Bezirkstrainer im BV Karl-Marx-Stadt. Am 3.10.89 wurde ich zum Reservistenlehrgang in die 9. VP-Bereitschaft nach Karl-Marx-Stadt einberufen. Am späten Abend des 4.10.89 wurden wir Reservisten auf Befehl auf einen W50 verladen und die Fahrt ging nach Information in Richtung Freiberg. In Freiberg wurden wir mit Blaulicht (VP-Fahrzeug) empfangen und zum Bahnhof gebracht. Dort angekommen, mussten alle Reservisten absitzen und eine bis dahin unbekannte Kiste wurde entladen. Beim Öffnen stellte sich heraus, dass sie Schlagstöcke enthielt. Der Befehl lautete: Jeder nimmt einen Schlagstock. Denkt daran, ihr unterliegt jetzt dem Fahneneid und habt alle Befehle auszuführen. Denkt weiter daran, ihr habt Familie zu Hause. Da wir erst am 3.10. einberufen worden waren, lag bis dahin noch keine Ausbildung mit Schlagstöcken oder Zusatzgeräten vor. Die zu lösende Aufgabe bestand darin, den Bahnhof vor Demonstranten zu schützen, wegen Zugdurchfahrten von der BRD nach Prag. Ein weiterer Befehl lautete, den Bahnhofsvorplatz von Demonstranten zu säubern. Hierbei kam außerdem eine Hundestaffel zum Einsatz und die Schlagstöcke sollten auf jeden Bürger eingesetzt werden. Wir mussten uns zu einer Kette formieren: vor uns die Hundestaffel ohne Beißkorb und wir in Schlagbereitschaft. Während des Einsatzes wurde eine an der Bushaltestelle stehende Frau von einem Polizisten (Schutzpolizei) von einer Mauer gestoßen und blieb liegen. Ein 16-17 jähriges Mädchen wurde von einem Hund mehrmals gebissen, der dabei durch seinen Führer angetrieben wurde. Das Mädchen erhielt mehrer Schläge auf den Körper und zum Schluss auf den Kopf, Blut war an meiner Uniform zu sehen. Vor dem Bahnhof saß ein zusammengeschlagener Demonstrant, der seinen Kopf hielt. Ein vorbeigehender Polizist schlug nochmals mit dem Schlagstock auf seinen Kopf ein.
Zum Einsatz am 7.10.89: Diesen Tag möchte ich gedanklich aus meinem Leben streichen! Den 7.10.89 gab es für mich nicht, wir müssen aber trotzdem darüber sprechen, eine Wiederholung darf es nicht geben. Gegen 3:00 Uhr wurden wir mit voller Ausrüstung – Helm, Schild, Schlagstock und einer Art Handschellen – in das VPKA Helmut-Just-Straße zur Sitzbereitschaft gefahren. Hier erfolgte die Einweisung zu einem eventuellen Einsatz. Das Neue Forum sollte eine Deklaration verlesen, beim Verlesen sollte dann der Einsatz durch die VP und Kampfgruppen erfolgen. Um 11:30 Uhr kamen wir zum Einsatz, wir liefen in voller Ausrüstung hinter der Kampftruppe her. Vor der Kampfgruppe befanden sich etwa 100 Demonstranten, es handelte sich um eine ruhige Demonstration. Durch den plötzlichen Einsatz eines Hubschraubers entstand Panik unter den Zuschauern. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich an der Zentralen Haltestelle viele hundert Teilnehmer eines Großstaffellaufes der Schulen von Karl-Marx-Stadt, die Kinder wollten nach Hause. Mehrere Frauen mit Kindern auf dem Arm und Tränen in den Augen fragten mich, ob ich keine Kinder hätte und was denn der Einsatz solle. Ich habe Kinder – meine Frau traf ich ebenfalls an der Zentralen Haltestelle, sie mit dem Kinderwagen und ich mit einem Schlagstock. Seitens der Demonstranten war keinerlei Aggressivität zu sehen, zu diesem Zeitpunkt gab es auch keine Demonstration mehr, sondern nur noch Schaulustige. Plötzlich wurde jedoch der Wasserwerfer auf Befehl auf Zivile eingesetzt, zwei Frauen wurden getroffen, die beide zu Boden fielen. Durch unmögliches Brüllen über ein Megaphon wurde die Sperrkette neu formiert, alles geleitet durch den Major Schumann. Auf der Thälmannstrasse in Richtung Annenstrasse wurde aufmarschiert, dabei gab es gar keine Demonstranten mehr, nur noch vereinzelte Schaulustige. Wir fragten uns, hinter wem wir wohl her wären. Uns wurde befohlen, die äußeren Glieder der Kette zu schützen – obwohl es keinen Angriff gab – und auf alles einzuschlagen, was kommt. Dieser Mensch war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zurechnungsfähig. Ein angetrunkener Zivilist stand der Sperrkette gegenüber. Ihr Bullen verdient genug Geld und schlagt die Bevölkerung nieder, rief er. Daraufhin wurde er auf die Strasse geworfen, kurz an einem fahrenden Bus vorbei. Er wurde mit Knüppeln geschlagen und an Fuß und Haaren auf einen bereitstehenden W50 geworfen. Hinzu kommt, dass ich persönlich von 50-60 Menschen bei meinem „Auftritt“ erkannt wurde, darunter auch Sportler, die ich jahrelang ideologisch auf Spartakiaden vorbereitet hatte sowie viele Sportlehrer und auch viele persönliche Bekannte. Mein Ruf in dieser Zeit beim Sportclub war: der Bezirkstrainer ist ein Schläger bei der Volkspolizei. Jetzt kommt die Krönung: Die 9. VP-Bereitschaft hat für diesen Einsatz am 7.10.89 von der Bezirksbehörde 5000,- Mark Prämie erhalten! Ich frage mich für was und für wen, wurde doch die Bevölkerung durch die „Volkspolizei“ in Panik versetzt. Ich distanziere mich von einer solchen Polizei und verlange die Bestrafung der Verantwortlichen (wer die Prämien für diesen Einsatz erhalten hat, das ist sicherlich nachzuweisen). Wie kann ich das Vertrauen derjenigen wieder finden, die mich am 7.10.89 gesehen haben?
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