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November 1989: Ich war Student in damalas Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Mit meiner Zimmermitbewohnerin Regine hatte ich geplant, nach Regensburg zu fahren - wir wollten nicht nur das Geld abholen, sondern uns auch eine hübsche Stadt anschauen. Zwei Stunden stand ich in der Warteschlange am Fahrkartenschalter im Hauptbahnhof bis ich Besitzer der Fahrkarten war. Noch sollte es 2 Wochen bis zum Reiseantritt dauern und war plötzlich so neugierig und aufgeregt, dass ich mir kurz entschlossen eine Fahrkarte nach Hof dazu kaufte. Jetzt hatte ich sie in der Hand und wusste, dass ich am nächsten Tag fahren würde, ich war nicht mehr zu halten. Die erste Fahrt wollte ich allein erleben, vielleicht auch, weil mir immer noch alles unwirklich vorkam. Das einst eingemauerte Land sollte keine Grenzen mehr haben, wo die Welt zu Ende ist?
Ich konnte vor Aufregung nicht schlafen und sprang 4 Uhr morgens aus dem Bett, 5:30 Uhr würde der Zug fahren. Als ich auf dem Bahnsteig ankam erschrak ich - eine Stunde vor Abfahrt standen die Menschen dicht gedrängt 6-7-reihig am ganzen Bahnsteig entlang. 45 min später fuhr der Zug leer ein und sofort bewegte sich die Menschenmenge mit Schieben, Drängen, Schubsen und Schimpfen. Die Angst, nicht mitzukommen, brachte richtige Panik unter die Massen. Kinder wurden durch die Fenster gehoben, obwohl die Eltern manchmal noch draußen standen. Plötzlich war mir klar, was es im Krieg bedeutet hatte, Flüchtling zu sein. Fast pünktlich rollte der voll besetzte Zug Richtung Hof los. Menschen standen überall, sogar bis in die Toilettenbereiche hinein. Und noch immer standen auch Menschen draußen auf dem Bahnsteig und guckten enttäuscht und sehnsuchtsvoll dem Zug hinterher, der nun gen Westen rollte, aus dem in Plauen niemand mehr würde aussteigen müssen. An jedem Bahnsteig, wo der Zug hielt, sah man wieder enttäuschte und drängende Menschen, die keine Chance hatten, mitgenommen zu werden. Die Türen mussten von inne zugehalten werden, um das Gedränge nicht noch schlimmer werden zu lassen. Wir standen schon wie die Sardinen in der Büchse - Haut an Haut mit dem Nachbarn in dünner Luft. Aber wir waren glücklich, es herrschte Abenteuerstimmung, wir brachen auf zu einer Welt, von der wir gedacht hatten, dass wir sie nie betreten können. Bald fuhr der Zug durch das Grenzgebiet Gutenfürst - nun sahen wir erschrocken auf hohe Zäune, Wachtürme und Grenzanlagen und begannen zu begreifen, dass die einst Angst einflößenden Dinge ihre Bedeutung verloren haben. Vielen Menschen standen Tränen in den Augen - vor Entsetzen was die DDR auch war und vor Freude, dass alles vorbei ist.
Bald hielt der Zug in Hof, die Menschen drängten in dicken Trauben durch die Bahnhofsunterführung und ergossen sich über die Stadt auf der Suche nach einem Postamt oder einer Bank. Im Zug hatte ich die Information bekommen, ganz weit in die Stadt hineinzulaufen, weil es viele Banken gibt und man sonst lange Zeit in Warteschlangen verbringen muss. Ich konnte nicht glauben wie viele Banken in einer Stadt existieren, fand aber wirklich eine, wo ich nach 30 min den 100 DM-Schein Begrüßungsgeld in der Hand hielt. Ich hatte nur einen großen Wunsch: einen dicken Reiseführer von Westdeutschland wollte ich haben, ich wollte mir die Städte auf den Fotos anschauen, Beschreibungen über Sehenswürdigkeiten lesen und Pläne schmieden für den nächsten Urlaub. Ich stand im Geschäft und mir blieb der Mund offen stehen als ich die Mengen von Büchern sah und es würde sie jetzt immer von allen Schriftstellern geben ohne Limitierung. Meinen erstandenen Reiseführer für 29,80 DM hielt ich wie einen Schatz in der Hand. Ich sah anschließend die vielen, vielen Geschäfte und Schaufenster der Stadt und dachte oft, dass es nur ein Traum ist. Für uns DDR-Bürger so rare Dinge wie Aal langweilten sich im Schaufenster, die Gemüseläden hatten bergeweise Bananen und Apfelsinen in den Auslagen liegen. Die Menschen auf den Straßen trugen große Radios, große Waschmittelkartons, große Netze mit Apfelsinen oder viele gefüllte Stoffbeutel. Die 100 DM Begrüßungsgeld erfüllten in kürzester Zeit lang ersehnte Wünsche, vor allem von denen, die nie die Möglichkeit gehabt hatten, im Intershop einzukaufen oder ein Paket aus dem Westen von Verwandten zu bekommen.
12:40 Uhr wollte ich zurück nach Karl-Marx-Stadt fahren. Die vielen Eindrücke konnte ich kaum verarbeiten. Das Bahnhofsgelände glich einem Menschenmeer, die entweder zu Zügen drängten oder aus Zügen ausstiegen und in die Stadt laufen wollten. In der Unterführung trafen alle aufeinander und ein hoffnungsloser Stauknäuel war entstanden. Die leer gewordenen Züge sollten anschließend zurück über die Grenze fahren. Jeder erkannte sofort, dass viel mehr Menschen da waren als die Züge befördern konnten. Panik, Verzweiflung, Emotionen - alles trug zu einer Atmosphäre bei, die ganz unwirklich war. Ich stand endlich auf dem Bahnsteig und der Zug war schon voll gefüllt. Irgendjemand hatte dann mit viel Kraft den Gepäckwagen geöffnet und jeder Platz zwischen den Paketen und Kisten war in kurzer Zeit besetzt. Aufatmend versuchte sich jeder auf eins der Gepäckstücke zu setzen. Nun war ich im Westen gewesen. Nun konnte ich in Ruhe im Reiseführer nachschauen was wir in 2 Wochen in Regensburg anschauen würden. Nun war ich gespannt was die Zukunft bringen würde. Nun war die Welt offen. Es würde noch eine Weile dauern bis man alles begriffen hat.
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